Smart Investor Weekly 44/2011: Fragen und Antworten: – Zu Griechenland und CuB

Und auch kaum einer der Kommentatoren scheint noch über eine gute Orientierung zu verfügen: erst scheint der Fall Griechenland „gelöst“ zu sein, und seit gestern nun, mit der Ankündigung des Regierungschefs Papandreou eines Volksentscheids der Hellenen über das Entschuldungsvorhaben, ist wieder alles offen. In den letzten Tagen erhielten wir daher einige Anfragen von Lesern, die meist von allgemeinem Interesse sind, und die wir daher hier in „großer Runde“ beantworten wollen.

Frage: Würde bei einer Ablehnung des Entschuldungspaketes durch die Griechen (so sehen zumindest derzeit die Umfragen in der dortigen Bevölkerung aus) der Euro noch zu retten sein?
Antwort: Aus heutiger Sicht würde das dann bedeuten, dass der bis vorgestern wahrscheinliche freiwillige Schuldenschnitt nicht funktionieren kann. Falls dann nicht weiteres Geld aus den Rettungstöpfen an Griechenland fließt, wäre das Land im Nu zahlungsunfähig und müsste Bankrott erklären. Dann käme es zu einem klassischen Schuldenschnitt, der bis zu 100% reichen könnte. Die Inhaber der Griechen-Bonds würden dann gemäß der Schuldenschnittquote „unfreiwillig“ ihr Kapital verlieren. Auch die Anleihe in unserem Musterdepot würde dann dementsprechend verlieren, im Extremfall sogar 100%.

Die Folgen davon wären: Die Griechen wären dann zwar ihre Schulden (teilweise) los, sie hätten dann aber auch ihre Kreditwürdigkeit auf Jahrzehnte hin verloren. Die griechischen Banken wären sofort pleite. Die Griechen müssten dann sofort die Drachme einführen, die sie dann nach Belieben inflationieren könnten. Dies würde in kürzester Zeit in einer Hyperinflation mit entsprechend negativen Effekten (vgl. Deutschland 1923) enden.

Für die EU bzw. den Euro wäre dies vermutlich auch das Aus. Denn ein unkontrollierter Schuldenschnitt würde durch Auslösung der CDS-Kriterien zig Bilanzen bei Banken und anderen Unternehmen durcheinanderwirbeln. Die Ratingagenturen müssten dann vermutlich im Stundentakt – je nach Informationslage – die Bonitätsstufen vieler Marktteilnehmer herabsetzen. Zudem wären die Zentralbanken (EZB, BuBa) pleite und müssten mit gigantischem Aufwand rekapitalisiert werden, was dann im Rest-Euroland zu einer massiven Neuverschuldung (um die weggefallenen Schulden der Griechen aufzufangen) und mittelfristig dann zu Inflation führen würde.

Frage: Würden unser Politiker dieses beschriebene Szenario wünschen bzw. zulassen?
Antwort: Das können wir uns beim besten Willen nicht vorstellen. Warum sonst hat man denn dann diesen Zirkus mit dem freiwilligen Schuldenschnitt veranstaltet? Kurzum: Es ist klar, dass die EU-Granden den Bankrott der Hellenen unter allen Umständen vermeiden wollen. Warum also schießt Papandreou quer? Schlicht und ergreifend deshalb, weil Griechenland mittlerweile der „Schwanz“ ist, der mit dem „Hund“ Europa wedelt. Wie wir in der jetzt erschienenen Smart Investor Ausgabe in der Titelgeschichte erläutert haben, hängt mittlerweile Alles an diesem kleinen winzigen südöstlichen Zipfel Europas. Wer’s nicht glaubt, der lese bitte diese Titelgeschichte. Es ist tatsächlich unglaublich in welcher naiven, ja geradezu dummen Art und Weise unsere Politiker Deutschland und die gesamte EU in eine tödliche Sackgasse manövriert haben, aus der es keinen Ausweg mehr gibt, und bei der selbst der Rückweg versperrt ist. Hierzu empfehlen wir Ihnen die Aufarbeitung des Schuldendesasters durch unseren Gastautor Peter Boehringer auf S. 14 und bzgl. des Target2-Mechanismus im Speziellen das Interview mit Prof. Hans-Werner Sinn auf S. 18. Wie das alles dann mit der „europäischen Idee“ zusammenhängt und warum sie letztendlich zum Scheitern verurteilt ist, klären wir in der Geschichte „Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“ auf S. 48.
Das gesamte Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe finden Sie hier:
https://www.smartinvestor.de/news/inhalt/index.hbs

Da Politiker aber den totalen sofortigen Zusammenbruch nicht zulassen wollen und werden, ergibt sich aus oben beschriebener Konstellation folgendes: Griechenland hat Europa in der Hand und kann damit Bedingungen diktieren. Genau deshalb kündigte Panpandreou gestern auch diese Volksabstimmung an. Denn nun liegt es an den Geberländern, die Konditionen bei einem „freiwilligen Schuldenschnitt“ so erträglich wie möglich zu gestalten. Das ganze läuft im Prinzip auf „Erpressung“ hinaus.

