Smart Investor Weekly 29/2011: Fünf vor zwölft – bei der US-Schuldenuhr

Ist das Ende nahe?
Irgendwie kommt einem G.W. Bushs „Time is running out“ wieder in den Sinn, das er seinerzeit auf den irakischen Diktator Saddam Hussein bezogen hat und auf die mögliche Auslieferung der nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen. Aber diesmal geht es um Realitäten, nämlich die Zahlungsfähigkeit der größten Volkswirtschaft der Welt. Die bisherige Schuldengrenze von 14,3 Bio. USD muss bis zum 2. August, also sehr kurzfristig, erhöht werden, ansonsten kreist der Pleitegeier über der USA. Präsident Obama hat schon mal in Frage gestellt, ob am 3. August noch genug Geld in der staatlichen Kasse ist, um den Zahlungsverpflichtungen u.a. an Rentner und Veteranen nachzukommen. Damit schiebt er natürlich den Schwarzen Peter weiter an die Grand Old Party, die Republikaner, die momentan noch Gefallen daran finden, den Präsidenten als potentiellen Pleitier vorzuführen.

Eine Lösung wird kommen
Wir gehen davon aus, dass es in letzter Minute zu einer wie auch immer gearteten „Lösung“ – die den Namen natürlich nicht verdient – und damit einer Anhebung der Schuldengrenze bzw. zu eine trickreichen Umgehung des üblichen Procederes kommen wird. Dies lehrt auch ein Blick in die Vergangenheit. Insofern dürfte sich das Szenario von 2009 wiederholen als die Schuldengrenze von 12,1 auf 14,3 Billionen USD erhöht wurde. Fed-Chef Ben Bernanke und Jamie Dimon, Chef von JPMorgan Chase, erhoben schon mal den Zeigefinger und mahnten die Politiker zum Einlenken. Obama lässt zusammen mit Republikanern an einem juristischen Winkelzug feilen, der es den Demokraten erlaubt, die Schuldengrenze einseitig anzuheben. Eine Lösung, bei der die Republikaner nach außen ihr Gesicht wahren können. Klar ist aber in jedem Fall, dass die USA ihre Schulden nicht mehr werden zurückführen können, selbst wenn die härtesten Sparmaßnahmen der Republikaner umgesetzt würden, was nicht realistisch ist. Also wird es weitergehen wie bisher, d. h. die Märkte werden weiter mit Papiergeld geflutet. Dies wiederum dürfte dazu führen, dass der Crack up-Boom in eine neue Phase eintritt, in der die Inflation drastisch zunehmen wird.

Was wäre die Alternative?

Bestünde für die Obama-Regierung keine Möglichkeit, die die Verschuldung auszuweiten, so müssten drastische Ausgabenkürzungen (in Verbindung mit Einnahmenerhöhungen) durchgesetzt werden (vergleichbar zu Griechenland), was das Land unweigerlich in die wirtschaftliche Rezession führen würde. Die Folge wäre, dass die Theorie vom Crack-up-Boom zu den Akten zu legen wäre. Aber für wie wahrscheinlich wir diese Möglichkeit halten, haben wir ja oben schon ausgeführt.

Musterdepot

Zumindest kursmäßig kam in den vergangenen, von der Unternehmensseite eher ruhigen Wochen ordentlich Bewegung in unser Musterdepot. Mit der wieder aufgeflammten Nervosität an den Märkten stieg auch die Volatilität vieler Titel. Meist ging es dabei abwärts, so wie im Fall des Schnurlostelefonherstellers Gigaset* (WKN: 515 600). Auf der Suche nach Antworten, die den auch zum Gesamtmarkt überproportionalen Einbruch erklären könnten, drängt sich die Vermutung auf, dass der Kursrückgang mit der vorzeitigen Wandlung der 2010 ausgegebenen Wandelanleihe zusammenhängt. Gigaset übte wie erwartet diese Option zum frühestmöglichen Zeitpunkt Ende Juni aus. Für je eine Teilschuldverschreibung erhielten die Zeichner nun 0,87 Gigaset-Aktien. Dadurch stieg die Gesamtzahl der Aktien auf einen Schlag um gut 10 Mio. auf 50 Mio. Anteile. Nicht jeder Anleiheinvestor dürfte in diesen wieder zunehmend unsicheren Zeiten auch Gigaset-Aktionär sein wollen – zumal das Investment bereits einen ordentlichen Gewinn abwarf –, und so wird er sich über die Börse von seinen Anteilen getrennt haben. Dies erklärt den doch deutlich spürbaren Verkaufsdruck. Wir gehen operativ davon aus, dass sich das Unternehmen weiterhin auf Kurs befindet, seine Ziele für das Gesamtjahr (Umsatz 540 Mio. EUR, EBITDA mindestens 57 Mio. EUR) zu erreichen.

