| Interview |
09.01.2008, 10:47 |
| „Blasengefahr bei Rohstofftiteln, defensive Sektoren interessant“ -
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Smart Investor sprach mit dem schweizerischen Investment Advisor Alfons Cortés über die „Technische Analyse“, das Ende großer Trends und seine aktuelle Markteinschätzung.

Alfons Cortés,
Jahrgang 1946, berät als Investment Advisor private wie auch große
institutionelle Anleger, so u.a. die zum Fürstenhaus Liechtenstein gehörende LGT
Group. Seine Analysen erscheinen im Monitor-Report der LGT, eine wöchentliche
Kolumne in der schweizerischen Zeitung „Finanz und Wirtschaft“.
Smart Investor: Man wird nicht als Börsianer geboren. Wie
haben Sie ihre Leidenschaft für die Börse entdeckt?
Cortés: Mein Onkel war Wertpapierhändler und hat schon ziemlich
früh angefangen, mit mir über die Börse zu reden. Das hat mich interessiert.
Eigentlich aus dem gleichen Grund, warum ich mich auch für Medienwissenschaften
interessiere und immer wieder Bücher darüber lese. Die Börse ist eine
unglaublich kommunikative Angelegenheit. Sie besteht im Wesentlichen aus
Kommunikation. Viel mehr als der Gütermarkt. Die Kommunikation findet über die
Preise statt, aber auch über fundamentale Unternehmens- und makroökonomische
Analysen. Die Preise sind dabei die oberste Instanz. Sie zeigen an, wie all
diese Kommunikation letztendlich verwertet wird.
Smart Investor: Wann und wie haben Sie mit der Technischen
Analyse angefangen?
Cortés: 1971 wollte ich die Thesen, die der spätere
Nobelpreispreisträger für Ökonomie, Friedrich August von Hayek, in seinem Werk
„Individualismus und wirtschaftliche Ordnung“ aufgestellt hat, in der
Vermögensverwaltung umsetzen. Im Wesentlichen geht es dabei um die Bedeutung
von Veränderungen bei relativen Preisen. Anhand seiner Thesen entwickelte ich
ein Verfahren, mit dem ich mich durch die Märkte hindurch arbeite.
Smart Investor: Warum verwenden Sie in den Charts für Ihre
„Finanz und Wirtschaft“-Kolumnen stets Bollinger-Bänder?
Cortés: Bevor wirklich große, jahrelang anhaltende Trends sich
ändern, ändert sich die Volatilität (Schwankungsbreite von Kursen). Da stellt
sich immer die Frage, welche Volatilitätsänderung ist relevant? Die
Bollinger-Bänder helfen da zwischen bedeutungsloser Volatilität und einer
wirklichen Verschiebung der Präferenzen zu unterscheiden.
Smart Investor: Die von den Bändern angezeigten
Volatilitätsausbrüche sind also Anzeichen für eine nachhaltige
Präferenzverschiebung?
Cortés: Ja, wobei ich sagen muss, es gibt nichts Absolutes an der
Börse. Sie haben völlig zu Recht „Anzeichen“ gesagt. Man muss immer Vieles
vernetzen. Die technische Analyse geht nicht in die Tiefe. Das kann nur die
Fundamentale Analyse. Aber man kann die technische Analyse so anlegen, dass sie
in die Breite geht. Wenn Sie die Veränderungsrate nicht nur von nominellen
Preisen messen, sondern auch von relativen Preisen, sowie der Volatilität und
der Umsätze von sehr, sehr vielen Objekten, beginnend mit Indizes, dann
heruntergehend auf Sektorenindizes und schließlich auf Einzelaktien, auf
Devisen, Zinsen und Obligationen – wenn Sie das alles vergleichen, bekommen Sie
ein aufschlussreiches Gesamtbild. Die grundsätzliche Frage hierbei lautet:
Handeln viele Leute an vielen Orten weitgehend übereinstimmend oder nicht. Wenn
diese Frage mit ja beantwortet ist, folgt die nächste: Wie lange schon? Je
länger das schon der Fall ist, umso größer die Gefahr, dass dieser Trend einmal
zu einem Ende kommt.
Smart Investor: Woran erkennt man dann, dass große Trends zu
einem Ende kommen?
Cortés: Wenn es nach einem großen Trend, z.B. der Baisse 2000 bis
2002, zu einem Seitwärtstrend kommt, wo dann einzelne Sektoren noch weiter
fallen, andere aber bereits nach oben ausbrechen, so geschehen damals in der
Periode Oktober 2002 bis März 2003, dann ist dies ein klarer Hinweis darauf,
dass sich gerade eine neue Zukunftsversion durchzusetzen beginnt. Die alte war
damals auf Rezession gestimmt.
Smart Investor: Wie lautete denn damals die neue
Zukunftsvision?
Cortés: Ein Kollege von mir war im März 2003 in Hongkong und
teilte mir mit, das er für seinen Fonds, der seit Auflegung jedes Jahr seine
Benchmark übertraf, angefangen hätte, Stahl-, Minen- und Ölaktien zu kaufen.
Viele haben damals darüber nur den Kopf geschüttelt. Nicht einmal die Leute in
Hongkong haben gemerkt, was nördlich der Grenze gerade losgebrochen war,
nämlich ein Wachstumsschub. Für Minenaktien gab es damals überhaupt keine
fundamentalen Analysen neueren Datums und Stahlaktien sahen sehr teuer aus. Das
lag daran, dass die fundamentalen Analysen allesamt eine Vergangenheit
reflektierten, die nichts mit der Zukunft zu tun hatte. Sie reflektierten ein
Überangebot an Stahl. Der Wachstumsschub in China brachte aber das Gegenteil
hervor. Natürlich gibt es immer einige Investoren, die smarter sind als die
übrigen. Und als die Märkte anfingen, heterogen zu werden, konnten wir in
gewissen Sektoren ein völlig anderes Geschehen feststellen als in den Indizes.
