Smart Investor Weekly 9/2012: Alle Neune? – BVerfG kegelt Sonder-Gremium ein bisschen raus.

Von Löwen und Lämmern
Konkret ging es um das sogenannte Neuner-Sondergremium, auf das die Entscheidungsbefugnisse des Bundestages bei besonders eiligen oder(!) vertraulichen Maßnahmen des EFSF hätten übergehen sollen. Wenn das Neuner-Gremium im Geheimen getagt hätte, wäre der Bundestag bei diesen bedeutenden Entscheidungen außen vor gewesen. Diese ebenso schnelle, wie verschwiegene Eingreiftruppe ging dem Bundesverfassungsgericht zumindest in der konkreten Ausgestaltung dann doch ein bisschen zu weit. Grundsätzliche Bedenken hinsichtlich der praktizierten Geheimniskrämerei scheint man jedoch nicht zu haben. So sieht das jedenfalls Bundestagspräsident Norbert Lammert, der das Gremium vor dem Spruch aus Karlsruhe für „demokratisch legitimiert“ hielt und danach die Regelung lediglich „nachjustieren“ wollte. Das Pikante daran: Herr Lammert ist nicht einmal Mitglied der Regierung, sondern repräsentiert als Parlamentspräsident jene Abgeordneten, deren Rechte so massiv beschnitten wurden. Wie ein Löwe hat sich Lamm(ert) jedenfalls nicht für die Belange seiner Abgeordneten-Kollegen eingesetzt.

Anzeige
_________________

Die Revolution in Ihrer Kapitalbildung!

Endlich ist das revolutionäre Handelssystem Neuronales-System-Trading auch für Privatanleger zugänglich. Die Eckdaten:

Seit 2000 +11.913% Gewinn bei einer Trefferquote von 72,6%!
Aus 10.000 Euro wurden 1,2 Millionen Euro!
– Konkrete Hebelzertifikate-Empfehlungen
zu DAX, MDAX, ATX, CAC, Ibex, SMI, EuroStoxx, Nasdaq sowie Gold!

Traden auch Sie jetzt völlig kostenlos nach diesem hoch profitablen Handelssystem! Klicken Sie hier!

__________________

Druck mit Drucksachen
Dabei scheinen solche Sondergremien faktisch völlig unnötig zu sein. Die Abstimmung über die zweite „Griechenlandhilfe“ hat gezeigt, wie ein moderner Parlamentarismus im Sinne der Regierung funktionieren kann: Am Freitag, den 24.2., erhielten die Abgeordneten die 726 Seiten starke Beschlussvorlage. Am Montag, den 27.2., wurde mit überwältigender Mehrheit für die abermalige „Rettung“ Griechenlands, also für Frieden, Fortschritt und Eierkuchen in ganz Europa gestimmt. Ja, wir sagten Frieden, denn ohne Euro gibt es bekanntlich Krieg, weil die Europäer offenbar nicht über den geistigen Zustand von Sandkasten-Kindern hinausgekommen sind, die sich sofort die Köpfe einschlagen, sobald die Glucke „EU-Kommission“ wegschaut. Alt-, Über- und Langzeitkanzler Helmut Kohl warnte dementsprechend vor den „Geistern der Vergangenheit“ und begab sich, wie um seiner Warnung Taten folgen zu lassen, gleich selbst wieder in die Bütt.

Gewiss, einige der befragten Abgeordneten gaben zu, über das Wochenende gar nicht gelesen zu haben, worüber sie da genau abstimmten. Aber wozu auch?! Die Logik ist bestechend: Wenn einfache Abgeordnete es wirklich besser wüssten, dann wären sie wohl kaum einfache Abgeordnete geblieben, sondern säßen längst selbst in der Regierung. So wie etwa unser Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Der alte (Rate-)Fuchs hat das Thema so souverän im Griff, dass er auch während der 130-Mrd.-EUR-Abstimmung Zeit fand, ein Sudoku-Zahlenrätsel zu „bearbeiten“ und – wir sind sicher – letztlich auch zu lösen. Es ist beruhigend, dass der zuständige Minister so gut mit Zahlen kann.

