Kanada – Auf den Spuren Jacques Cartiers

Auf den Spuren Jacques Cartiers

Cartier? Der Uhrenhersteller? Nein. Jacques Cartier benutzte im 16. Jahrhundert das Wort
„canada“ zur Beschreibung eines größeren Gebietes, das vom Häuptling eines irokesischen
Ureinwohnerstammes beherrscht wurde. Das Wort setzte sich durch, bald hieß das gesamte Land nördlich des Sankt-Lorenz-Stromes Canada.

Manches Bekanntes

Heute ist Kanada für Aussiedler eines der interessantesten Länder, denn es verbindet den immer noch anziehenden nordamerikanischen Lebensstil mit europäischer Gründlichkeit. Nicht zuletzt weil sich Kanada in den vergangenen 20 Jahren zu einem ernst zu nehmenden Investitionsstandort gemausert hat. Mitte 1985 wurde mit dem Investment Canada Act die Grundlage für einfachere Ansiedlungen ausländischer Unternehmer und Neugründer gelegt. Dabei ist die duale Behandlung einer Firmengründung zu beachten. Viele Bundesgesetze, die in der kanadischen Hauptstadt Ottawa erlassen werden, sind durch zahlreiche Ausnahmen der Provinzen aufgeweicht und den jeweiligen Bedürfnissen der Regionen angepasst. Weiterhin gibt es eine Unzahl von Vorschriften etwa zur Etikettierung von für den Export bestimmten Waren, die auf englisch und französisch zu erfolgen hat. Wie an den EU-Außengrenzen obliegen Kapitalausfuhren über 10.000 CAD (= kanadischer Dollar) der Deklarationspflicht.
Zudem ist zum Beispiel der Vertrieb von Konsumgütern ähnlich wie in den USA sehr werbe- und damit kostenintensiv. Jeder, der Kanada besucht und den Fernseher einschaltet, wird sich fragen: Muss die Unterbrechung von Werbejingles durch Nachrichten, Talkshows oder Sitcoms wirklich sein?

Firmengründung ist nicht trivial

Im Zusammenhang mit einer Firmengründung, aber auch für Privatpersonen, ist selbstverständlich die steuerliche Situation entscheidend für den Entschluss, ins bisweilen öde Kanada zu ziehen. Kanada ist, und da gibt es nichts daran zu deuteln, ein Hochsteuerland – mit allerdings vielen kleinen Ausnahmen, die als Anreize für das Steuersparen verstanden werden können. Deutsche Auswanderer sind an diesem Punkt aber weit Schlimmeres
gewohnt. Die Einkommensbesteuerung erfolgt stufenweise:
Bis knapp 32.000 CAD sind 16% fällig, das steigert sich dann bis hinauf auf 29% ab 103.001 CAD. Allerdings ist damit nur der Bundesanteil auf das Einkommen abgedeckt, die Provinzen
schlagen dann nochmals zwischen 7 und 13% obendrauf. Auf Seiten der Kapitalertragsbesteuerung zeigt sich Kanada insofern gnädig, als dass nur 50% der Erträge, egal in welchem Zeitraum diese erzielt wurden, mit dem individuellen Steuersatz belegt werden. Dafür können Verluste angerechnet werden. Dividenden und Zinsen werden pauschal mit 15% besteuert. Ausnahmen gibt es wiederum bei Altersvorsorgesparplänen,
die während der Ansparphase steuerbefreit bleiben. Erst beim Abrufen der Vorsorgeleistung wird ein Steuerobolus fällig. Eine Erbschaftssteuer gibt es dagegen nicht, hier orientiert
sich Kanada (anders als Deutschland) an der international gängigen Praxis.
Ontario gibt den Takt vor Kanada setzt also durchaus auf einen starken Finanzdienstleis –
tungssektor, allen voran das wirtschaftliche Zentrum Kanadas, die Provinz Ontario. In deren Hauptstadt Toronto wird der Finanzindustrie nicht nur ganz gezielt eine leistungsfähige Infrastruktur zur Verfügung gestellt, es gibt auch eine klare Vorstellung davon, wie das Wachstum hier weiter angeschoben werden soll. Den Schlüssel sieht Ontario in einer engen Verzahnung zwischen der Finanzindustrie und den Bildungseinrichtungen. Ontario ist da sehr pragmatisch und fragt zum Beispiel:
Warum sollen wir Schweißer zuwandern lassen, wenn wir Bilanz- oder Rohstoffspezialisten benötigen? In enger Kooperation mit Think Tanks wie dem CD Howe Institute werden diese
Strategien permanent überprüft. Zuletzt ergab eine Studie ein überraschendes Ergebnis: Der Preis eines Pkws ist in Barrel Öl berechnet so günstig wie seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr.
Demnach sei – dem Institut zufolge – derzeit keine gute Zeit, um weitere Pkw-Produktionsstraßen in Ontario anzusiedeln. Wohlgemerkt ist Ontario der größte Autoproduzent Nordamerikas, das Wachstum dieses Zweiges war eine der Haupttriebfedern
für den industriellen Aufstieg Ontarios. Aber mit einer gewissen Zeitverzögerung wird die Provinz-Regierung hierauf reagieren, es wäre nicht das erste Mal. Zum Beispiel gibt es in Ontario Steuergutschriften, die abgerufen werden können, sobald die Ausbildung von Lehrlingen in einem Unternehmen forciert wird. Die Körperschaftssteuerbelastung von 34% (das sind im Durchschnitt 4% weniger als in amerikanischen Bundesstaaten) ist damit allenfalls eine Orientierungsgröße.

