Was weiß Warren?

Wenn jemand 44 Mrd. USD in ein Unternehmen investiert, kann man davon ausgehen, dass er sich seiner Sache sehr sicher ist. Wenn dieser jemand aber auch noch Warren Buffett heißt, ist vor allem interessant, welche Annahmen über die wirtschaftliche Zukunft Amerikas und der Welt ihn in seinem Investment so sicher machen. Aus den Äußerungen zum größten Deal seiner Karriere lässt sich direkt und zwischen den Zeilen einiges über die Erwartungen des „Orakels von Omaha“ an die nähere Zukunft herauslesen. Zunächst die harten Fakten: Warren Buffett kauft über seine Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway die US-Eisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fe Corporation (BNSF) für 44 Mrd. USD. Der Deal stellt das größte Investment dar, das Buffett in seiner mehr als 50-jährigen Karriere getätigt hat. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat Berkshire damit keine Netto-Cashposition mehr, sondern verschuldet sich sogar, um den Kaufpreis zu finanzieren. Buffett hatte in den vergangenen Jahren stets gesagt, ihm sei der hohe Cashbestand von Berkshire (zu Beginn des Krisenjahres 2008 fast 40 Mrd. USD) ein Dorn im Auge, aktuell könne er jedoch keine guten Investments finden. In der ihm eigenen humorvollen Art hatte er jedoch auch stets behauptet, wenn denn aber der Zeitpunkt gekommen sei, könne er das Geld schneller ausgeben als Imelda Marcos, die für ihre Verschwendungssucht berüchtigte Gattin des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos. Ist nun also der Zeitpunkt gekommen? Und wenn ja, warum gerade jetzt?

Burlington Northern Santa Fe
Buffetts Objekt der Begierde BNSF ist wie alle großen US-Eisenbahnlinien (unter anderem Union Pacific, CSX oder Kansas City Southern Railway) ausschließlich auf Gütertransport fokussiert. Bezogen auf die transportierte Gütermenge ist BNSF das zweitgrößte Bahnunternehmen der USA. Der Sitz des Unternehmens befindet sich in Fort Worth, Texas, das Schienennetz befindet sich im Wesentlichen im Westen der USA. 2008 erzielte BNSF bei einem Umsatz von 18 Mrd. USD ein Nettoergebnis von 2,1 Mrd.
USD. Es ist vorgesehen, dass Berkshire Hathaway BNSF vollständig zu 100 USD je Aktie übernimmt. Dies entspricht einem Kaufpreis von 34 Mrd. USD, dazu kommen noch ca. 10 Mrd. USD an übernommenen Schulden.

Wette oder besseres Wissen als der Rest?
„Ich liebe solche Wetten“, sagte Buffett zu seiner Aussage, dass er mit dem BNSF-Deal eine Wette auf das Anspringen der US-Konjunktur tätige. Aber ist es wirklich eine Wette, oder kann man nicht vielmehr annehmen, dass der betagte Value-Investor mehr weiß als manch anderer amerikanischer Börsenakteur? Buffett gilt als großer Unterstützer von Präsident Obama, stand diesem auch schon als Berater zur Verfügung. Seit letztem Jahr ist er an Goldman Sachs beteiligt, der wohl am besten in sämtliche wirtschaftliche und politische Entscheidungen eingebundenen Investmentbank. Auch wenn Buffett gern sein Image als Mann fernab der Wall Street im ruhigen Omaha pflegt, darf dennoch angenommen werden, dass kaum jemand so sehr über die Aktivitäten in Washington und an der Wall Street und deren Auswirkungen auf Amerikas Main Street informiert ist. Von dem von uns
propagierten Crack-up-Boom-Szenario ist Buffett in seiner Einschätzung ausoffensichtlichen Gründen nicht weit entfernt.

