„Ein Hamburger ist kein Steak“

Walter J. „John“ Williams, Jahrgang 1949, studierte am Dartmouth College in den USA Wirtschaftswissenschaften. Seit über 30 Jahren ist er als selbstständiger Wirtschaftsberater tätig. Im Jahr 2004 gründete er Shadow Governments Statistics. Seine Erkenntnisse werden über die Website www.shadowstats.com vertrieben. Williams berechnet hier unter anderem alternative Indizes für beispielsweise die Inflationsraten in den USA oder die Arbeitslosenstatistiken. Er führt hier auch die Berechnung der Geldmenge M3 fort. Nicht nur Smart Investor nutzt seine Berechnungen gerne und häufig, um ein realistischeres Bild der Lage zu erstellen.

Smart Investor: Mr. Williams, warum gründeten Sie Shadow Government Statistics und betreiben die Internetseite Shadowstats.com?
Williams: Bereits in den späten 1970er Jahren musste ich bei der Beratung eines Flugzeugherstellers feststellen, dass die offiziellen Zahlen der US-Regierung fehlerhaft waren. Damals ging es vor allem um das Bruttosozialprodukt. Im Laufe der Zeit wurde es immer schwieriger, mit den offiziellen Zahlen korrekte Ergebnisse bzw. Prognosen zu erstellen. Ich schrieb über diese Problematik diverse Artikel und stieß dabei auf ein sehr positives Echo. Hieraus entstand schließlich die Website Shadowstats.com mit dem dazugehörigen Newsletter.

Smart Investor:
Wo ist die Abweichung zwischen den realen und den offiziellen Zahlen besonders eklatant?
Williams: Eigentlich zieht sich das wie ein roter Faden durch alle offiziellen Statistiken, aber besonders betroffen sind die Arbeitslosenstatistik und die Inflationsraten.

Smart Investor: Warum gerade die?
Williams: Bei den Arbeitslosenzahlen erklärt es sich von selbst: Niedrige Arbeitslosenzahlen sind ein Zeichen einer florierenden Wirtschaft. Eine florierende Wirtschaft ist gut für die aktuelle Regierung, da die Wähler fälschlicherweise glauben, dass die amtierenden Politiker dafür verantwortlich seien. Entsprechend erhöhen sich die Chancen bei der nächsten Wahl. Bei den Inflationszahlen sind die Gründe weniger augenscheinlich. Sind die Inflationszahlen niedrig, können die Zinsen relativ niedrig bleiben. Das ermöglicht es dem Staat, sich günstiger zu verschulden. Auch die Verbraucher können sich günstiger verschulden und mehr konsumieren. Davon profitiert die Wirtschaft. Hinzukommt, dass alle Sozialprogramme in irgendeiner Form an die Inflationsraten gekoppelt sind. Steigen diese, müssen über kurz oder lang auch die sozialen Aufwendungen steigen. Es ist also für den Staat in vielerlei Hinsicht günstiger, die Inflationszahlen nach unten zu drücken.

Smart Investor: Mit welchen Methoden geschieht dies?
Williams: Dazu muss man zunächst wissen, dass sich die offiziellen Inflationsraten über einen Warenkorb errechnen. In den USA ist das der sogenannte Consumer Price Index (CPI) …

Smart Investor: … Ist dies denn eine sinnvolle Methode der Inflationsberechnung?
Williams: Sollen bestimmte Lebenshaltungskosten und die Teuerung derselben gemessen werden, erscheint mir der Ansatz sinnvoll. Nur muss der Warenkorb dann auch gleich bleiben. Nehmen Sie nur den Surrogatansatz. Wird Steak beispielsweise teurer, gehen die Regierungsstatistiker davon aus, dass Joe Average nun zum Hamburger statt zum Steak greifen wird. Das mag ja sogar sein, nur misst man so nicht mehr die Kosten für eine bestimmte Art der Lebenshaltung: Ein Hamburger ist eben kein Steak!

Smart Investor:
Gibt es noch weitere Eingriffe dieser Art?
Williams: Grundsätzlich kann man zwischen zwei Arten unterscheiden. Zum einen gibt es das ergebnisgetriebene Vorgehen. So war es unter Präsident Carter beispielsweise üblich, die Zahlen für das Bruttoinlands- bzw. Bruttosozialprodukt so lange an die nationale Statistikbehörde zurückzuschicken, bis sie der Regierung einigermaßen gefällig waren. Und zum anderen kann man einfach die Berechnungsmethoden verändern.