Dies war damals dann der Hinweis, nicht die Sicherheit aber der Hinweis, dass
smarte Leute irgendetwas gemerkt haben. Durch ihr abweichendes Verhalten
veränderten sie die Momentumwerte der betreffenden Sektoren im Verhältnis zum
Verlauf der Indizes.
Smart Investor: Ein ähnliches Phänomen, aber vielleicht mit
umgekehrten Vorzeichen, lässt sich aktuell feststellen. Seit einigen Monaten
gibt es erhebliche Divergenzen an den Aktienmärkten. Die Anzahl starker Aktien
und Sektoren ist erkennbar rückläufig. Muss man jetzt nach der
US-Hypothekenkrise davon ausgehen, dass der mehrjährige Bullenmarkt bei Aktien
beendet ist?
Cortés: Wir haben klare Signale, dass wir uns auf das Ende der
seit 2003 laufenden Hausse hinbewegen. Zunehmende Divergenzen sind für diese
Phase typisch. Grundsätzlich gilt es zu beachten, dass langfristige Trends nur
auf zwei mögliche Arten enden: Entweder entwickeln sich Blasen, die dann
irgendwann platzen oder – und das ist häufiger der Fall – es kommt zu einer
zermürbenden Phase mit trendloser Volatilität. Im Moment erscheint mir die
zweite Möglichkeit, also eine Schaukelbörse, die wahrscheinlichere Variante zu
sein.
Smart Investor: Welche Branchen würden Sie für Investitionen
derzeit bevorzugen?
Cortés: Die bisherigen Präferenzen scheinen sich gerade zu
Gunsten defensiver Sektoren zu verschieben. Den Monitor-Abonnenten haben wir
daher Investitionen in nichtzyklische Konsumgüterwerte, in Energieversorger und
in Telekommunikationssektor empfohlen. Interessant ist, dass Pharmaaktien von
dieser Entwicklung nicht profitieren. Hinter dieser relativen Schwäche könnte
die Botschaft stecken, dass der Patentschutz eher abnehmen wird, während
Interventionen durch die Regulierungsbehörden und Haftungsrisiken tendenziell
eher zunehmen.
Smart Investor: Was ist mit Minenaktien, Öl- und
Stahlunternehmen?
Cortés: In diesen Sektoren wäre ich eher etwas vorsichtig.
Bereits im Sommer habe ich für die Rohstoffproduzenten eine Blasenbildung
avisiert und ich denke, wir sind jetzt dort drin. Ich kann nicht sagen, dass es
schon vorbei ist. Man sollte aber aufpassen, dass man nicht den Ausstieg verpasst.
Smart Investor: Auf welche, technischen Warnsignale sollte
man als Anleger achten?
Cortés: Auf Erholungen. Dass es nach langen, starken Anstiegen zu
Korrekturen kommt, ist normal. Wichtige Signale liefern die Erholungen nach
solchen Korrekturen. Wenn es zu einer vergleichsweise schwachen Erholung kommt,
ist dies ein erstes, negatives Signal.
Smart Investor: Aus den bisherigen Korrekturen seit 2003 sind
die Minen- und Rohstoffaktien aber stets gestärkt hervorgegangen. Sie haben
regelmäßig schneller als der Gesamtmarkt ihre vorhergehenden Höchststände
wieder überschritten.
Cortés: Das ist soweit richtig. Als Warnsignal interpretiere ich
aber das Faktum, dass defensivere Sektoren wie die oben genannten an relativer
Stärke gewinnen. Wir haben in dem Sinne Präferenzverschiebungen, dass Titel wie
Unilever, Coca Cola, Procter & Gamble, Colgate, Palmolive, Nestle usw. seit
einigen Wochen an relativer Stärke im Vergleich zu Rohstofftiteln wie Anglo
American oder auch im Vergleich zu Goldminenaktien zulegen. Verkaufen sollte
man bisherige Favoriten aber erst, wenn sie nicht mehr gestärkt aus einer
Korrektur hervorgehen, wenn ihre relative Stärke im Vergleich zum Gesamtmarkt
sowie das Preismomentum selbst abnehmen.
Smart Investor: Über die letzten Jahre haben kleinere und
mittlere Aktien die großen Werte regelmäßig in den Schatten gestellt. Seit
einigen Monaten kann man aber auch hier Veränderungen wahrnehmen. Handelt es
sich hierbei um eine große Trendwende zu Gunsten der großen Titel?
Cortés: Ja. Auch diese Entwicklung passt zu meiner Annahme, dass
der Bullenmarkt in einem sehr späten Stadium ist. Da investieren insbesondere
viele institutionelle Anleger wieder näher am Index und bevorzugen dabei große,
liquide Titel, also z.B. lieber DAX-Werte statt MDAX-Titel, besser S&P100
als S&P500 usw.
Smart Investor: Vielleicht zum Abschluss noch ein Wort zum
Währungsmarkt?
Cortés: Ich denke, dass die Yen-Schwäche im Wesentlichen vorbei
ist. Von stark zu schwach würde ich derzeit die folgende Reihenfolge
aufstellen: Yen, Franken, Euro, Dollar.
Smart Investor: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Daniel Haase, freier Mitarbeiter des Smart Investor
Magazins und Geschäftsführer der Haase & Ewert GbR (www.HaaseundEwert.de)
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