Smart Investor Weekly 20/2011: Von Analogien und Schulden

Schuld(en)?
Als erstes bietet sich natürlich die Festnahme des obersten IWF-Direktors Dominique Strauss-Kahn (DSK) an. Der Franzose wurde wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt und zwar von einem Zimmermädchen eines New Yorker Luxushotels. Nun könnten wir natürlich Analogien in der Art „Wie im Großen, so im Kleinen“ aufziehen. Schließlich gibt es genug Menschen, die die Auffassung vertreten, dass der IWF, der stets als großzügiger und hilfreicher Onkel auftritt, in Wirklichkeit die ihm ausgelieferten Staaten und deren Volkswirtschaft vergewaltigt. Da aber in beiden Fällen, also im Großen wie im Kleinen bisher kein endgültiges Urteil gefällt wurde, wollen auch wir uns vornehm zurückhalten. Ist ja auch ansonsten genug passiert: gestern beispielsweise erreichten die USA endgültig ihr Schuldenlimit, d.h. es dürfen keine neuen Gelder mehr aufgenommen werden. Zwar kann der Kongress jederzeit eine neue Schuldenobergrenze festlegen (wie praktisch), aber so ganz einig sind sich die Republikaner und Demokraten dabei bisher noch nicht geworden. Das ist natürlich eine etwas doofe Situation für Gottes eigenes Land, schließlich müssen bei einem Haushaltsdefizit von 1.500 Mrd. USD ungefähr 4. Mrd. USD pro Tag (!) neu aufgenommen werden….naja, bis zum August können sie sich noch irgendwie durchwurschteln, mittels Griffen in die Rentenkassen (sind die nicht auch schon längst leer?) oder dem Heben stiller Reserven.

Eine Insel mit zwei Bergen?
Apropos stille Reserven: Die wurden plötzlich auch bei den Griechen entdeckt. Sage und schreibe 300 Mrd. EUR soll der hellenische Staatsschatz wert sein. Mittels eines Verkaufs desselben ließe sich die Verschuldung auf mickrige 20% des BIP reduzieren. Hatte nicht der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler ganz zu Beginn der Krise vorgeschlagen, dass die Griechen halt die eine oder andere Insel verkaufen sollten? Ja, hatte er, aber dann hätte es in Brüssel (oder sonst wo) weitaus weniger Treffen und Konferenzen gegeben, auf welchen mit gewichtigen Mienen „alternativlose“ Rettungspakete verkündet worden wären. Ohne all diese Konferenzen, Meetings und Geschäftsessen wäre jedoch die (angebliche) Stabilisierung der Wirtschaft nicht so gelungen. Schließlich wurde dort von den Unterhändlern und ihrer Entourage kräftig konsumiert und – wie wir alle wissen – fördert der Konsum die Wirtschaft. Wie dem auch sei, der griechische Ministerpräsident Papandreou ist gegen jeden Ausverkauf seines Lands und will von „Notverkäufen“ nichts wissen – Recht hat er! Wo kämen wir denn hin, wenn ein Bankrotteur auch noch mit seinem Vermögen haften soll. Dem Erfinder der „ehrlichen“ Lüge, Jean-Claude Juncker, scheint nicht zuletzt deshalb so langsam zu dämmern, dass eine Umschuldung doch nicht ganz auszuschließen ist. Auch wenn er genau dies letzte Woche noch tat. Nun jedenfalls könnte er sich selbige vorstellen, aber nur in ganz sanfter (???) Form. Vielleicht aber handelt es sich dabei auch nur um ein Lippenbekenntnis, damit die störrischen Deutschen zumindest ein bisschen das Gefühl haben, es würde von der Brüssler Technokratie auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht genommen. Auf jeden Fall darf man auf den nächsten Akt im griechischen Schuldendrama gespannt sein.