Smart Investor: Zum Beispiel?
Williams: Unter der Bezeichnung Hedonik beispielsweise werden technische Verbesserungen als preisdämpfend berücksichtigt. Kostete ein Computer letztes Jahr 1.000 USD und das neue Modell ebenfalls, das dafür aber doppelt so leistungsfähig ist, dann gehen die Statistiker davon aus, dass der Computer um 50% billiger geworden ist. Theoretisch richtig, könnte ich den alten Computer noch kaufen, aber versuchen Sie mal ein altes Computermodell im Laden zu kaufen. Es gibt zahllose weitere Methoden mit wohlklingenden Namen wie „geometrische Gewichtung“ oder „Interventionsbereinigung“. Bei der ersteren wird eine im Preis gestiegene Ware im Korb reduziert, im zweiten Fall ignoriert man eine Preissteigerung vollständig, indem man sie als vorübergehend deklariert.

Smart Investor:
Wann begann denn die Datenmanipulation?
Williams: Spätestens seit Kennedy wurde unter jedem Präsidenten systematisch in die Datenerstellung eingegriffen. Unter George Bush sen. wurden die Manipulationen so massiv übertrieben, dass sich eine Rezession in positives Wachstum verwandelte. Vermutlich kostete ihn das die Wiederwahl, weil weite Teile der Bevölkerung ihm diesen Schwindel nicht abnahmen.

Smart Investor: Es gibt das Sprichwort: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Warum sollen wir Ihren Zahlen mehr Glauben schenken als denen der Regierung?
Williams: Zunächst einmal kann man Statistiken im eigentlichen Sinne nicht fälschen. Eine Statistik wird, solange kein Rechenfehler vorliegt, ein mathematisch korrektes Ergebnis zeigen. Das Ergebnis ist jedoch abhängig von den verwendeten Daten. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Denken Sie an den Warenkorb. Durch den Austausch der im Korb enthaltenen Waren ändern sich die Daten und die Ergebnisse werden manipuliert. Letztlich sind die so entstandenen Zahlenreihen völlig willkürlich und sagen nichts aus. Weil ich diese Manipulation über die Daten nicht vornehme, sind meine Ergebnisse brauchbarer.

Smart Investor: Kehren wir noch einmal zum Thema Inflation zurück. Die Geldmenge ist hierfür der entscheidende Faktor. Die FED jedoch veröffentlicht seit 2006 die Geldmenge M3 nicht mehr. Warum?
Williams: Die offizielle Begründung ist eine doppelte: Zum einen sei es zu teuer, die Geldmenge M3 zu berechnen. Zum anderen sei die Aussagekraft von M2 ausreichend und M3 brächte im Verhältnis zum Berechnungsaufwand keinen Mehrwert. Beides ist natürlich Unfug. Wenn die Berechnung von M3 so teuer und aufwändig ist, dann wäre ich kaum in der Lage, die Berechnung fortzuführen, so wie ich es seit dem Jahr 2006 tue. Schließlich habe ich nicht den Apparat, der der FED zur Verfügung steht. Darüber hinaus bildet M3 eine viel breitere Geldbasis ab. Dadurch lassen sich bessere Aussagen bezüglich der Wirtschaft treffen. Auch das zweite Argument verfängt also nicht.

Smart Investor: Was ist dann der wahre Grund für das Einstellen der Veröffentlichung?
Williams: Da kann ich natürlich nur spekulieren, aber ich denke, es ging hierbei darum, die kommenden Ereignisse bestmöglich zu verschleiern. Die FED stoppte die Veröffentlichung der Zahlen 2006. Bereits damals gingen die Insider wohl davon aus, dass schon in absehbarer Zeit Maßnahmen wie „Quantative Easing“ (QE) ergriffen werden müssen, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. QE lässt die Geldmengen steigen. Das wirkt inflationär. Bei M2 lässt sich dies wohl besser kaschieren als bei M3, weshalb die Veröffentlichung von letzterer eingestellt wurde.

Smart Investor: Sie schrieben, die USA seien noch rund neun Monate von einer Hyperinflation entfernt. Wie kommen Sie darauf, und bleiben Sie bei der Zeitschiene?
Williams: Mit fast absoluter Sicherheit wird hier in den nächsten fünf Jahren eine Hyperinflation ausbrechen. Die US-Regierung ist faktisch bankrott. Aufgrund der Sozialprogramme sind unsere Fiskalprobleme so groß, dass sich diese nur über die Druckerpresse finanzieren lassen werden, und dies bedeutet Hyperinflation. Dass diese sogar schon in wenigen Monaten eintreten könnte, liegt an den Reaktionen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Probleme wurden nicht gelöst, nur übertüncht. Wir sind meilenweit von einer realen wirtschaftlichen Erholung entfernt. Um den Systemkollaps zu verhindern, werden die Druckerpressen heißlaufen.

Smart Investor: Mr. Williams, haben Sie vielen Dank das aufschlussreiche Gespräch.