| Interview |
21.12.2006, 11:01 |
| Interview mit einem Investor - - „Staaten haben die geringsten Skrupel“
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Rentenfondsmanager Johannes Führ räumt im Gespräch mit Smart Investor mit der Mär auf, Staaten könnten nicht Pleite gehen und nimmt Stellung zu den Anomalien im Weltfinanzsystem.
Smart Investor: Herr Führ, welche Anomalien
beobachten Sie im Weltfinanzsystem?
Johannes Führ: Eine der Verrücktheiten erkennen sie beispielsweise, wenn
Sie sich die Zinsstrukturkurve in den USA anschauen. Historisch gesehen hatten
wir in den letzten 100 Jahren zu 90 % eine reguläre Zinsstruktur, es gab also
einen Spread zwischen dem langen und kurzen Ende. In nur 10 % der Zeit war die
Zinskurve invers. Eine solche Zinsstruktur wurde immer dann bewusst von
politischer Seite eingesetzt, um eine anhaltende Inflation zu beenden und die
langfristige Spekulation mit kurzfristig aufgenommenem Geld zu unterbinden.
Genau das ist Sinn und Zweck einer inversen Zinsstruktur, von der wir derzeit
nur einige Minuten entfernt sind. Zwar hat Greenspan die Zinsen auf 4,25 %
hochgenommen, das lange Ende hat sich aber praktisch nicht bewegt.
Smart Investor: Ist Ihnen das selbst nicht auch ein Rätsel?
Führ: Ja, wir haben das in dieser Form nicht erwartet. Wir sind davon
ausgegangen, dass die alte Regel weiter gilt, wonach der langfristige Zins
normalerweise zwischen 150 und 300 Basispunkten über dem kurzfristigen Zins
schwankt. Das ist eine historische Erfahrung, die aber hier außer Kraft gesetzt
ist.
Smart Investor: Aber weshalb?
Führ: Hierfür gibt es eine nach außen einleuchtende Erklärung, die ich
allerdings nur halb für richtig halte. So haben die USA ein
Leistungsbilanzdefizit, die asiatischen Staaten dagegen erzielen
Leistungsbilanzüberschüsse. Da die Asiaten zudem über wenig geordnete
Finanzmärkte verfügen, fließt Geld in US-amerikanische Vermögenswerte. Das
stimmt zwar, nur war dies auch so, als die Zinsstrukturkurve noch nicht so
aussah wie heute. Deswegen ist diese Erklärung eben nur zur Hälfte wahr. In
Wahrheit ist es schlicht die vielerorts zitierte Überschussliquidität, die die
Nachfrage nach langfristigen Papieren stützt. Normal ist das nicht, ebenso dass
ein AAA-Schuldner nicht mehr 1 bis 2 % Zinsen weniger zahlt als ein
BBB-Schuldner.
Smart Investor: Bevorzugen Sie nicht ohnehin nur AAA-Schuldner?
Führ: Nein, das tun wir nicht. Wir bevorzugen Emittenten, deren Qualität
sich in der Tendenz verbessert, weil eine Verbesserung der Entwicklung der
Bonität den entscheidenden Rahmen vorgibt. Es kommt dagegen überhaupt nicht
darauf an, heute AAA-Anleihen zu kaufen, wenn ich weiß, dass sich das Rating
tendenziell auf ein A verschlechtern wird. Nehmen sie dagegen den
Industriesektor, hier beobachten wir seit zwei Jahren eine Verbesserung der
Bonitäten, so dass dieses Segment vor einer Neubewertung steht.
Smart Investor: 10jährige Bundesanleihen sind demnach momentan für Sie
tabu?
Führ: Mal langsam, so einfach können sie es sich nicht machen. Aber natürlich
gehen wir davon aus, dass die Bundesrepublik ihren AAA-Status in den nächsten 5
bis 6 Jahren verlieren wird. Deutsche Anleihen werden den selben Weg gehen wie
in Japan, das heute unter einer Schuldenlast von über 170 % des BIP lechzt und
daher sein AAA-Rating verloren hat. Deutschland dürfte im genannten Zeitraum
eine ähnliche Verschuldungsquote haben wie Japan.