Frage: Wie sieht Smart Investor die weitere Entwicklung?
Antwort: Wir gehen davon aus, dass dieser Erpressungsversuch fruchten und der freiwillige Kapitalschnitt, wie vergangenen Mittwoch beschlossen, durchgezogen wird – allerdings dann eben unter deutlich milderen Umständen für Griechenland, der verordnete Sparkurs dürfte also weit weniger scharf ausfallen.

Frage: Wie ist vor diesem Hintergrund die Griechenland-Anleihe im Musterdepot zu sehen?
Antwort: Wenn sich unsere Einschätzung bestätigt, wird sie zu 100% zurückgezahlt werden. Falls nicht, weil es zu einem Griechenland-Bankrott kommt, dann ist die Anleihe kaputt und mit ihr ganz Euro(pa).

Frage: Können im Falle eines freiwilligen Schuldenschnitts, so wie am vergangenen Mittwoch angedacht, diejenigen Anleihen, die nicht zum Umtausch eingereicht werden, anders behandelt werden.
Antwort: Unserer Ansicht nach: nein. Die Konditionen der Bonds (Laufzeit, Zins usw.) sind vertraglich festgelegt. Ein Abweichen davon geht nur freiwillig (wie es die Banken mehrheitlich ja tun wollen), oder mittels Zwang, was dem Bankrottszenario entspräche. Einen Mittelweg gibt es unseres Erachtens nicht. Und da man den Bankrott unter allen Umständen vermeiden will, dürfte das bisherige Vertragswerk auch weiter bestehen. Natürlich gibt es hierzu auch andere Meinungen, z. B. in auf FAZ-Online von letztem Freitag:
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihemarkt-markt-spekuliert-ueber-behandlung-privat-gehaltener-griechen-anleihen-11509100.html

Wir können Ihnen nur raten, sich umfassend ein Bild zu machen und auch andere Quellen zu lesen. Letztendlich geht es hier um hopp oder topp.

Frage: Im letzten Weekly brachten Sie die Frage eines Lesers zum Crack-up-Boom (CuB), welche Sie aus meiner Sicht nicht zufriedenstellend beantwortet haben. Ist denn das Japan-Szenario nicht möglich?
Antwort: Prinzipiell ist zu jeder Zeit immer jede Entwicklung möglich. Insofern war die damalige Frage natürlich berechtigt. Allerdings wollen wir nicht immer zu jeder Zeit unsere These immer wieder neu erläutern. Ein CuB erfordert nun einmal, dass das System zügig und in großen Schritten inflationär „explodiert“. Die immer weiteren und größeren Rettungsschirme gehen ja auch in diese Richtung.

Natürlich gibt es auch die andere These, wonach die Rettungsmaßnahmen bei weitem nicht ausreichen und das gesamt Weltwirtschaftssystem daher in eine deflationäre Stagnationsphase abgleitet. Diese These ist genauso berechtigt wie unsere vom CuB. Es bleibt also bei jedem selbst, welcher These er mehr Wahrscheinlichkeit zutraut.
Lesen Sie zum Thema „Japan-Szenario versus Crack-up-Boom“ auch das erhellende Interview mit dem renommierten Strategen Felix Zulauf im aktuellen Heft auf S. 74 oder auch die Kolumne des WirtschaftsWoche-Redakteurs Hauke Reimer, der sich darin mit seiner Aussage zum CuB offensichtlich auf Smart Investor bezieht:
http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/crack-up-boom-nach-der-griechen-rettung-487021/

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Frage:

> Besteht nicht kurzfristig die erhebliche (charttechnische) Gefahr, dass wir – wie so häufig – nicht doch noch eine zweite (vielleicht noch heftigere) Abverkaufswelle sehen werden, die uns zumindest noch einmal auf die alten Tiefststände von August drücken könnte, was beim DAX vom heutigen Stand aus ein Minus von immerhin satten 15% entsprechen würde?
Ein unabhängiger Chartanalyst äußerte sich hierzu letzthin im Handelsblatt, dass es sich derzeit wohl am ehesten um einen Bärenmarktrally handeln würde, der bei ca. 6.300 Punkten die Luft ausgehen müsste. Können Sie sich dieses Szenario kurzfristig (= ca. für die nächsten 6 Monate) auch vorstellen? Oder besteht in Ihren Augen hierfür kaum eine Wahrscheinlichkeit?
Antwort: Wie gesagt: Zu jeder Zeit ist jedes Szenario möglich, und daher kann es von uns auch nicht ausgeschlossen werden. Unsere Zyklen deuten an, dass es tendenziell eher zügig nach oben gehen dürfte, und der Markt den Akteuren keine langen Atempausen mehr gönnt.