Beim „Skandalpapier“ Sino-Forest (WKN: 899 033) deutet sich indes eine Bodenbildung auf zugegeben sehr niedrigem Niveau an. Nach dem jähen Absturz im Zuge der vom Researchhaus Muddy Waters erhobenen Betrugsvorwürfe tendierte das Papier zuletzt seitwärts. Uns erreichen immer wieder Gerüchte, wonach die Enthüllungen als Warnschuss in Richtung des Hedgefonds-Managers John Paulson verstanden werden könnten. Demnach hätten andere Marktteilnehmer – sehr wahrscheinlich auch Hedgefonds – den Bericht bewusst lanciert, um dem milliardenschweren Investor zu schaden, weil dieser sich weigerte, bei anderen Deals mitzumachen. Eine solche Interpretation legt den Verdacht nahe, dass die Vorwürfe gegen Sino-Forest am Ende weniger schwerwiegend als zunächst gedacht sein könnten. Paulson hat sich in seinem Fonds inzwischen von allen Sino-Forest-Anteilen getrennt. Der Verlust aus dem Investment – Paulson hielt darüber hinaus auch Anleihen von Sino-Forest – dürfte sich Schätzungen zufolge auf über 750 Mio. USD belaufen. Wir warten zunächst ab, zu welchen Ergebnissen die eingesetzte Untersuchungskommission in ihrem Bericht kommt.

Weitaus erfreulicher ist das, was uns vom Telematikspezialisten Init (WKN: 575 980) in diesen Tagen erreicht. So erhielten die Karlsruher auf dem wichtigen nordamerikanischen Markt den Zuschlag für ein womöglich wegweisendes Projekt. Zum ersten Mal konnte Init in den USA seine E-Ticketing-Lösung im Rahmen eines Großprojekts erfolgreich verkaufen. Die Verkehrsbetriebe im kalifornischen Sacramento entschieden sich für das von Init entwickelte, auf Smartcards basierende Zahlungssystem. Die Fahrgäste können damit in Zukunft ganz einfach beim Ein- und Ausstieg ihre Karten vor entsprechende Lesegeräte halten, die dann den fälligen Ticketpreis automatisch abbuchen. Ein solches System reduziert vor allem die Einstiegs- und Haltezeiten deutlich. Init stattet zunächst 80 Haltestellen und über 500 Fahrzeuge mit diesem System aus. Das Auftragsvolumen, so hören wir, dürfte im mittleren einstelligen Millionenbereich liegen. Viel wichtiger als die genaue Höhe erscheint uns jedoch, dass Init bei erfolgreicher Installation Folgeaufträge aus der Region erwarten kann. Völlig unbeeindruckt von den Turbulenzen an den Börsen notiert der Titel dann auch auf einem neuen Allzeithoch.

Einen ähnlichen starken Eindruck wie Init hinterlässt derzeit die Aktie von Fresenius Medical Care* (FMC; WKN der im DAX enthaltenen Stämme: 578 580). Das Papier des weltweit führenden Dialyseunternehmens weist eine hohe technische Stärke auf, was es für uns in Kombination mit den intakten operativen Kennzahlen als Neuaufnahme äußerst interessant macht. Wir legen daher eine Kauforder über 250 Anteile mit Limit 53,60 EUR in den Markt (gültig ab Mittwoch). Mit dem Investment würden wir sowohl unser Engagement im Healthcare-Bereich als auch im Dollar-Raum ausbauen. FMC bilanziert in USD, was bei einer weiteren Euro-Schwäche ceteris paribus zu höheren Ergebnissen in EUR führen würde. Die nur geringe Zyklik des Geschäftsmodells liefert gerade in konjunkturell unsicheren Zeiten ein weiteres Investitionsargument. Es sei allerdings auch angemerkt, dass das Papier mit einem KGV von über 20 nicht wirklich günstig ist, sondern allenfalls unter dem GARP („growth at reasonable Price“)-Aspekt gesehen werden kann. Mehr zum Thema GARP und generell zum Value-Investing im nächsten Heft 8/2011.

Kauf
FMC WKN: 578 580 250 Stück Limit: 53,60 EUR Depotvolumen ca. 3,5%

Fazit
Die US-Schuldenkrise macht derzeit vielen Investoren Angst. Zu Recht, verdeutlicht sie doch, worauf die USA und auch Europa auf Sicht einiger Jahre hinsteuern werden, nämlich auf den Staatsbankrott. Kurz- und mittelfristig glauben wir jedoch an ein weiteres Durchwursteln und damit an die Fortsetz

ung des CuB.

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag