Smart Investor Weekly 40/2011: Christliches Miteinander – in Theorie und Praxis

Erwartungsgemäß ließ das Parlament den Zungenbrecher passieren, der dem dauerhaften Genickbrecher ESM (European Stability Mechanism) lediglich vorangehen soll. Wie wenig die Parlamente bei der aktuellen Ermächtigung noch mitzureden haben, zeigen zwei Schlaglichter: Vor der Abstimmung im österreichischen Parlament (die am Freitag stattfand) las man dort in der Zeitung den verräterischen Satz: „Heute stimmt das Parlament dem Rettungsschirm zu.“ Eine ergebnisoffene Abstimmung sieht anders aus.

Pofalla fällt aus der Rolle
Auch das Verhalten gegenüber „Abweichlern“ – das sind Abgeordnete, die so unabhängig entscheiden, wie es das Grundgesetz eigentlich vorsieht – ist geradezu entlarvend. Schon mehrfach konnten wir dies im Umgang mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler studieren. Nun musste auch Wolfgang Bosbach (CDU) am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, nicht mit den Wölfen zu heulen: Im Gegensatz zu vielen Abgeordneten, die – das zeigten Nachfragen – häufig nicht wirklich verstanden haben, was sie da eigentlich beschlossen, hatte Bosbach die Vorlage doch so genau studiert, dass er zu einem abweichenden Urteil gelangte. Gemäß der bekannten Steigerung „Feind, Erzfeind, Parteifreund“ nahm Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (ebenfalls CDU) dies zum Anlass für üble Schmähungen des „Abweichlers“. Gut, dass der Papst schon wieder in Rom weilte; er wäre möglicherweise überrascht gewesen, über das christliche Miteinander in einer christlichen Partei. Wie demokratisch demokratische Parteien sind, dafür gibt es gerade in jüngster Zeit reichlich Anschauungsunterricht: Einpeitscher trifft Abweichler.

Alternativentwurf
In der vergangenen Woche besuchten wir den GO AHEAD! Business Summit 2011 in Wien. Der Kongress zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie stand im dritten Jahr seines Bestehens unter dem Motto „Die Kernschmelze des Finanzsystems“. Hochkarätige Experten erläuterten ihre Sichtweise und gaben Handlungsempfehlungen. Bemerkenswert, dass trotz des bedrohlichen Themas, die anwesenden „Österreicher“ weder ängstlich noch verzagt wirkten. Sie besannen sich vielmehr auf ihre Kerntugenden: Mut und Verantwortung, mit denen sich – so ihre Überzeugung – auch diese Krise meistern lässt. Im Gegensatz zur heute praktizierten Wirtschaftspolitik, die vor allem dem Staat die Lösung von Problemen zutraut, wollen die Vertreter dieser Denkrichtung wieder den einzelnen Menschen und insbesondere den Unternehmer im Mittelpunkt sehen. Menschliches Maß, Mut und Verantwortung sind jene Konstanten „österreichischen“ Wirtschaftens, die ganz ohne ideologischen Überbau zu der Nachhaltigkeit und Stabilität führen, die die aktuelle Politik der Intervention und Entmündigung der Bürger ebenso verzweifelt wie vergeblich sucht. In Smart Investor 11/2011 werden wir ausführlich über diesen Kongress berichten. Freuen Sie sich darauf. In Ergänzung dazu sei auch auf den Artikel „Krisen-Qunitenssenz – Die wichtigsten Punkte zur Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise aus Sicht der Österreichischen Schule“ verwiesen, den Sie hier abrufen können.

Poker statt Markt
Die Märkte sind weiterhin von größter Unsicherheit geprägt. Obwohl die Aufstockung des EFSF von fast allen Parlamenten wunschgemäß abgenickt wurde, hielt die Verunsicherung an. Die Slowakei ist der letzte Wackelkandidat. Ähnlich wie in Deutschland steht allerdings auch hier die „Opposition“ bereit, das EFSF-Gesetz nötigenfalls durchzuwinken, falls die Regierung keine eigene Mehrheit „ertüchtigen“ können sollte. Die wirtschaftlich vernünftige und geradezu österreichische Argumentation des wackeren Parlamentspräsidenten Richard Sulik findet im Politikbetrieb des Landes wenig Gegenliebe. Welt.de berichtet etwa davon, dass die slowakische Premierministerin der Bundeskanzlerin „versprochen“ habe, den „widerspenstigen“ Sulik „auf Linie zu bringen“. Es scheint, dass sich nicht nur unsere Regierungschefin mit der Demokratie schwer tut.

Das jüngste Geplänkel der sogenannten Troika hinsichtlich einer Auszahlungsverweigerung der Griechenland-Hilfen erscheint uns lediglich als Verhandlungspoker: Zum einen lässt sich so an der Heimatfront in den Geberländern so etwas wie ein haushälterischer Umgang mit den Hilfsmitteln dokumentieren. Zum anderen dürfte auch der Troika bewusst sein, dass die Androhung einer Auszahlungsverweigerung ihr einziges, wenn auch stumpfes Druckmittel zur Disziplinierung der griechischen Regierung ist. Den bestens funktionierenden Marktmechanismus hat man derzeit ja bekanntlich unter Einsatz horrender Mittel suspendiert. Wir gehen fest davon aus, dass die Zahlungen letztlich fließen werden, denn es erscheint uns äußerst unwahrscheinlich, dass man selbst die Sache scheitern lässt, jetzt wo alle anderen Widerstände bereits gebrochen sind. Zu dem eingeschlagenen Weg der immer größeren „Rettungsschirme“ gibt es aus Sicht der Handelnden tatsächlich keine Alternative, denn ihr persönliches politisches Überleben hängt davon ab.