Gezielte Auswahl

Andernorts werden Einwanderer ebenfalls bemerken, wie Kanada in Bewegung ist. In Ottawa zum Beispiel spielt sich heute ein lebhaftes kulturelles und politisches Leben ab, nachdem
die Stadt noch bis vor 20 Jahren ein wirklich verschlafenes und langweiliges Nest gewesen war. Montreal war schon immer etwas mondäner als der Rest Kanadas, Vancouver ist zwar etwas weit ab vom Schuss, allerdings spielt die Stadt mittlerweile eine gewichtige
Rolle im Minenbusiness. Edmonton in der Provinz Alberta wiederum boomt an jeder Ecke, dem Ölsandbergbau sei Dank. Ein Problem hat der Rohstoffsektor allerdings: Ihm fehlen die Fachkräfte. Allein mit Finanzdienstleistungen wird also kein Staat zu machen sein. Das Einwanderungsprogramm Kanadas sieht glücklicherweise Möglichkeiten vor, Zuwanderung über die Qualifikation der Bewerber zu steuern. Jeder muss hier einen „Staatstauglichkeitstest“ machen. Maximal sind hier 100 Punkte zu erreichen, wer weniger
als 75 erringt, muss nach seinem Urlaubsaufenthalt die Heimreise antreten. Neben dem Ausbildungsstand ist die Möglichkeit einer Firmengründung ein wichtiger Einwanderungsgrund,
ebenfalls Verwandtschaftsbeziehungen. Firmengründer sollten mindestens 300.000 CAD Eigenkapital mitbringen und stichhaltig nachweisen können, tatsächlich Arbeitsplätze
schaffen zu wollen.

Absicherung auf mehreren Säulen

Haben Einwanderer diese erste Hürde übersprungen, ist das „work permit Visa“, also die Aufenthaltsgenehmigung für 24 Monate aus beruflichen Gründen, nur mehr reine Formsache. Wer länger im Land bleiben will, benötigt eine „permanent residence“. Damit dürfen Emigranten dann unbegrenzt in Kanada residieren. Wer so weit ist, sollte sich auch bereits mit dem kanadischen Krankenversicherungssystem und dem Sozialapparat als Ganzes beschäftigt haben. Im Bereich der Gesundheit existiert eine steuerfinanzierte Basisvorsorge
(einzig in Alberta und British Columbia werden eigens hierfür Beiträge erhoben), deren Leistungsniveau zwar zuzahlungsfrei, dafür aber auch sehr gering ausfällt. Medikamente, eine
Versorgung im Notfall oder zahnärztliche Behandlungen müssen über Zusatzversicherungen abgedeckt werden. Auf der Ebene der Provinzen existieren daneben weitere Systeme, wie
etwa der Ontario Health Insurance Plan (OHIP). Jede Provinz ist für die Behandlungsstandards verantwortlich, die Systeme werden über spezielle Beiträge der Versicherten finanziert. Bislang ist es zudem verboten, notwendige medizinische Eingriffe außerhalb staatlicher Institutionen vornehmen zu lassen. Quebec wagt es nun, dies aufzubrechen, aufgrund der
insgesamt im Vergleich zu Deutschland schlechteren Qualität der Gesundheitsversorgung
wird damit ein privater Zweig der Gesundheitsversorgung immer wahrscheinlicher. Aber Gesundheit ist nur das eine, die Rente ist auch für Auswanderer ein permanent wichtiges
Thema. Kanada hat mit dem „Canada Pension Plan“ eine Grundversorgung, die aber auch wirklich nur eine Basis darstellen kann. Daneben hat praktisch jeder Betrieb für seine Mitarbeiter eigene Programme aufgelegt. Diese zweite Säule plus operative Anstrengungen
bürden Kanadiern zu Lebzeiten ordentliche Lasten auf, um sich fürs Alter abzusichern.

Fazit

Kanada gehört nicht umsonst zu den Ländern mit der höchsten Lebensqualität. Die bisweilen veraltete Infrastruktur ist typisch nordamerikanisch, daran gewöhnt man sich. Daneben ist Kanada kein Niedrigsteuerstandort. Insofern ist das Land geeignet für Investoren mit einem
langfristigen Horizont, die auf stabile und verlässliche Rahmendingungen setzen. Umsonst gibt es dies freilich nicht, für Steuersparer dürfte Kanada damit außen vor bleiben.

Tobias Karow

aus Smart Investor 4/2008