Davon abgesehen: Uns ist (fast) kein technischer Analyst bekannt, der derzeit nicht auf Baisse-Modus getrimmt wäre. Dazu sind die charttechnischen Konstellationen auch viel zu eindeutig negativ. Auch wir hatten vor einigen Wochen angedeutet, dass der erste wichtige Test nach oben hin bei der 6.500-Punkte-Marke im DAX erfolgen dürfte, was ja annähernd passiert ist. Die alles entscheidende Frage ist doch: Sind wir jetzt noch im Baisse- oder schon wieder im Hausse-Modus? Und darauf kann Ihnen ein technischer Analyst kaum eine sinnvolle Antwort geben. Und wenn er es doch tut, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn er sich demnächst schon wieder dreht („Fähnchen im Wind“). Kurzum: Technische Analyse halten wir für sinnvoll für das Timing. Aber um eine Vision für die mittelfristige Zukunft zu bekommen, ist zumindest die klassische Charttechnik nicht geeignet – eher dann schon Zyklen- oder Wellentheorien. Oder aber eben die Fundamentalanalyse, aus der wir ja auch den Crack-up-Boom ableiten. Wir bleiben also dabei: Aus unserer Sicht befinden sich DAX und Dow Jones schon wieder im Hausse-Modus.

Musterdepot alt
Unser Kauflimit für Advanced Inflight Alliance (AIA) ist immer noch nicht aufgegangen. Wir streichen die Order.

3.000 Stück des NASDAQ-Long-Hebelzertifikat mit der Kennnummer DE23KZ sind zu einem Kurs von 2,75 EUR ins Depot eingebucht worden. Vorsicht: Totalverlustgefahr!

Veranstaltungshinweise
Falls Sie die Internationale Edelmetall und Rohstoffmesse am 4./5. November in der Münchner Eventarena (ehemalige Olympia-Radsporthalle) besuchen, schauen Sie doch bei uns vorbei. Smart Investor ist dort mit einem Stand vertreten und unser Chefredakteur Ralf Flierl hält am Samstag, den 5.11.2011 um 9:50 auf der Bühne im Erdgeschoß einen Vortrag zum Thema: „Gutes Geld“ halten. Bitte wenden Sie sich wegen Eintrittskarten nicht an uns!

Die Partei der Vernunft (PdV) veranstaltet am 24. November um 18.00 Uhr eine Podiumsdiskussion, in welcher es um den Euro und dessen „Rettung“ geht. Neben dem Goldseiten-Blogger Peter Boehringer und dem Bundesvorsitzender der PdV Oliver Janich wird auch Smart Investor Chefredakteur Ralf Flierl daran teilnehmen. Die Diskussion wird auch per Livestream im Internet übertragen werden. Alle Details dazu hier: http://pdv-bayern.de/muenchen-podiumsdiskussion-zur-eurokrise

Am 2. Dezember findet unter dem Titel „Auslaufmodell Euro – Lösungswege für Europa“ im Hotel Adlon in Berlin eine hochkarätig besetzte Finanztagung statt. Zu den Referenten zählen unter anderem Prof. Dr. Wilhelm Hankel, „Mr. Dax“ Dirk Müller, der Chefvolkswirt der Barclays Bank Deutschland Prof. Dr. Thorsten Polleit und der FDP-Bundestagsabgeordneter Frank Schäffler. Auch Smart Investor wird mit einem Redakteur dort vor Ort sein. Nähere Informationen erhalten Sie unter info@wordstatt.de.

Fazit
Zusammenfassend kann man sagen: Eine notwendige Voraussetzung für eine Fortsetzung des Crack-up-Booms ist, dass Griechenland keinen offiziellen Bankrott hinlegt. Sollte dies wider unseres Erwartens doch passieren, ist in Europa Landunter! Wir vermuten, dass unsere Politiker geeignete Mittel und Wege finden werden, um dies (vorerst noch einmal) zu verhindern.

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.