Smart Investor Weekly 26/2012: Konto „88888“ – Einst und jetzt

Verschleiern und vertagen
Eine ordentlich verfahrene Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass es keinen echten Ausweg gibt, vor allem keinen schmerzlosen. Der Euro-Karren befand sich schon nach wenigen Jahren in einer solch verfahrenen Situation und wurde durch(!) mehrfache „Rettungsversuche“ immer weiter in den Dreck geschoben – so weit, dass ihn heute praktisch niemand mehr herausziehen kann. Als rein politisches Thema wurde der Euro ohnehin von Anfang an den Erwägungen ökonomischer Vernunft konsequent entzogen. Stattdessen gab es pseudo-ökonomische Rechtfertigungspropaganda: „Deutschland profitiert vom Euro!“ So oder so ähnlich tönt es heute allerdings nur noch aus der Betonkopffraktion der unverbesserlichsten Realitätsverweigerer. Eine ehrliche Bestandsaufnahme der beabsichtigen Maßnahmen und eine ergebnisoffene Abstimmung sind dennoch nicht zu erwarten, wenn Bundestag und Bundesrat am kommenden Freitag mehrheitlich den ESM-Vertrag zur Errichtung eines sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus ratifizieren werden. Da im Rahmen der Euro-„Rettung“ nicht nur ökonomische, sondern auch juristische Grundsätze permanent mit Füßen getreten werden, hat jetzt zumindest das Bundesverfassungsgericht vorsorglich den Bundepräsidenten „gebeten“, das ESM-Gesetz zunächst einmal nicht zu unterschreiben.

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Näher an den Rohstoffmärkten geht nicht.
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Letzte Zuflucht „88888“
Und was machen die Märkte?! Obwohl der ESM nicht nur ein geradezu marktfeindliches, sondern auch noch untaugliches Konstrukt zentraler Intervention und Steuerung ist, reagierten die Märkte schockiert. Nicht etwas, weil diese nichts und niemandem verantwortliche Super-Badbank kommt, sondern weil für die Dauer eines Wimpernschlags die Möglichkeit bestand, dass sie vielleicht noch(!) nicht kommt. „Die Märkte“, eigentlich die bestimmenden Spieler an den Märkten, sind inzwischen so abhängig von der Droge der Intervention in Form von staatlicher Verlustübernahme und Geldgeschenken der Steuerzahler, dass schon die vage Möglichkeit ihres Ausbleibens Panikattacken auslöst – wie bei echten Drogen. Dabei ist die Intervention à la ESM keine Problemlösung, sondern allenfalls Problemverschiebung und -verschleierung. In einer derart verfahrenen Situation ist jede echte Lösung eben schmerzhaft. Diese Erkenntnis und das Eingeständnis dieser Erkenntnis, will die Politik uns und vor allem sich selbst so lange wie möglich ersparen. Das Muster ist wohlbekannt: Auch der ehemalige Börsenhändler Nick Leeson manövrierte sich auf diese Weise von einer verfahrenen in eine ausweglose Situation. Um sich und seinen Vorgesetzten (in der Euro-Analogie der Bürger als der Souverän bzw. in Schäuble-Sprech der „Teil-Souverän“) die gewaltige Schieflage nicht eingestehen zu müssen, entwickelte er einige Kreativität und allerlei Finten beim Verstecken und Verschleiern der Verluste (heute heißt das Griechenland-I-Paket, Griechenland-II-Paket, EFSF, Target2, etc.). Schließlich kam er auf die glorreiche Idee, die Verluste auf ein verschwiegenes Konto mit der Nummer 88888 zu verschieben, das man wohl heute als ESM bezeichnen würde. Dort schlummerten sie und weil dadurch auch damals kein Problem gelöst wurde, kam was kommen musste: Das Konto flog den Beteiligten zusammen mit der altehrwürdigen Barings-Bank um die Ohren und Nick Leeson suchte erst einmal das Weite. Schon Leeson wusste, wie man das eigene unbedeutende Schicksal mit etwas Großem verbindet: Scheitert Nick Leeson, dann scheitert auch Barings. Wer wäre also geeigneter, berufener und erfahrener als Nick Leeson, um das neu zu schaffende Konto ESM-88888 zu betreuen?!

