Autor:
Thorsten Polleit
Hintergrund | 12.09.2012 | 

Kollektive Korruption

Warum es kein freiwilliges Aussteigen aus dem Fiatgeldstandard geben wird

Nach der monetären Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie führt ein Ausweiten der ungedeckten Papier- oder auch Fiatgeldmenge1 durch Bankkreditvergabe zu einem Zyklus von Scheinaufschwung („Boom“) und notwendiger Bereinigung in einer Rezession („Bust“). Obwohl diese monetäre Erklärung von Wirtschaftskrisen seit Langem bekannt ist, wird in der Geldpolitik nach wie vor nach dem Prinzip der Ankurbelung der Wirtschaft durch frisches billiges Kreditgeld verfahren, auch und gerade im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Der gleiche Fehler wird also wieder und wieder begangen. Für die unablässige Abfolge von Boom-Bust-Zyklen machte Ludwig von Mises (1881 – 1973) die breite Öffentlichkeit und die Politiker verantwortlich, die, so Mises’ Begründung, falschen ökonomischen Lehren anheimfallen; sie seien unbelehrbar. Doch ist das eine ausreichende Erklärung dafür, dass die Fehler immer wieder gemacht werden?

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Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der
Degussa Goldhandel GmbH. Davor war
er 15 Jahre im internationalen Investment
Banking tätig. Er ist zudem Honorarprofessor
an der Frankfurt School of Finance
& Management, Adjunct Scholar am
Ludwig von Mises Institute in Awuburn,
Ala bama, USA, und Mitglied der Friedrich
August von Hayek Gesellschaft.
2012 erhielt er den P. Alford III Prize in
Libertarian Scholar ship. Publikationen-
liste unter: www.thorsten-polleit.com

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Der Teufelskreis der ungedeckten Geldmengenausweitung

Eine tiefer gehende Erklärung ist in der ökonomischen Anreizwirkung zu finden, die das Fiatgeldsystem, wenn es erst einmal in Gang gebracht wurde, unweigerlich mit sich bringt. Das Fiatgeldsystem schafft nämlich handfeste ökonomische Abhängigkeiten. So werden zum Beispiel Unternehmer durch das künstliche Absenken der Zinsen zu Investitionen verleitet, die sich aber nur dann rechnen, wenn die Kredit- und Fiatgeldmenge, bereitgestellt zu immer tieferen Zinsen, anschwillt. Um Verlusten zu entgehen, werden sie eine weitere monetäre Expansion befürworten, gerade wenn eine Rezession droht. In gleicher Weise befürworten auch Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsplätze und ihr Einkommen einem künstlichen Aufschwung verdanken, das Weiterführen des Fiatgeldsystems.

Weil aber vor allem der Staat im Zuge eines Fiatgeldsystems immer weiter anwächst, werden auch immer mehr Menschen direkt oder indirekt abhängig von seiner Finanzkraft: Staatsangestellte, Empfänger staatlicher Pensions- und Transferzahlungen oder Unternehmer, die staatliche Aufträge beziehen. Ein existenzielles Interesse an einer Weiterführung eines Fiatbooms hat – wenig überraschend – natürlich auch und vor allem die Banken- und Finanzwirtschaft. Denn käme der Fiatgeldboom zu einem Ende, wären zum Beispiel die Bilanzvermögen der Banken (in Form von Krediten und Wertpapieren) erheblich wertgemindert und die Untragbarkeit ihrer Verbindlichkeiten (insbesondere aufgrund des Teilreservesystems) käme ans Tageslicht.

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In ihrem gemeinsamen Buch erklären
Thorsten Polleit und Michael von Prollius
die Ursachen der Krise und präsentieren
die Lösung der Rückkehr zu freiem Markt -
geld: „Geldreform – Vom schlechten
Staatsgeld zum guten Marktgeld“, Licht -
schlag Verlag, 2. aktualisierte Aufl., 2011,
191 Seiten, 15,90 EUR

 

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Abhängigkeit macht die Mehrheit zu Komplizen

Ein Fiatgeldsystem macht also weite Teile der Bevölkerung und des Unternehmenssektors im wahrsten Sinne des Wortes ökonomisch abhängig von seiner Fortführung: Es findet sich mehrheitlich eine Unterstützung für eine Politik, die einen drohenden Bust, der an sich die notwendige Folge eines vorangegangenen Booms ist, mit immer mehr Kredit und Geld zu immer tieferen Zinsen zu „bekämpfen“ sucht. Die Mehrheit der Fiatgeld-Abhängigen wird dabei auch weitreichenden Verletzungen der privaten Eigentumsrechte der Einzelnen zustimmen, wie zum Beispiel einem Einschränken der Freiheiten bei der Geldanlage, Handelsverboten oder dem Erlass von Kapitalverkehrsbeschränkungen und einem Auswuchern der Regulierung bzw. der Bürokratie.