Ein ziemlich heißes Thema ging derweil etwas unter: Die (lange geleugnete) Kernschmelze in Fukushima hatte wohl bereits kurz nach dem Tsunami eingesetzt. Hier böte sich wieder eine Analogie an – nämlich zu unserem Finanzsystem. Das befindet sich ebenfalls seit geraumer Zeit im Zustand einer „Kernschmelze“ und ähnlich wie in Fukushima wird dies so lange als möglich verheimlicht, vertuscht und beschönigt. Anders als im Falle von DSK allerdings handelt es sich hierbei jedoch nicht um reine Mutmaßungen. Damit zu den Märkten…

Sell in May and go away
Da ist uns aber ein Missgeschick passiert, wird der eine oder andere von Ihnen angesichts dieser Überschrift denken: Das ist jetzt bereits der dritte Weekly im Mai und erst jetzt kommen wir mit dieser uralten Börsenregel um die Ecke? Naja, vielleicht ist dies zwar eine alte Börsenregel, aber wie das so oft ist mit Regeln, insbesondere bei den alten, sie müssen nicht immer gültig sein. Jedenfalls ist es schon erstaunlich, wie standhaft die Börsen sind, angesichts all der doch tendenziell negativen Nachrichten. Der Dow Jones ist immer noch nur rund 500 Punkte von seinem alten Allzeithoch entfernt und hat seit Jahresanfang immerhin ungefähr 10% Zuwachs eingefahren, der DAX ist ebenfalls eher oben auf und konnte gestern auch mit einem recht eindrucksvolles Comeback aufwarten und nahezu unverändert schließen.

Wir gehen nach wie vor davon aus, dass sich hier nichts ändern wird. Sicherlich ist kurzfristig immer vieles möglich und die Saisonalität würde durchaus für eine Korrektur sprechen. Jedoch sieht es nicht besonders danach aus, dass die westlichen Staaten ihre Politik des leichten Geldes aufgeben würden. Auch wenn Ben Bernanke bereits vollmundig angekündigt hat, Quantitative Easing 2 auslaufen lassen zu wollen, so darf getrost davon ausgegangen werden, dass die Programme nach einer kurzen Schamfrist wieder aufgenommen werden oder über die Hintertür einfach weiterlaufen. Nicht so optimistisch sind wir jedoch kurzfristig für viele asiatische Märkte. Zum einen meinen es die dortigen Politiker und Zentralbanker durchaus ernst mit einer strafferen Geldpolitik, zum anderen leuchten bei vielen Charts Warnsignale auf. So zum Beispiel der Indische Leitindex BSE Senex. Hier deutet sich ein Top an. Zum einen konnte der Index die Widerstandszone, die aus dem alten Hoch im Jahr 2008 resultierte nicht überwinden. Zum anderen scheint sich eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation auszubilden. Aber mehr zu den asiatischen Märkten können Sie in der kommenden Ausgabe lesen.

Vom Goldmarkt erreichte uns die Meldung, dass George Soros all sein Gold verkauft habe. Manch Kleinanleger dürfte dadurch ordentlich aufgeschreckt worden sein. Dazu ist folgendes anzumerken, all sein (physisches) Gold hat Mr. Soros gewisslich nicht verkauft, vielmehr hat sich sein Hedgefonds von den Papiergoldpositionen in einigen ETFs getrennt. Außerdem gilt es natürlich immer besonders vorsichtig und hellhörig zu werden, wenn ein alter Fuchs wie Soros derartige Berichte lancieren lässt. Sicher ist nur, dass solche Geschäfte abgewickelt worden sind, lange bevor über sie berichtet wird. Der Bullenmarkt im Gold bleibt auf jeden Fall unbenommen davon und Investments sollten hier primär physisch, also real und in das echte Metall, getätigt werden, wie Smart Investor immer schon klipp und klar vertreten hat. Nur so kann man sich sicher sein, dass die gekaufte Versicherung im Krisenfall auch wirklich greift (bleibt zu hoffen, dass dieser nie eintreten wird – wir sind diesbezüglich aber skeptisch).