Zu den Märkten
Die Geburtswehen des ESM strahlten in der vergangenen Woche erneut auf die Märkte aus. Wie ein Paukenschlag wirkte die oben erwähnte „Bitte“ des Bundesverfassungsgerichts an den Bundespräsidenten. Es gibt wenige Menschen, die im Chart eines Börsenindex ihre eigenen Handlungen ablesen können, Verfassungsrichter Voßkuhle gehört seit dem 21.6.2012 dazu (vgl. DAX-Chart) und wir sollten ihm für diesen Mut dankbar sein. Rein technisch beendete der „Voßkuhle-Moment“ die Erholungsbewegung des DAX und löste drei Tage mit äußerst schwachem Handelsgeschehen aus. Dass damit auch das Kursziel einer 50%-Reaktion verfehlt wurde zeugt von der Schwäche des Marktes, die in den nächsten Monaten noch wesentlich tiefere Kursstände erwarten lässt.
Auch der Euro beendete seine ohnehin nicht gerade kraftvolle Erholungsbewegung und bleibt sogar gegenüber dem durchaus nicht unproblematischen US-Dollar weiter klar im Abwärtstrend (vgl. Chart EUR/USD). Selbst die Bundesanleihen, die lange als „sicherer Hafen“ wahrgenommen wurden erscheinen nun akut für weitere und dramatische Kursverluste gefährdet. Die Haftungsgemeinschaft Euro lässt grüßen und ist mit einer Sonderrolle der Bundesanleihe natürlich nicht mehr vereinbar. Mehr zur Situation am deutschen Kapitalmarkt lesen Sie im neuen Smart Investor 7/2012, der am kommenden Samstag erscheint. In der Titelstory dieser Ausgabe befassen wir uns mit der bereits in vollem Gang befindlichen „Financial Repression“ (ab S. 14, einen kleinen Teaser finden Sie hier), einer Mischung aus Niedrigzins, Sondersteuern und Kapitalverkehrsbeschränkungen, die ein ohnehin raues Anlageklima gänzlich zum Minenfeld werden lässt.

Musterdepot (Aktien)
Wie schon im letzten Weekly angekündigt, wollen wir im Musterdepot unsere Makrosicht der Dinge mit einigen derivativen Instrumenten nachbilden. Long-Positionen im Aktienbereich erscheinen uns – von wenigen Ausnahmesituationen abgesehen – im aktuellen Marktumfeld nicht nur unattraktiv, sondern höchst gefährdet. Mehr zu unserer Makrosicht finden sich auch in der neuen Ausgabe Smart Investor 7/2012 im „Großen Bild“ ab Seite 44.
Bei diesen Derivaten geht es ganz klar nicht um „Zockerei“, sondern um Absicherungserwägungen. Dennoch eignen sich derartige Instrumente grundsätzlich nur für erfahrene Anleger, die erstens wissen, was sie tun und zweitens das Risiko eines Totalverlusts auch aushalten könnten. Wer in diesem Bereich nicht aktiv werden möchte, für den empfiehlt sich weiter das Parken der Liquidität im Tagesgeld.
Konkret erwarten wir in den nächsten Monaten einen weiteren, dramatischen Rückgang des DAX. Dabei sollte im Laufe des Jahres 2012 die 5.000er Marke nicht nur erreicht, sondern sogar unterschritten werden. Wir ordern daher 5.000 Stück des Goldman-Sachs-DAX-Puts mit der Basis 5.700 Punkte (WKN GT0W2Z) zum Kurs von 2,25 EUR (akt. Kurs: 2,59 EUR). Das Limit liegt unter dem aktuellen Kurs und sollte erreicht werden, falls der DAX zumindest eines der Abwärts-Gaps, die in Folge des „Voßkuhle-Moments“ (s.o.) aufgetreten sind, wieder schließt. Mit diesem Instrument hätten wir eine Versicherung für die verbliebenen Aktienpositionen des Depots aufgebaut.
Unsere negativen Erwartungen hinsichtlich der weiteren Kursentwicklung des Euro würden direkt auf das in EUR nominierte Musterdepot durchschlagen. Viele Anleger machen sich die relativen Vermögensverluste, die durch eine solche Abschwächung ihrer Heimatwährung entstehen gar nicht bewusst. Um hier wenigstens einen Teil-Ausgleich zu schaffen, erwerben wir 1.000 Stück des Euro-Short-Knock-out-Zertifikats von HSBC Trinkaus (WKN TB73GW) mit einer ausreichend weit entfernten Knock-Out-Schwelle von 1,3730 USD (akt. Kurs: 10,24 EUR) mit einem Limit von 9,62 EUR.
Unser Verkaufslimit von 0,29 EUR für die Strateco-Aktie (WKN A0CAKR, akt. Kurs 0,26 EUR) bleibt weiter bestehen.
Die Kauforder für 600 Stück First Majestic Silver (WKN A0LHKJ) belassen wir bei 10,95 EUR (akt. Kurs: 11,20 EUR). Die anderen 600 Stück kauften wir letzte Woche zu einem Kurs von 12,47 EUR.

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Musterdepot (Fonds)
Hier ergeben sich keine Änderungen. Den Absicherungsgedanken haben wir durch den db x-trackers Short-DAX x 2 (WKN: DBX0BY) angemessen berücksichtigt.

Fazit
Da die „Rettungspläne“ der Regierungen die Bürger selbst tendenziell weiter im Regen stehen lassen, greifen wir zu unserem persönlichen Plan B und machen unser Musterdepot für die nächsten Monate „wetterfest“.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.