Smart Investor Weekly 2/2011: Ein Blick zurück – das Jahr 2010 im Musterdepot

Obwohl an der Börse bekanntlich immer die Zukunft gehandelt wird, wollen wir an dieser Stelle noch einmal auf das schauen, was sich im vergangenen Jahr rund um unser Musterdepot ereignet hat.

Besser geht’s (fast) nicht
Dass das letzte Jahr für Aktien kein schlechtes war, ist hinlänglich bekannt. Mit einem Zugewinn von rund 16% schnitt der DAX weit besser als im historischen Durchschnitt ab. Befeuert von einer zügellosen Geldpolitik und einer stetig an Dynamik gewinnenden Weltwirtschaft fanden insbesondere deutsche Firmenanteile immer mehr Käufer. Auch wenn die Entwicklung des hiesigen Leitindex wahrlich das Gegenteil einer Enttäuschung war, so wären zumindest wir doch arg enttäuscht gewesen, hätten wir in unserem Musterdepot nicht noch einmal deutlich besser abgeschnitten. Mit einem Jahreszuwachs von exakt 34,9% auf nahezu 390.000 EUR liegen wir in der Schlussabrechnung klar vor unserer Benchmark. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass wir dieses überaus erfreuliche Ergebnis anders als die meisten anderen Musterdepots nicht allein mit einer Handvoll Titel erzielt haben. Stets hielten wir mehr als 20 Positionen, zuletzt gar fast 30. Die breite Streuung belegt, dass die Performance nicht einem alleinigen Glückstreffer zuzuschreiben ist. Hinzu kommt, dass wir keine Fantasiekurse unserer Berechnung zu Grunde legen. Wir buchen eine Aktie nur dann ein, wenn unser Kauflimit NACH der Bekanntgabe einer beabsichtigen Neuaufnahme auch tatsächlich mit entsprechenden Umsätzen erreicht wurde. Manch ein Börsenbrief rechnet sich seine Performance indes schön, wenn er die von seinen Lesern ausgelöste Kaufwelle bereits als eigenes Kursplus verbucht. Doch davon hat der Leser am Ende wenig. Eher dürfte in ihm der Eindruck entstehen, dass hier jemand versucht, auf seine Kosten eine möglichst hohe Rendite zu erzielen.

Die Stars des letzten Jahres
Wenngleich sich die Kursgewinne auf eine Vielzahl an Schultern verteilten, so stechen einige unserer Outperformer doch klar heraus. Um rund 120% legten Papiere des Internet-Reifenhändlers Delticom* zu. Profitierte das Unternehmen zu Jahresbeginn noch von einem extrem langen und schneereichen Winter, so legte im weiteren Verlauf auch das Sommerreifengeschäft deutlich zu. Im vierten Quartal musste der Vorstand dann gleich mehrfach die eigene Prognose anheben nachdem der Bund eine Winterreifenpflicht beschloss und sich wieder einmal recht früh, recht kaltes Winterwetter ankündigte. Derzeit konsolidiert die Aktie diesen rasanten Anstieg, was nicht weiter verwunderlich ist. Grundsätzlich bleibt die Delticom-Story intakt. Das skalierbare Geschäftsmodell und der Vertriebskanal Internet bieten dem Unternehmen eindeutige Wettbewerbsvorteile. Ein weiterer Top-Titel des letzten Jahres war Eurofins. Dieser fuhr ein auf den ersten Blick nicht allzu spektakulären Kursgewinn von 45% ein, bedenkt man allerdings, dass wir die Aktie gerade einmal fünf Monate im Depot hatten – die Aufnahme erfolgte Ende Juli –, so ist das Resultat mehr als zufriedenstellend. Der deutsch-französische Labordienstleister erntet inzwischen die Früchte eines konsequenten Kostensenkungs- und Optimierungsprogramms. Das Geschäftsmodell sieht vor, kleinere Labore zu übernehmen, diese zu modernisieren und Schritt für Schritt auf das Profitabilitätsniveau der anderen Standorte zu bringen. Als Initialzündung für den Kursaufschwung sorgte zum Halbjahr zudem die Meldung über ein breites Anziehen der Auftragslage. Wir erwarten von Eurofins in den nächsten Monaten eine Fortsetzung dieses operativ überaus erfreulichen Aufwärtstrends.