Musterdepot
Nachdem wir in den letzten beiden Wochen ausgeführt haben, warum die Aktie von Advanced Inflight Alliance, kurz AIA (WKN: 126 218), unter Führung des aktuellen CEO Dr. Rüdiger Berndt kein vertretbares Investment für uns ist, wurden am Montag die Zahlen für das erste Quartal berichtet. Wir wurden davon ziemlich überrascht, denn keinesfalls hatten wir mit einer Umsatzsteigerung von 10% und einem Zuwachs beim operativen Ergebnis von mehr als 200%. Dies ist einerseits sehr erstaunlich und hätten wir dem Management eigentlich nicht zugetraut. Auf der anderen Seite muss diese Entwicklung auf vor dem Hintergrund der anziehenden Konjunktur und von buchhalterischen Effekten gesehen werden. Zudem muss man berücksichtigen, dass demnächst der Umsatz von Lufthansa samt Swiss und AUA wegfallen wird (dieser Kunde ist zum Konkurrenten Spafax gewechselt), so dass sich das jetzige Plus unter Umständen wieder egalisieren könnte. Die Börse sieht die die Zahlen nicht sehr euphorisch. So wurde der gestrige Kurssprung schnell wieder rückgängig gemacht – momentan notiert die Aktie sogar wieder tiefer als vor Bekanntgabe der Zahlen. Wir bleiben bei unserer Einschätzung: Wenn der CEO Berndt von der Bühne verschwindet, oder aber bei deutlich tieferen Aktienkursen, denken wir wieder gerne über ein Investment nach.

Kauf: Option auf Microsoft
Wie angedeutet, wollen wir in dieser Woche wieder eine Order aufgeben. Es handelt sich dabei um den Software-Riesen Microsoft* (WKN: 870 747), welche mittlerweile auch unter Value-Investoren immer größere Beachtung findet (einstelliges KGV). Da wir unser Kapital schonen wollen, werden wir uns abermals mit einem Optionsschein agieren. Daher hier die Warnung: bei einem solchen Derivat ist der Totalverlust möglich, weshalb sich nur erfahrene Leser hier engagieren sollten. Alle anderen, bzw. auch eher risikoaversen Anlegern empfehlen wir direkt die Aktien zu kaufen. Warum wir gerade auf die amerikanischen Titel so aus sind, und diese auch noch gehebelt ins Depot nehmen, das hatten wir ja schon zigmal erläutert. Im kommenden Heft werden wir nochmals ein Statement dazu abgeben. Aber konkret:
Wir geben ab dem morgigen Mittwoch eine Order für 30.000 Stück des Scheins mit der Kennnummer TB9WYK auf. Der Basispreis liegt bei 30 USD (akt. Kurs: rund 24,4 USD) und die Laufzeit reicht bis 10.1.2014, damit sollten wir den CuB vollumfänglich mitnehmen können, so wir denn mit unserer These recht behalten sollten. Wir limitieren den Kaufkurs auf 0,14 EUR. Da das Bezugsverhältnis 1 zu 10 beträgt, beläuft sich der Preis für den Bezug einer Aktie auf 1,40 EUR bzw. rund 1,95 USD. Der Anteil am Depotvolumen liegt damit unter 1,5%. Wer die Aktie direkt kaufen will, könnte unserer Ansicht nach über 6% Anteil am Depot gehen.

Kauf: Optionsschein auf Microsoft
WKN: TB9WYK 30.000 Stück Limit: 0,14 EUR Depotvolumen: 1,1%

Fazit
Völlig unabhängig davon, ob DSK schuldig ist oder nicht, die Schuldenmisere des Westens geht weiter. Sie wird mal diesseits und mal jenseits des Atlantiks stärker auflodern. Bekämpft werden wird sie weiterhin mit billigem Geld. Man gießt also, um ein letztes Mal eine Analogie zu bemühen,weiter Benzin in das Feuer. Entsprechend sind und bleiben wir daher weiter bullish.

Ralf Flierl, Fabian Grummes

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
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