Die fortschreitende Verletzung der Freiheiten des Einzelnen lässt sich als Folge „kollektiver Korruption“ beschreiben: Nicht nur einige wenige, sondern eine wachsende Zahl von Gemeinschaftsmitgliedern und ganze gesellschaftliche Gruppen werden zu bedingungslosen Befürwortern staatlicher Zwangsmaßnahmen. In der Konsequenz befürwortet das Eigennutzkalkül des Individuums Politiken, durch die die Gesellschaft zusehends in ein kollektivistisch-sozialistisches Gemeinwesen überführt wird: einen immer stärker wachsenden Staat und Regel- und Regulierungswust, zulasten der individuellen Freiheit. Die kollektive Korruption stellt die Weichen in Richtung hoher Inflation oder sogar Hyperinflation: Denn vor die Wahl gestellt, Pleiten von Staaten und Banken und damit eine Rezession-Depression hinzunehmen oder aber neues Geld zu drucken, wird sich im Zuge einer ausgeprägten kollektiven Korruption eine Mehrheit finden, die gegen Pleitenwellen und für das Gelddrucken plädieren wird.

Nicht wenige, sondern die Mehrheit fürchtet den Ausstieg

Die Theorie der kollektiven Korruption2 steht damit im Gegensatz zur bekannten „Niedergangstheorie“, wie sie Mancur L. Olson (1932–1998) formuliert hat. Olson hatte in seinem Buch „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ (1982), in Weiterführung seiner Arbeit „Logik des kollektiven Handelns“ (1965), das Problem der wirtschaftlichen Sklerose erklärt: Die Vorteilssuche („Rent-seeking“) und der Lobbyismus kleiner, aber machtvoller Gruppen in parlamentarischen Demokratien bewirken einen allmählichen Niedergang gesamtwirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, so dass eine Reform letztlich nur im Zuge einer gesellschaftlichen „Krise“ (Rezession-Depression, Revolution oder Krieg) zustande kommen kann. Während Olson den Zusammenbruch des Papiergeldsystems dem Agieren von Einzelgruppeninteressen zuschreiben würde, identifiziert die Theorie der kollektiven Korruption die Ursache für einen wirtschaftlich-moralischen Niedergang beim Verhalten der Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder.

Die Theorie der kollektiven Korruption lässt sich anschaulich auf die aktuelle Situation im Euro-Währungsraum anwenden. Häufig wird in diesem Zusammenhang ja diagnostiziert, der Weg in ein immer weiter ausuferndes sozialistisch-zentralistisches Europa werde beschritten, weil das Wohl und Wehe der politischen Führungen und weiter Teile ihrer Intellektuellen mittlerweile am Fortbestehen der Einheitswährung hängt: dem Fiateuro; und so werde dem Ziel des Euroerhalts alles bedingungslos untergeordnet. Bürger- und nationale Souveränitätsrechte werden geschleift, eine Schuldenvergemeinschaftung beschlossen und die Zentralbank auf Inflationskurs geschickt, um marode Staaten und Banken über Wasser zu halten. Diese Deutung lehnt sich an Olsons Theorie an, die den Weg in die Knechtschaft auf das Wirken machtvoller Einzelgruppeninteressen zurückführt. Ganz anders die Interpretation auf Basis der Theorie der kollektiven Korruption: Ihr zufolge ist es das Eigeninteresse einer wachsenden Zahl von Nettostaatsprofiteuren, die den Freiheitsraub durch die Politikeliten nicht nur duldet, sondern (still und heimlich) auch unterstützt.

Erst Geldentwertung, dann Depression

Wenn weite Teile der Bevölkerung erst einmal ökonomisch vom Fiatgeld abhängig geworden sind – und das trifft vor allem für die westlichen Umverteilungs-Demokratien zu –, legt die Theorie der kollektiven Korruption folglich nahe, dass alles versucht wird, um den Zusammenbruch des Fiatgeldbooms abzuwenden – selbst wenn das die Kosten der künftigen Krise immer weiter in die Höhe treibt und die Freiheit des Einzelnen raubt. Es ist eine Anreizstruktur, die das schlechteste aller Ergebnisse hervorbringt: Die Logik, die der Theorie der kollektiven Korruption innewohnt, spricht dafür, dass der Fiatgeld-Boom nicht nur in Depression endet, sondern dass ihr die Entwertung des Geldes vorausgeht.

 

1 Der Begriff „Fiat“ kommt aus dem Lateinischen und steht für „es werde“. Unter Fiatgeld wird dementsprechend Geld verstanden, welches – grob gesprochen – aus dem Nichts entsteht.

2 Siehe hierzu Thorsten Polleit, „Fiat Money and Collective Corruption“, in: The Quarterly Journal of Austrian Economics, Vol. 14, No 4, (2011), Seite 397–415.

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