Ebenfalls noch nicht allzu lange halten wir wieder Arques*-Anteile im Depot. Unser Kauf hätte kaum besser getimt sein können. Unmittelbar nach unserem Einstieg legte das Papier eine eindrucksvolle Rally hin. Offenbar spricht sich die Story der „neuen“ Arques allmählich rum. Das Geschäftsmodell „Unternehmenssanierung“ hat man nach Rückkehr des alten Arques-Chefs Löw und dessen Einzug in den Aufsichtsrat aufgegeben. Nunmehr konzentriert man sich ganz auf den Telefonhersteller Gigaset, an der Arques nach der Einigung mit Siemens 100% der Anteile hält. Um der Neuausrichtung auch nach außen sichtbar Rechnung zu tragen, beschloss der Vorstand zuletzt die Umbenennung in Gigaset. Bereits in naher Zukunft könnte diese neue „Gigaset AG“ dann in den SDAX aufgenommen werden. Im Zuge dessen rechnen wir mit einer nochmals höheren Aufmerksamkeit unter Fondsmanagern und Analysten.

Und hier die Enttäuschungen
Wir wollen an dieser Stelle jedoch keineswegs die Enttäuschungen und Flops des vergangenen Jahres verschweigen. Von den derzeit noch im Depot befindlichen Werten sind wir vor allem mit der Entwicklung einer Grifols unzufrieden. Zwar entsprachen die vorgelegten Ergebnisse des spanischen Healthcare-Konzerns zuletzt den Erwartungen, Impulse für die Aktie blieben dennoch aus. Stattdessen pendelte der Titel seit Monaten in einer engen Handelsspane zwischen 9 und 11 EUR. Gut möglich, dass die Gerüchte um baldige Finanzierungsschwierigkeiten des spanischen Staates und die daraus folgenden Belastungen für die dortige Börse auch für Grifols hemmend wirken. Da auch unsere Geduld endlich ist und wir dem spanischen Markt auf absehbare Zeit keine bessere Entwicklung zutrauen (vor allem wegen dem absehbaren Drama mit den dortigen Staatsfinanzen), werden wir ab morgigen Mittwoch die Grifols-Aktie mit einem Limit von 9,95 EUR zum Verkauf stellen. Bereits vor einigen Monaten verkauft wurde der brasilianische Eisenerzproduzent Vale. Der recht träge Kursverlauf des Schwergewichts gab hier den Ausschlag, dass wir uns recht frühzeitig aus dem Wert wieder verabschiedeten. Da wir auch ohne Vale recht rohstofflastig aufgestellt waren, zog der Ausstieg keine allzu große Lücke in der sektoralen Ausrichtung des Depots nach sich. Unter strenger Beobachtung befindet sich darüber hinaus die Solarworld-Aktie. Vor allem das Timing des Einstiegs war rückblickend mehr als unglücklich. Im Moment interessieren sich kaum Anleger für den Solarsektor, was die Bewertungen weiter drückt. Hinzu kommt eine große Unsicherheit über die künftige Förderpraxis in wichtigen Schlüsselmärkten wie Deutschland, Frankreich und Spanien. Mit einer Phoenix Solar wurden wir aus denselben Gründen nicht glücklich. Hier zogen wir nach einem prozentual zweistelligen Kursverlust schließlich die Reißleine.

