Wie wahrscheinlich ist eine Weltwährung?

Smart Investor: Herr Wile, Ihre Internetseite „The Daily Bell“, auf der Sie täglich hochkarätige politische und wirtschaftliche Analysen ausgewählter, stringent liberaler Autoren publizieren, deckt nicht nur die volkswirtschaftstheoretischen Ursachen und Zusammenhänge der großen Krisen und Probleme unserer Zeit auf, sondern beschäftigt sich auch mit den Machtstrukturen hinter den Kulissen und der Agenda der Machteliten. Lassen Sie uns über mögliche Pläne für ein neues globales Finanz- und Währungssystems oder gar für einer One-World-Währung sprechen, und beginnen wir mit der zur Zeit noch herrschenden Dollar-Hegemonie. Wie funktioniert sie und wie ist es zu ihr gekommen?

Anthony Wile: Die gegenwärtige Dollar-Hegemonie begann mit der Entstehung der US-Zentralbank – der Federal Reserve – im Jahr 1913. Damals wurde einem privaten Kartell die Lizenz zum Gelddrucken erteilt, durch Erklärung zum gesetzlichen Zahlungsmittel (legal tender laws). Die Hegemonie wurde ausgebaut und verstärkt durch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, die die Dominanz der Vereinigten Staaten als überragende Supermacht der Welt stark ausgeweitet haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war nur noch eine Großmacht stehen geblieben – die Vereinigten Staaten. Dementsprechend wurde das Gesicht der globalen Finanzwelt von US-Bürokraten – geführt von in Großbritannien ansässigen Bankelite-Familien – praktisch neu gestaltet. Als Ergebnis der Bretton-Woods-Konferenz von 1944 und begleitender Abkommen wurden der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank, die Vereinten Nationen und schließlich, um das alles durchzusetzen, die NATO geschaffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine umfassende Weltregierungs-Überstruktur, die seither stetig ausgebaut wurde. Die Rockefeller-Familie schenkte der UNO das Grundstück am East River und David Rockefellers Spuren sind in allen Aspekten des globalen Finanzsystems zu finden, einschließlich der Integration der in Schweiz angesiedelten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die BIZ organisiert und koordiniert ca. 100 der größten Zentralbanken der Welt. Selbst heute noch genießen BIZ-Kuriere totale Immunität weltweit. Sie dürfen nicht angehalten, durchsucht oder vernommen werden. Wenn Sie bei der BIZ sind, wird nichts, was Sie tun, hinterfragt oder auch nur angezweifelt. Es ist die Extremform der diplomatischen Immunität.

Smart Investor: Lange hat das Bretton Woods Abkommen aber nicht gehalten.

Anthony Wile: Das Wirtschaftssystem von Bretton Woods formalisierte eine sehr schwache Dollar-Gold-Bindung, wonach Zentralbanken des Westens einem bestimmten Austauschverhältnis Gold gegen Dollar-Banknoten vereinbarten und alle anderen Währungen in einem festen Wechselkursverhältnis an den Dollar gebunden wurden. Hypothetisch erklärten die Zentralbanken sich damit bereit, zumindest einen Teil der Noten, die sie druckten, einzulösen. Aber selbst diese minimale Bindung erwies sich als unhaltbar, als sich die USA in das militärische Desaster in Vietnam manövrierten. Schließlich baten die Franzosen, alarmiert durch die hohen Ausgaben der USA (und aus anderen Gründen auch), um die Einlösung von Dollars, und die Goldbindung wurde jäh aufgehoben. Das war im Jahr 1971, und Präsident Richard Nixon weigerte sich einfach, dem Verlangen nachzukommen. Er entkoppelte den Dollar vom Gold. Das war das Ende der letzten Reste des Goldstandards.
Da fand aber noch mehr statt. Man würde ja annehmen, dass die Führung der USA, die den Goldstandard einseitig aufhob und sich schlicht weigerte, das auszuzahlen, wozu sich die USA verpflichtet hatte, sich dadurch der internationale Ächtung preisgegeben hätte. Aber so kam es nicht. Um dies zu ermöglichen, hatte man die Saudis veranlasst, ihre Ölproduktion an den Dollar zu knüpfen. Die Saudis bestimmen das Ölangebot, das heißt, sie haben so viel Öl, dass sie allein den Ölpreis nach eigenem Gutdünken auf und ab bewegen können, oder zumindest war dies damals der Fall, als sie sich damit einverstanden erklärten, nur Dollars für ihr Öl zu akzeptieren. Sobald die Saudis ihre Zustimmung gegeben hatten, schloss sich praktisch die gesamte OPEC an; wer daher keine Dollar für den Ölkauf hatte, hatte eben Pech gehabt.

