von Manfred Hübner (www.sentix.de)
Auch die neutralen Votes sind wichtig!
Ein weiteres Hilfsmittel, welches dem Anleger durch die sentix-Umfrage
bereitgestellt wird, sind die Charts zur Prognose-Unsicherheit der Anleger
(siehe Chart 2). Diese wird ermittelt, indem der Prozentsatz der neutralen
Votings an der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen berechnet wird. Die Erfahrung
zeigt, daß Marktteilnehmer, die keine klare Meinung haben, eine neutrale
Einschätzung vergeben. Echte „Neutralität“ im Sinne eines auf Sicht von einem
oder sechs Monaten seitwärts tendierenden Marktes wird nur selten geäußert.
Dieses Verhalten ist konsistent mit dem Overconfidence-Bias, also der
Selbstüberschätzung der eigenen Prognosefähigkeiten. Obwohl die Teilnehmer der
sentix-Umfrage auch die Antwortmöglichkeit „keine Meinung“ haben, wird hiervon
anscheinend nur dann Gebrauch gemacht, wenn die Teilnehmer den zu beurteilenden
Markt grundsätzlich nicht beachten. Eine größere Anzahl von echter
Meinungslosigkeit findet sich nur bei Märkten, die wenig im Focus stehen, wie
zum Beispiel der Nikkei-Index oder das Währungspaar US-$-Yen. Folglich ist eine
niedrige Zahl neutraler Votings ein Hinweis darauf, daß die Anleger besonders
großes Zutrauen in ihre Einschätzung haben. Dies wird vor allem dann der Fall
sein, wenn es offensichtliche Gründe gibt, diese Meinung zu vertreten. Ein
Investment entsprechend der eigenen Meinung ist naheliegend. Eine besonders
hohe Wahrscheinlichkeit für eine Trendwende ist demnach dann gegeben, wenn sehr
optimistische oder sehr pessimistische Stimmung und eine niedrige
Prognoseunsicherheit zusammenfallen. Eine solche eindrucksvolle Datenlage gab
es zuletzt am 09. März 2003 (siehe auch
www.sentix.de/analysen/Analyse20030307.htm).
Es sei an dieser Stelle angemerkt, daß die Signale aus der Sentimentanalyse
weniger konkrete Ein- und Ausstiegssignale liefern, als vielmehr Anregungen
geben, eigene konträre Gedankengänge anzustoßen. In Verbindung mit einer
markttechnischen Analyse entwickelt die Sentimentanalyse ihre volle Effektivität.

Die sentix-Daten liefern aber noch weitere nützliche
Informationen. So zeigt der Chart 3 die Differenz im mittelfristigen
EuroSTOXX-Sentiment von privaten zu institutionellen Anlegern. Auffallend ist
der weitgehende Gleichlauf dieser Kurven und die Bestätigung von
Marktwendepunkten durch entsprechende Wendepunkte im relativen Sentiment.
Untersuchungen der sentix-Daten legen die Vermutung nahe, daß institutionelle
Anleger tendenziell bei ihrer mittelfristigen Einschätzung zu einer
antizyklischen Beurteilung neigen, während die Privatinvestoren eher
prozyklisch agieren und von der Kursentwicklung beeindruckt sind. Auf kurze
Sicht ist kein signifikanter Unterschied beider Anlegergruppen erkennbar, hier
zeigen beide ein prozyklisches Verhalten, welches im oben beschriebenen Sinne
konträre Vorgehensweisen nahelegt. Auf mittlere Sicht scheinen die
institutionellen Anleger Marktwendepunkte besser zu treffen, vor allem dann,
wenn die Masse der Privatinvestoren dies nicht erwartet.
Positionierung und Stimmungen sind nicht
das Gleiche
Abgerundet
wird das Angebot an Sentimentinformationen durch Angaben zu den
Aktieninvestitionsgraden der verschiedenen Anlegergruppen (Chart 4). Diese
Information ist sehr wertvoll, da Auskünfte vor allem zur Investitionspolitik
der Institutionellen nur schwierig bzw. mit größeren zeitlichen Verschiebungen
erhältlich sind. Die Investitionsgrade stellen eine Ergänzung bzw. Bestätigung
der Sentimentinformationen dar und zeigen an, ob die Markteinschätzungen auch
in den Portfolios umgesetzt wurden.
Die sentix-Daten zur Brancheneinschätzung haben ebenfalls großen Informationsgehalt
auf künftiges Anlageverhalten, wie zum Beispiel in der Telekomanalyse vom Juli
letzten Jahres nachzulesen ist (siehe www.sentix.de/branchen.php).

Konjunktursignale werden (noch)
ignoriert
Und wie sieht es aktuell aus? Die sentix-Daten zur Konjunktur sowie zu den
Aktien- und Renteninvestitionsgraden zeigen, daß die erneut aufkommenden
Konjunkturzweifel weder am Aktienmarkt (durch entsprechende Verkäufe), noch am
Rentenmarkt (durch Kauf langlaufender Anleihen) berücksichtigt sind. Spätestens
wenn sich ab Anfang Juni die Frühindikatoren nicht wesentlich verbessern,
dürften am Aktienmarkt wieder die Minuszeichen dominieren. Neue Renditetiefs
sollten ebenfalls nicht überraschen.
Die Berücksichtigung von Sentimentinformationen, wie sie beispielhaft im Rahmen
des sentix bereitgestellt werden, erlauben „smarte“ Anlageentscheidungen, auch
oder gerade gegen die vorherrschende Meinung. Im Rahmen regelmäßiger Kommentierungen
im Smart Investor freue ich mich, Ihnen künftig Anregungen für Ihre
Anlageentscheidungen liefern zu können.