Crack-up-Boom und die Eisenbahn
Eine Eisenbahn ist ein Sachwert, und zwar ein ganz spezieller. Das Schienennetzeiner Eisenbahn impliziert ein defacto-Monopol, der Wert des Netzes ist durch die Möglichkeiten des günstigen Transports von Gütern von A nach B gegeben. Dieser Wert bleibt auch in einer inflationären Phase bestehen. BNSF besitzt ca. 23.000 Meilen Gleise und hält Nutzungsrechte an weiteren ca. 9.000 Meilen Bahnstrecke. Gleichzeitig bringt Inflation steigende Rohstoffpreise, insbesondere beim Öl, mit sich. Hier kann die Eisenbahn ihren vollen Trumpf ausspielen. Bezogen auf den Verbrauch von Öl je transportierter Tonne ist die Eisenbahn viermal effizienter als der Transport auf der Straße. Dass Warren Buffett an Inflation glaubt, kann man unter anderem einem Interview entnehmen, das er kürzlich dem amerikanischen Fernsehmoderator Charlie Rose gab. Er erwähnte darin unter anderem, dass Cash ein schlechtes Investment sei, da Cash langfristig immer weniger wert werden würde. Grund dafür sei die Tatsache, dass wir mehr Geld drucken, als es der Zuwachs an Gütern zulassen würde. Unterstrichen wird dies noch von der Tatsache, dass Buffett Schulden machen muss, um diesen Kauf zu finanzieren – vermutlich mit dem Hintergedanken, in einer Inflation Schulden günstig tilgen zu können. Ähnlich wie wir sieht Buffett offenbar China in einem inflationären Konjunkturaufschwung in einer starken Position. Er schätzt die Westlage des Schienennetzes von BNSF, in der Eisenbahn zur Westküste sieht er Amerikas Zugang zu chinesischen Gütern. Die starke Verknüpfung der US-Konjunktur mit dem Eisenbahngeschäft ist einer der Gründe für Buffets „Wette“, ein Anspringen der Konjunktur muss also fest in seinem Kalkül liegen. Ob dies nur ein „Schein-Aufschwung“ wird, wie wir annehmen, sei dahingestellt.

America’s best days lie ahead?
Mit diesem Satz, aber ohne Fragezeichen, beendete Buffett letztes Jahr seinen jährlichen Aktionärsbrief. Was Amerikas Wirtschaft betrifft, blickt er optimistisch in die Zukunft. Auch eine Inflation größeren Ausmaßes bringt ihn offensichtlich nicht von seinem Optimismus ab. Diesen Grundoptimismus kann man teilen oder nicht. Was sich jedoch auf jeden Fall aus dem BNSF-Deal ergibt, ist Folgendes: Jeder Anleger sollte sich auf Inflation einstellen, am besten mit einem Investment in „gute, inflationsresistente Geschäftmodelle“ und Sachwerte, will man es wie Buffett machen. Ob aus Gründen der Inflation oder aus zunehmender Knappheit sollte man zudem mit steigenden Öl- und Rohstoffpreisen rechnen. Die Lösung à la Buffett hierzu ist das Investment in Geschäftsmodelle, die weniger vom Öl abhängen als andere oder dieses einsparen helfen. Will man auf dem direkten Wege investieren wie Buffett, bietet sich die Möglichkeit, Aktien von seiner Holding Berkshire Hathaway zu kaufen. Alternativ könnte man die gleiche Strategie durch den Kauf von Aktien der direkten Konkurrenten von BNSF wie z.B. Union Pacific oder CSX fahren. Buffett hatte diese Aktien ebenfalls in seinem Portfolio. Laut eigenen Angaben hat er sie mittlerweile verkauft, um den BNSF-Kauf zu finanzieren,
nicht weil er von den Unternehmen nicht überzeugt sei. Ob Amerikas beste Tage wirklich vor uns liegen, wird die Zukunft zeigen, auf jeden Fall scheint Buffett mit seiner Strategie auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.