Dies war übrigens in keiner Weise ein Abkommen unter Ehrenmännern. Die Saudis sind, allgemein gesprochen, keine gerade angenehmen Leute. Im 20sten Jahrhundert zogen die Prinzen das große Los; das Geld, dass die Familie Saud als Ergebnis ihrer Zusammenarbeit mit dem Westen gemacht hat, muss ein Betrag von vielen Billionen ausmachen. Bei solchen Geldsummen wird mit harten Bandagen gespielt. Die anderen OPEC-Produzenten kooperierten nicht etwa, weil sie solche Fans der amerikanischen Kultur oder auch nur des amerikanischen Wohlstand waren. Sie kooperierten, um es deutlich auszusprechen, weil ihnen gedroht wurde. Das amerikanische Militär war damals wie heute der größte Knüppel auf der Welt.

Wie auch immer – die Aufzwingung des Dollar-Reserve-Systems steckt voller Ironie. Der US-Dollar ist jetzt ein reines Fiat-Geld, das heißt, es ist weder durch Gold noch durch irgendetwas anderes gedeckt außer der zunehmend zweifelhaften Kreditwürdigkeit der US-Regierung. Aber die Abmachung mit den Saudis, dass Öl ausschließlich in Dollar fakturiert wird, bedeutete, dass andere Länder Dollar brauchten, und zwar eine ganze Menge. Somit konnten die USA ihre Gelddruckmaschinen über lange Zeitstrecken mit Höchstgeschwindigkeit laufen lassen, ohne sich Sorgen um die Preisinflation im eigenen Lande machen zu müssen, die durch das Drucken von zuviel Geld an sich entsteht.

In den 1970er Jahren fand zwar eine ziemlich starke Preisinflation statt, aber in den 1980er und 1990er Jahren, nachdem das System erstmal fest etabliert war, konnten die Chefs des US-Bankwesens die Geldmenge dramatisch ausweiten, weil sie wussten, dass es im Ausland einen bereitwilligen Markt für Dollars gab.

Smart Investor: Ich hoffe, der große Liberale Lord Acton, hatte Unrecht, als er befand, „Macht neigt dazu, zu korrumpieren, und absolute Macht korrumpiert absolut“ …

Anthony Wile: Ich glaube wir können mit Sicherheit sagen, dass die Leute, die das US-Finanzministerium und die Federal Reserve führen, zum ersten Mal in der Geschichte, etwa drei Jahrzehnte lang, fast unvorstellbare Möglichkeiten hatten. Sie konnten praktisch so viel Geld drucken, wie sie wollten, um praktisch alles zu finanzieren, was sie wollten. Das Ergebnis war eine gewaltige Verformung des Wirtschaftsgefüges der USA. Die Staatsverschuldung explodierte. Der Sozialstaat explodierte. Und, am unheilvollsten, der US-Militärhaushalt explodierte.

Wenn man heute alles zusammenzählt, was für Militär, Söldnern, Geheimoperationen, Militärpolizei sowie Militärbasen und Aufrüstung im Ausland ausgegeben wird, kommt man auf ein Volumen von ungefähr 1 Billion USD pro Jahr. Die US-Bundesregierung gibt im Jahr ungefähr 4 Billion USD aus. Die Zahlen sind atemberaubend, unvorstellbar. Das ist es, was das Dollar-Reservesystem in den USA angerichtet hat. Es erfasste ein Land, das bereits dabei war, von einer Republik zu einem autoritären Staat zu mutieren, und expandierte es – wie unter Steroiden – in das größte Imperium, das die Welt je gesehen hat.

Das System ist eine Art militanter Keynesianismus. Rund um den Globus zahlen Vasallenstaaten Tribut an die US-Regierung, weil sie Öl gegen Dollar kaufen müssen. Sie sind an sich nicht gezwungen, Dollars für Öl zu geben, aber die Saudis akzeptieren nichts anderes und die meisten anderen ölproduzierenden Länder sind entweder freundschaftlich mit den USA verbunden oder einge

schüchtert oder beides.