Schippe oder Sack?!
Apropos Zahlen: Banken konnten sich heute über weitere 529 Milliarden Draghi-Euros freuen, die sie zu einem Zinssatz von 1% auf drei Jahre von der EZB erhielten. Wir leben in glücklichen Zeiten, in denen Geld bei Bedarf einfach entsteht. Würde das Ganze nicht elektronisch abgewickelt, so müsste man sich die heutige Szene am EZB-Schalter etwa so vorstellen, wie bei der Warenausgabe eines Möbelhauses an einem Samstag Vormittag. Die wirklichen Dramen spielen sich erst beim Verstauen der Beute im mitgeführten Pkw ab. Möglicherweise mag es der eine oder andere als einen gewissen Mangel empfinden, dass nicht jeder bei der EZB vorstellig werden konnte, um ein paar Schippen oder einen ganzen Sack Frischgeld abzuholen. Das ist aber nur ein Haken. Der andere ist, dass dieses Geld vermutlich postwendend in „sichere“ Staatsanleihen zurückfließen wird, weil die meisten Banken schon aufgrund der gesetzlichen Vorschriften kaum andere Möglichkeiten haben. Die „Hilfe“ für die Banken ist also auch Selbsthilfe der hochverschuldeten Staaten mittels einer willfährigen Notenbank.

Zu den Märkten
Von daher sollte man sich auch keine übertriebenen Hoffnungen machen, dass diese Liquidität nun ungebremst in die Aktienmärkte schwappen werde. Banken profitieren zwar direkt durch die nun mögliche Entrümpelung ihrer Bilanzen über die Zeit. Ein Vorgang, bei dem einst eingekaufter Schrott nun schrittweise in gutes Geld verwandelt wird, was den Schrottkäufern von einst letztlich sogar Recht gibt. Auch kurzfristige Effekte sind durchaus möglich, denn es ist kein Zufall, dass der Dow Jones wieder über 13.000 Punkten steht und sich der DAX der 7.000-Punkte-Marke nähert. Eine Bewegung allerdings, die auf zunehmend tönernen Füßen steht. Im DAX lassen sich seit dem Wendepunkt drei Aufwärtstrends einzeichnen, die immer steiler wurden. Der jüngste und steilste dieser Trends wurde im Februar mehrfach angekratzt, was ein erstes Warnzeichen, aber noch kein unmittelbares Verkaufssignal ist. Häufig fächern sich solche Trends zunächst auf, bevor sie letztlich brechen. Der DAX entwickelt sich momentan unterhalb des steilsten dieser drei Aufwärtstrends wieder nach oben.

Musterdepot
Eine ähnliche Situation haben wir bei unserem Musterdepot-Wert Aurelius (WKN A0JK2A, Kurs aktuell: 34,70 EUR), wo wir ebenfalls unterhalb eines Aufwärtstrends wieder steigende Kurse beobachten. Wir halten hier unser Verkaufslimit von 38,60 EUR weiter aufrecht. Die Aktie ist gut gelaufen und ein kurzfristiges Überschießen würden wir zur Sicherung unserer Gewinne aktiv nutzen. Voraussichtlich werden wir nächste Woche auch bei weiteren Titeln unseres Musterdepots Verkäufe durchführen bzw. Verkaufsaufträge eingeben. Näheres hierzu im nächsten Smart Investor Weekly.

Spannend bleibt die Situation bei unserer Griechenland-Anleihe, wie die folgenden Ausführungen zeigen („Sonderthema“). Uns erscheint das Risiko nach unten mittlerweile sehr begrenzt, da das Umtauschangebot (s.u.) einen gewissen Boden darstellt, der allerdings in einzelnen Komponenten noch mit Unsicherheiten belastet ist. Die Zuspitzung der Ereignisse zeigt allerdings auch, dass Zeit der entscheidende Faktor zwischen Erfolg und Fehlspekulation sein könnte. „Sicherer“ erscheint uns vor diesem Hintergrund die März-Anleihe (WKN A0T6US*): Sollte der Haircut scheitern, so dürfte die März-Anleihe mit EU-Geldern ausbezahlt werden, während die späteren Termine weiter in der Schwebe bleiben würden (s.u.). Zur morgigen Eröffnung werden wir daher die 300 Mai-Anleihen (WKN 830275, Kurs aktuell: 22,51 EUR) verkaufen und im Gegenzug 500 Stück der März-Anleihe (WKN A0T6US*, Kurs aktuell: 26,75 EUR) billigst kaufen.