Auf die Besten setzen
Leser, die unser Depot nicht in Gänze nachbilden können oder wollen, orientieren sich bei ihren selektiven Käufen nicht selten an den letzten Neuaufnahmen. Das ist jedoch nicht wirklich ratsam. Eher empfiehlt es sich, auf die Titel zu setzen, die den Beweis einer weit überdurchschnittlichen Kursentwicklung bereits erbracht haben. In einer Hausse – und erst recht im jetzigen Crack-up-Bullenmarkt – erweisen sich nämlich Auswahlkriterien wie relative Stärke und Momentum regelmäßig als besonders erfolgversprechend. Die alte Börsenweisheit „The trend is your friend!“ greift diese Beobachtung sinngemäß auf. Oftmals gibt es auch handfeste Gründe, warum eine Aktie entgegen der eigenen, vorgefertigten Meinung nicht steigt. Nicht selten werden die fundamentalen Argumente jedoch erst mit Vorlage der nächsten Bilanz nachgeliefert. Auch wir mussten unsere zunächst positive Meinung zu einem Unternehmen schon des Öfteren revidieren. Insofern ist die Entwicklung einer Aktie mitunter gar ein guter verlässlicher Frühindikator für das, was noch gar nicht bekannt ist oder bekannt sein dürfte. So gesehen verfolgen wir also keinen rein fundamentalen Ansatz, sondern die (chart-)technischen Aspekten von Kursbewegungen finden sehr wohl bei unseren Überlegungen Platz.

Weitere Veränderungen
Neben unserem geplanten Grifols-Ausstieg möchten wir uns auch von unseren Rational-Anteilen trennen. Anders als bei den Spaniern ist der Verkauf jedoch allein technisch motiviert. Der Titel bildete eine recht schräge Top-Formation (SKS) aus, zudem wurde der Aufwärtstrend gebrochen, was tiefere Kurse zur Folge haben dürfte. Wir legen ein Verkaufslimit von 153 EUR. Wir werden den Wert allerdings auf unserer Watchlist behalten, schließlich hat sich an der fundamentalen Qualität des Unternehmens in den vergangenen Wochen nichts geändert. D.h. auf tieferem Niveau würden wir Rational gerne wieder zurückkaufen.

Im Gegenzug möchten wir unser Engagement in Pfizer über den bereits im Depot befindlichen Call (WKN TB7W5V; Laufzeit: Januar 2013) weiter ausbauen. Wir kaufen ab morgen nochmals 25.000 Anteile hinzu, soweit wir die Stücke zu 0,12 EUR bekommen. Die Pfizer-Aktie macht nicht zuletzt aus technischer Sicht einen sehr konstruktiven Eindruck. Ganz bewußt haben wir dabei den Kursverlauf in Euro abgedruckt, der eine untere Wende-Formation andeutet. So haben wir also die Pfizer-Aktie (in USD) und zugleich den Euro/Dollar-Wechselkurs in einem dargestellt. Nichts anderes interessiert uns ja als europäischen Anleger. Da wir für den Dollar (gg. Euro) bullish sind, spricht also auch die Währung für diesen Kauf.

Nochmals zu Coeur d’Alene
Einige Leser und Coeur d’Alene-Aktionäre schrieben uns, dass Sie von der Gesellschaft bzw. ihrer Bank ein anderes Prozedere vorgeschlagen bekommen haben als jenes, welches wir vor einer Woche hier beschrieben haben. Egal wie: es ist notwendig, dass man die Aktie mit der australischen Wertpapierkennnummer abgibt – entweder gegen Geld oder im Tausch mit der amerikanischen WKN.

Fazit
Die Aktienbörsen befinden sich gerade im Korrekturmodus. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn es noch etwas länger noch etwas tiefer geht. An unserer grundsätzlichen Einschätzung hat sich aber nichts geändert. An der groben Ausrichtung unseres Musterdepots müssen daher bislang nichts ändern, nur kleine Änderungen wie diejenigen hier beschriebenen.

Ralf Flierl, Marcus Wessel

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