Die USA nimmt dieses ganze Geld und kaufen jährlich ein riesiges Arsenal an Waffen und Ausbauten ihrer unzähligen Militärbasen weltweit – insgesamt vielleicht 1.000. Die Ironie, von der ich sprach, besteht darin, dass die Welt das militärisch-industrielle Establishment der USA dafür bezahlt, dass es von ihm eingeschüchtert wird. Die Dollar-Reserverwährung setzte das größte und kriegerischste Imperium in Gang, das die Welt jemals gesehen hat.

Smart Investor: Aber kann das ewig so weiter funktionieren?

Anthony Wile: Es trägt die Saat der eigenen Zerstörung in sich. Die militärischen und politischen Eliten Amerikas haben sich so sehr daran gewöhnt, diesen phänomenalen Reichtum immer zur Hand zu haben, dass sie faul und nachlässig geworden sind – abgesehen davon, dass sie Bullies (Rüpel, Tyrannen) geworden sind. Jetzt ändern sich die Umstände, und die Amerikaner haben Schwierigkeiten, damit fertig zu werden. An irgendeinem Punkt kann der Geldhahn abgedreht oder zumindest zugedreht werden. Da steht viel Schmerz bevor.

Derzeit haben wir es mit einem jährlichen US-Bundeshaushalt in Höhe von 4 Billionen USD zu tun – wovon etwa 1,5 Billionen USD vom Ausland geliehen werden. Das heißt, die USA verkaufen Staatsanleihen und setzen das geliehene Geld dafür ein, ihren Wohlfahrtsstaat und ihre Militärmacht zu finanzieren. Wie zahlen sie die Zinsen? Sie leihen sich mehr Geld und drucken außerdem einfach mit ihren Druckmaschinen Geld aus dem Nichts. Aber es wird noch ein anderes Spiel gespielt. Dieses Spiel begann in den 1980er Jahren, als die USA eine Vereinbarung traf, den Dollar abzuschwächen, und auf diese Weise es Japan erleichterte, in die USA zu exportieren. Im Gegenzug waren die japanische Regierung und private Banker offenbar bereit, riesige Mengen von US-Staatsschuldverschreibungen zu kaufen – fast 1 Billion USD.

Die Japaner konnten sich das leisten, weil sie so viele Güter in die USA exportierten. Dieses gegenseitige Geben und Nehmen flaute nach der großen japanischen Rezession der 1990er – dem sogenannte verlorene Jahrzehnt – allmählich ab. Darum klopften die USA bei China an, und anscheinend wurde die gleich Art Vereinbarung getroffen. Die Chinesen exportieren gigantische Mengen in die USA, und im Gegenzug kauft die chinesische Regierung riesige Summen an US-Staatsanleihen. Sie hält anscheinend über 1 Billion USD. Neuerdings scheinen sie sich angesichts der Schwierigkeiten der US-Regierung, ihre Bilanzen auszugleichen, mit dieser Vereinbarung nicht mehr so wohl zu fühlen. Wie gesagt, die Umstände ändern sich für die USA.

Smart Investor: Welche Rolle spielt der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank in dem System der Dollar-Hegemonie?

Anthony Wile: Der IWF und die Weltbank haben mit dem Dollar-Reservesystem oder der Begleichung seiner Rechnungen nicht viel zu tun. Aber in einem weiter gefassten Sinn sind der IWF und die Weltbank sehr wichtig für die USA und auch für Großbritannien. Diese beiden Länder – und die Eliten der Anglosphäre, von denen sie geführt werden – sind bestrebt, das Weltfinanzsystem zu kontrollieren, und der IWF und die Weltbank helfen ihnen dabei. Die Mehrheit der Länder weltweit sind entweder am IWF und der Weltbank beteiligt oder nehmen ihre Dienstleistungen in Anspruch. Auf diese Weise machen sich Großbritannien und die USA sozusagen Beteiligungen aus dem Rest der Welt ihrer Sache zunutze.