Sonderthema Griechenland: Zwang oder Nicht-Zwang, das ist hier die Frage
Im Vergleich zur vergangenen Woche ist die Situation insofern konkreter geworden als das griechische Finanzministerium mittlerweile ein offizielles Angebot vorgelegt hat (www.greekbonds.gr). Die Formulierungen im Angebot sind jedoch nach wie vor so vage, dass verbindliche Aussagen über Freiwilligkeit oder Zwang des Umschuldungsvorhabens kaum getroffen werden können. Nachdem am Montag noch alle Griechenanleihen vom Handel ausgesetzt waren, wurde der Börsenhandel zwischenzeitlich wieder aufgenommen. Nach der Meldung über die Herabstufung Griechenlands durch S auf ein „selektive Default“-Rating sind die Kurse jedoch erneut im Sinkflug. Die am 20. März fällige Anleihe (WKN A0T6US*) steht inzwischen bei ca. 27% des Nominalwertes. Mit kriegsentscheidend dürfte die Interpretation durch die ISDA (International Swaps and Derivatives Association, Inc. – Handelsorganisation der Teilnehmer am Markt für OTC-Derivate, die bestimmt, ob ein Default für CDSs vorliegt) sein, die für Mittwoch angekündigt ist. Löst diese bereits auf Basis des vorliegenden Umschuldungsvorhabens eine Fälligkeit der Credit Default Swaps aus, dürfte es nicht mehr entscheidend sein, ob die Regierung zum Tausch zwingt oder nicht.

Aus unserer Sicht ist in den von den Banken versendeten Unterlagen Option 3 („Ablehnung Änderung Anleihebedingungen OHNE Anmeldung Umtausch“) die einzig rationale Antwort.

Gute Vorsätze
Das komplette Angebot Athens steht unter massivem Vorbehalt. Die griechische Regierung spricht in allen Szenarien lediglich von „the Republic intends to do“. Man plant also lediglich und ist zu nichts verpflichtet. Bei einer Annahmequote von weniger als 90% des Anleihevolumens sieht sich die Republik sowieso an nichts gebunden. Eine unserer Meinung nach schwerlich zu erreichende Hürde, die Hintertür zur Absage des ganzen Umtauschvorhabens steht damit nach wie vor offen. Sollte dies so kommen und eine ungeregelte Pleite verhindert werden müssen, sehen wir das insbesondere für die März-Anleihe* positiv. Diese könnte dann durch EU-Überbrückungsgeld getilgt werden.

Kommt es zum Zwangstausch, erhalten auch ablehnende Anleger vier neue Wertpapiere für eine alte Griechen-Anleihe im Wert von 1.000 EUR Nominalwert in ihr Depot eingebucht:

– EFSF-Anleihen, Nominalwert 150 EUR (50% ein Jahr Restlaufzeit, 50% zwei Jahre Restlaufzeit)
Wert 150 EUR, da voraussichtlich bei 100% gehandelt
– Ausstehende Couponzahlung in EFSF-Anleihen (sog. Accrued Interest Notes)
– Besserungsschein, Nominalwert 315 EUR, Auszahlungen abhängig von BIP Entwicklung
Wert 0 EUR, da voraussichtlich keine der BIP-Hürden erreicht werden wird
– Griechenland-Anleihe, Nominalwert 315 EUR
Wert fraglich, basierend auf dem aktuellen Kurs der März-Anleihe müsste diese bei 38% des neuen Nominalwertes notieren (270 Euro Wert der alten Anleihe – 150 EUR Wert der EFSF Anleihe = 130 EUR, bei einem Nominalwert von 315 EUR sind das 38%)

Wir sehen drei mögliche vorläufige Ausgänge der griechischen Tragödie:
1. Die Drohung mit der Zwangsumschuldung war ein großer Bluff – die Folge wäre die vollständige Tilgung der Anleihen der Verweigerer des freiwilligen Angebotes.
2. Die Anleihebedingungen werden geändert, eine offizielle Staatspleite riskiert – die Folge wäre die Umbuchung in die oben dargestellten Komponenten.
3. Das ganze Vorhaben wird mangels ausreichender freiwilliger Zustimmung abgesagt und neuverhandelt – die Folge könnte entweder die ungeregelte Pleite oder das Erkaufen von Zeit durch weitere Hilfsgelder sein. Dies wäre als positiv für die März-Anleihe* zu werten, während die Mai-Anleihe weiter in der Schwebe bliebe. Für diesen Fall wollen wir den Umtausch im Musterdepot vornehmen.

Fazit
Das Thema Griechenland nähert sich in diesen Tagen und Stunden einem weiteren Höhepunkt. Der Euro-„Rettungswahn“ geht in die nächste Runde.

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit „*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins Smart Investor kann unter www.smartinvestor.de/abo angefordert werden.

Das Magazin:
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins ist unter https://www.smartinvestor.de/news/inhalt/index.hbs einzusehen.

eMail-Versand:
Sollten Sie den eMail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine eMail mit dem Betreff „Abbestellen des SIW“ an info@smartinvestor.de.

Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.