Smart Investor: Das klingt ja sehr beunruhigend.
Führ: Nur ist das eine einfache Rechnung. Innerhalb der
christlich-sozialistischen Koalition finden wir keinerlei Ansätze für eine
grundlegende Sozialreform. Mit viel Glück wird die Wirtschaft so etwas wie
einen Aufschwung hinbekommen, aber die Probleme mit beispielsweise der
Altersstruktur oder der Finanzierung der zunehmenden Umverteilung werden so
keiner Lösung zugeführt. Selbst die 100 Mrd. Euro aus der UMTS-Versteigerung
wurden für die Umverteilung verpulvert. Pro Jahr dürften 50 bis 80 Mrd. Euro
neue Schulden hinzukommen, plus Zinsen.
Smart Investor: Steht dann nicht ein Staatsbankrott zu befürchten? Wie
könnte dieser aussehen?
Führ: Ein Staatsbankrott ist überhaupt nicht ausgeschlossen, sondern im
Gegenteil, eher die Regel. Bereits im alten Ägypten waren diejenigen die
Dummen, die ungenügend besichertes Geld verliehen haben. Auch die erste
Wirtschaftmacht der Welt, Portugal, hat im 14. Jahrhundert Pleite gemacht,
gefolgt von Spanien, Frankreich. Es gibt praktisch kein europäisches Land, das
nicht schon einmal Pleite gemacht hat. Man erinnere sich nur an Rußland und
Argentinien, denen wir erst kürzlich ihre Schulden erlassen haben. Ich weiß gar
nicht, wer immer erzählt, Staaten könnten nicht Pleite machen. Sie können es
eben doch, weil sie die geringsten Skrupel haben.
Smart Investor: Wie genau läuft ein Staatsbankrott ab?
Führ: Zunächst einmal fällt man aus dem Qualitätssegment heraus. In der
Folge muss das Land immer höhere Kupons bezahlen, andererseits wertet die
Währung kontinuierlich ab. Zu diesem Zeitpunkt werden immer weniger Gläubiger
bereit sein, dem Land Geld zu leihen. Dann ist es praktisch nur noch eine Frage
der Zeit. Japan allerdings hat es intelligenter gemacht. Deren Weg aus der
Pleite war der Niedrigzins. Der Kupon ist hier nahe Null, aber das Land zahlt
eben noch. Die Regierung hat dann 10 oder 20 Jahre Zeit, um den nachfolgenden
Generationen zu erklären, warum sie die Umverteilung im bisherigen Ausmaß nicht
mehr bezahlen will und kann. Parallel wird Inflation erzeugt, um den
Schuldenberg wieder abtragen zu können.
Smart Investor: Vielleicht können Sie uns in diesem Zusammenhang den
Begriff des Zinsbodenzyklus kurz erläutern?
Führ: Hintergrund hierfür sind Zinszyklen, die in der Vergangenheit 10
Jahre anhielten. Charakteristisch waren sieben Jahre fallende und drei Jahre
steigende Zinsen. Innerhalb dieser Zyklen hat man ein aktives
Laufzeitenmanagement praktiziert. Am Beginn des Zyklus hat man lange Laufzeiten
mit AAA gekauft, nach sieben Jahren die Laufzeiten massiv verkürzt. Dieser
Zyklus ist 1999 zu Ende gegangen. Jetzt haben wir einen neuen 10jährigen
Zyklus, wo die Zinsen mit geringen Ausschlägen am Boden bleiben. Die Ausschläge
über dem kurzfristigen Zinsniveau bewegen sich zwischen null und 3 %.
Smart Investor: Sind die Notenbanken damit nicht immer weniger in der
Lage, dem Spagat zwischen Inflationsbekämpfung und den Konjunktursorgen der
Politik zu begegnen?