Der IWF und die Weltbank sind jedoch mehr als nur Geldverleihstellen. Sie sind eine Art Ersatzmannschaft für den Zugang der Eliten der Anglosphäre zu Ressourcen und Industrien. Als erstes vergibt die Weltbank zu günstigen Konditionen Kredit. Dieser Kreditvergabe läuft in der Regel über die Staatsoberhäupter von vorzugsweise armen Ländern. Das Staatsoberhaupt zweigt sich einen großen Schmiergeldbetrag ab und autorisiert den Kredit. Nach einiger Zeit wird klar, dass das Land seine Rechnungen nicht bezahlen kann. An dem Punkt verlassen dann das Staatsoberhaupt und seine bestochenen Beamten das Land.
Mit der Nachfolgeregierung nimmt der IWF Kontakt auf. Das Land befindet sich jetzt im Chaos, und die Regierung stimmt den vom IWF vorgelegten harten Einschränkungsmaßnahmen zu: höhere Steuern, weniger öffentliche Dienstleistungen und das unvermeidliche Privatisierungsprogramm. Dann melden sich ausgesuchte westliche und amerikanische Investoren und Vertreter von Konzerninteressen bei den Staatsoberhäuptern und verhandeln phantastische Aufkäufe verstaatlichter Objekte und Dienste. Es ist eine Art Geldmacht-Kolonialismus.

Smart Investor: Wo laufen beim globalen Scheingeld-System die Fäden zusammen? Ist die Fed wirklich noch das Zentrum der Macht? Ist sie das je gewesen?

Anthony Wile: Meiner Meinung nach sind die Kreise, die hinter dem gegenwärtigen Finanzsystem stehen, die großen, vermögenden Bankfamilien des alten Großbritanniens und Europas, zusammen mit ihren Stützen in Wirtschaft, Militär und Religion. Diese Familien erfanden das Konzept des Gelddruckens aus dem Nichts und errichteten im vergangenen Jahrhundert 100 Zentralbanken in der ganzen Welt, die ständig Geld ausstoßen. Die Elite der Anglosphäre arbeitet vermittels der Staatsregierungen, weshalb es für sie wichtig ist, dass es rund um den Globus starke, sogar autoritäre Regierungen gibt. Sie betätigen die Hebel im Geheimen, während es nach außen hin so aussieht, als ob der Wille des Volkes geschieht. Dieses System wird Merkantilismus genannt.

Smart Investor: So hat die globale Schuldgeldmaschine also bisher funktioniert. Ist aber nun der Wahnsinn der Schuldenexplosion weltweit einfach nur ein ungeplantes und unbedachtes Ergebnis der Gier, Kurzsichtigkeit und Korrumpiertheit der Finanzoligarchie und der Politiker, welchenfalls wir auf unkontrollierten Zusammenbruch und Chaos eingestellt sein müssen, oder wird in den Machtzirkeln, von denen Sie sprechen und die der Öffentlichkeit verborgen sind, ein langfristiger Plan verfolgt, der bereits eine nächste Stufe vorsieht für nach dem unvermeidlichen Kollaps von „Bretton Woods II“, wie Robert Zoellick von der Weltbank das derzeit herrschende System kürzlich nannte?

Anthony Wile: Meiner Meinung nach ist das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Aber ich würde sagen, dass, so wie sich die Ereignisse entfalten, es immer offensichtlicher erscheint, dass die wirklichen Machthaber des Westens im wesentlichen einen monetären Putsch in Zeitlupe durchführen. In Europa brechen die südlichen PIGS-Staaten zusammen, in Amerika und Großbritannien herrscht eine Schuldenkrise, und in den BRIC-Staaten, besonders in China, gibt es eine schreckliche Preisinflation und die Aussicht auf eine harte Landung. Bedenken Sie: Die Zentralbank-Volkswirtschaften des Westens und der Welt sind menschengemacht und wurden im Verlauf der Zeit bewusst entwickelt. Die Leute, die sie errichtet haben, wissen sehr genau, wozu sie in der Lage sind – und wie sie Länder und ganze Volkswirtschaften regelmäßig zusammenbrechen lassen und ruinieren. Deshalb kann ich den Gedanken nicht von mir weisen, dass das sich vor unseren Augen entfaltende und wachsende Chaos in gewissem Sinne geplant ist, oder zumindest nicht unerwartet kommt. Mein Eindruck und der anderer ist es, dass die Eliten eine globale Währung und „global governance“ anstreben und sich dafür das, was eine weltweite Depression werden könnte, zu Nutze machen. Ordo ab chao – Ordnung aus dem Chaos.