Dauerpatient Griechenland
Für den institutionalisierten Problemfall Griechenland dürfte offensichtlich sein, dass sich das Land keinesfalls selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Die jüngst eingestandene erneute Verfehlung der Sparziele bestätigt nur, was eigentlich schon jeder wusste – oder hätte wissen können. Um die Unmöglichkeit der Rettung zu kaschieren, wird jedoch jedes erdenkliche Mittel ergriffen. Auch Eurobonds sind ja keineswegs vom Tisch, denn es gilt die Doktrin von der „Verteidigung bis zur letzten Patrone“, mit der man hierzulande eigentlich schon ausreichend Erfahrung gesammelt hat. Dass nicht etwa derartige Sinnlos-Maßnahmen zu Empörung führen, sondern das Aussprechen schlichter Tatsachen – etwa, dass Griechenland bereits pleite ist – ist ein weiteres Anzeichen für den heraufziehenden Totalitarismus im Namen von EU und Euro. Mit unserem Kauf der Griechenland-Anleihe (siehe Musterdepot) setzen wir in begrenztem Umfang auf die Hartnäckigkeit einer solchen Politik, die wir dennoch für verfehlt halten und die letztlich natürlich grandios scheitern wird, nur eben vermutlich noch nicht während der kurzen Restlaufzeit des Papiers (rund sieben Monate).

Prozyklische Leserpost
Interessanterweise bekommen wir derzeit verstärkt Post von unseren Lesern, die uns mehrheitlich eine zu optimistische Sicht der weiteren Marktentwicklung vorwerfen. Angesichts der erneuten Kurseinbrüche ist das eine Sorge, die wir verstehen können. Andererseits erhielten wir derartige Post vor dem Kurssturz praktisch überhaupt nicht. Die bereits erfolgte Bewegung prägt also zu einem Gutteil die Stimmung. Angst und Enttäuschung sind jedoch nicht der schlechteste Nährboden für einen Kursaufschwung. Wägen wir das Restrisiko in den Sachwerten gegen das Restrisiko in der Währung und allen direkt darauf beruhenden Nominalanlagen ab, dann erscheinen uns die Sachanlagen weiterhin deutlich attraktiver. Wir würden also gerade die Verunsicherung nutzen, um ausgewählte Sachanlagen wie Edelmetalle und Qualitätsaktien aufzustocken.

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Musterdepot
Das Hebelzertifikat auf den Nasdaq 100 (WKN: BC1WWY) wird heute vermutlich ausgeknockt werden. Im Nachhinein gesehen, war es natürlich zu früh und zu riskant, auf eine nachhaltige Gegenbe

wegung zu setzen.

Die Griechenland-Anleihe 2002-2012 (Fälligkeit am 18.5.2012) mit der Kennnummer 830275 haben wir am heutigen Dienstag zum Limit von 54 erhalten. Wie schon letzte Woche ausgeführt. Dieses Papier ist hochriskant und eignet sich nur für spekulativ eingestellte Anleger. Sollte es bis zum Laufzeitende tatsächlich zum Griechen-Bankrott kommen, wird dieses Papier deutlich Einbußen verzeichnen. Sollte sich der Bailout weiter fortsetzen, könnte die Anleihe zu 100 zurückgezahlt werden. Aufgrund des hohen Risikos ist der Depotanteil mit nicht einmal 2% nur sehr gering. Eventuell werden wir die Position bei tieferen Kursen nochmals aufstocken.

Da wir nicht ausschließen können und wollen, dass sich die Baisse noch weiter fortsetzt, wollen wir in unserem Depot etwas Luft machen und einige Titel verkaufen, mit denen wir ohnehin schon seit geraumer Zeit unzufrieden sind. In erster Linie handelt es sich dabei um Aktien mit dem SIP-Wert „C“ oder „D“, mehr dazu im Heft auf S. 84, im Erläuterungstext unterhalb der Tabelle.

Es sind dies United Internet (WKN: 508 903), Baader (WKN: 508 810) und Nintendo (WKN: 864 009) – alles „D“-Werte. Wir verkaufen jeweils alle Stücke zum Eröffnungskurs des morgigen Mittwochs. Beim Internet-Reifenhändler Delticom (WKN: 514 680; SIP-Wert „C“) verkaufen wir die Hälfte unserer 400 Stück.

Smart Investor sucht einen Volontär

Das Magazin Smart Investor sucht einen Volontär (oder Praktikanten, auch Teilzeit) als personelle Verstärkung. Leidenschaft für das Thema Wirtschaft/Börse, eine gewisse journalistische Begabung sowie gute EDV-Kenntnisse sollten vorhanden sein. Bei Interesse melden Sie sich bitte unter info@smartinvestor.de (Ansprechpartner: Ralf Flierl)

SI-Oktoberausgabe
Einen Überblick über den Inhalt der Oktoberausgabe können Sie sich hier verschaffen.

Fazit
Im Augenblick sind Sachwerte out – Aktien wie auch Rohstoffe. Die Politik sorgt mit ihrer Politik jedoch für eine Entwertung des Geldes. Und damit sollten Sachwerte irgendwann auch wieder attraktiv werden. Dann geht der von uns so titulierte Crack-up-Boom in die letzte Runde – mehr dazu in der Oktoberausgabe auf S. 54. Wir vermuten, dass dies schon bald der Fall sein wird.

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.