Führ: Die Politik hat keine konjunkturellen Sorgen. Deren Problem ist
die Verschuldung, denn jedes Jahr wächst der Anteil der Zinslast. Die größte
Sorge der Politik sind damit steigende Zinsen. Läge der Zins dort, wo es
notwendig wäre, um der jetzigen Inflation geeignet zu begegnen, nämlich bei 7
bis 9 %, wäre dies eine äußerst prekäre Lage. Schauen sie in diesem
Zusammenhang, was mit dem Stabilitätspakt passiert ist, der existiert nurmehr
auf dem Papier.
Smart Investor: Was steht Europa denn nun tatsächlich ins Haus:
Inflation, Deflation, Stagflation?
Führ: Die sozialistische Begründung, es gäbe kein Wachstum ohne
Inflation, ist nichts weiter als eine Theorie. Inflation zerstört das
zugrundeliegende Kapital, die Umverteilung führt zu höheren Schulden, beschwört
die Geldentwertung somit herauf. Demzufolge gibt es für jene, die Kapital haben
und keine Inflation wollen, nichts Schöneres als eine Deflation. In unseren
Augen haben wir derzeit in Europa eine Inflation, die insgeheim drei bis
viermal höher sein dürfte als offiziell verkündet wird. Da die Wirtschaft in
Europa zudem schwächer wächst als die Inflation, haben wir eine Stagnation.
Zusammengefasst ergibt das eine Stagflation, aber eben nur in den Kernländern
Frankreich und Deutschland.
Smart Investor: Wie bewegen Sie sich nun in diesem zugegebenermaßen
schwierigen Umfeld?
Führ: Mit Geld kann man zweierlei Sachen tun: Beteiligungen eingehen
oder es verleihen. Beim Verleihen ist es nun wichtig, in der Höhe des
verliehenen Kapitals Sicherheiten zu bekommen. Aufgabe eines
Rentenfondsmanagers ist es demnach heute, die Bonitäten zu untersuchen. Die
Frage ist, wie sich Bonitäten welcher Emittenten verändern werden. In den 50
Nachkriegsjahren mussten wir uns die Bonitätenfrage überhaupt nicht stellen,
das ist der Unterschied zu heute. Wir haben einfach AAA-Anleihen gekauft, die
Laufzeiten aktiv gemanagt. Heute managt man Bonitäten, allerdings ist das
nichts wirklich Neues. Wir kommen einfach zu den Ursprüngen zurück.
Smart Investor: Alles in allem sprechen Sie unangenehme Wahrheiten aus.
Wie fühlt man sich so als Contrarian?
Führ: Ich bin kein Contrarian, stattdessen denke ich wie Leute, die
Vermögen und Kapital besitzen. Die Leute jedoch, die kein Vermögen haben,
sondern einfach nur gut versorgt sind oder sein wollen, haben gänzlich andere
Gedanken über die Wirtschaft und die Geldentwertung als diejenigen, die Vermögen
haben. Ihnen sind Gedanken darüber, ob ihr Geld durch Inflation weniger wird,
fremd.
Smart Investor: Herr Führ, vielen Dank für den Blick hinter die Kulissen.
Interview: Tobias Karow
Vita Johannes Führ:
Johannes Führ ist seit 1978 in der Vermögensverwaltung aktiv. Zunächst durchlief
er bei der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch zahlreiche Stationen,
zuletzt als Repräsentant der Merrill Lynch Bank Schweiz AG in Genf. Im Jahr
1989 gründete er seine nach ihm benannte Vermögensverwaltung und ist über diese
unter anderem für die Universal Fonds Renten-Global sowie Aktien-Global
verantwortlich. In jüngster Vergangenheit wurde der
Johannes-Führ-Renten-Wachstum-AMI-Fonds bei der Fondsgesellschaft Ampega
aufgelegt.
Dieses Interview erschien im Smart Investor Magazin 2/2006.
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