Smart Investor: Kommen wir also zu dem Traum von einer Weltwährung, den manche Leute hegen. Da

mals in Bretton Woods schlug John Maynard Keynes als Leiter der britischen Delegation die Einführung einer Weltreservewährung und internationalen Verrechnungseinheit vor, den „Bancor“, der nicht aus der Druckerpresse eines einzigen Landes kommen sollte, wie dies beim Dollar der Fall ist, sondern von einer Weltzentralbank ausgegeben würde. Wäre das nicht tatsächlich eine bessere Alternativ gewesen, als die Lösung, die die Amerikaner in Bretton Woods durchsetzten?

Anthony Wile: Die Währung, die die mächtigen Bankfamilien einrichten wollen, könnte „Bancor“ genannt werden – aber der Name ist nicht wichtig. Keynes hatte die Idee vor 60 Jahren und nun kommt sie wieder aufs Tapet. Es handelt sich im Grunde um einen Währungskorb, in dem sich auch Gold befinden kann. Irgendwann würde dieser Währungskorb dann DIE Währung werden, während die anderen Währungen der Welt verkümmern. Meiner Ansicht nach würde es aber eine Fiat-Währung werden, an keinen Sachwert gebunden.

Anscheinend ist der IWF als Verwalter vorgesehen, aber der Westen und insbesondere Amerika beherrschen den IWF, und zu einer Einrichtung der geteilten Kontrolle zu gelangen, wird schwierig sein. Der fürchterliche Gedanke ist, dass westliche Eliten die Weltwirtschaft in einen so schrecklichen Zustand versetzen, dass schließlich die Völker des Westens und auch anderer Länder für eine wirtschaftliche Erholung fast alles tun werden. Denkbar ist aber auch, dass einige andere Länder wie Russland und China mit einem ähnlichen Ansatz ihre eigene Währung aufbauen. Noch eine andere Idee, die im Umlauf zu sein scheint, ist die Errichtung einer Weltwährung über den Weg regionaler Währungen. In diesem Zusammenhang wurde von einem „Amero“ gesprochen, einer aus US-Dollar, kanadischem Dollar und mexikanischem Peso fusionierten Währung für ganz Nordamerika.

Smart Investor: Wie Deutschland in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, schickt sich heute China an, zur wirtschaftlichen Supermacht zu werden und damit den imperialen Anspruch der „Anglosphäre“, wie Sie es nennen, herauszufordern. Die anglo-amerikanischen Machteliten würden allerdings niemals einen stärkeren oder gleich starken Gegner angreifen und handeln gegebenenfalls nach dem Muster, „If you can’t beat them, join them“. Henry Kissinger endet sein neustes Buch, „On China“, mit der Empfehlung, dass China und die USA, am gleichen Strang ziehen sollten, statt die Welt zu erschüttern. Wenn China und die USA sich aber auf ein neues Weltfinanzsystem einigen sollten – und die Chinesen haben das größte Interesse daran, dass ihre immensen Dollarreserven nicht völlig wertlos werden –, dann könnten sie in der Tat dem Rest der Welt einen neuen Standard aufzwingen. Wie denken Sie darüber? Wird es früher oder später zum Showdown zwischen den beiden Supermächten kommen, oder werden sie gemeinsame Sache machen?

Anthony Wile: Das lesen wir ständig. Dieselbe Art von Rhetorik war während des japanischen Aufschwungs sehr beliebt. Japan wurde die Japan AG genannt und war, so hieß es, kurz davor, die Weltherrschaft zu übernehmen. Natürlich wurden sie dann durch eine permanente Rezession abgelenkt – ein verlorenes Jahrzehnt –, und das Gerede verstummte.

Jetzt redet man genauso und aus dem gleichen Grund über China. Wie die japanischen Amtsträger, haben chinesische Amtsträger wenig Erfahrung mit dem Zentralbankwesen. Sie haben das Konzept von westlichen Beratern übernommen; so lief das auch in Russland nach dem Ende der UdSSR. Es ist in Russland und Japan nicht gut ausgegangen, und es wird in China nicht gut ausgehen.

Die Chinesen nähern sich dem Ende eines beachtlichen – historischen – Aufschwungs, der von Fiat-Geld gespeist wurde. Es ist ein westliches System, aber die Chinesen haben Erfahrung mit diesem Konzept aus der Vergangenheit. Achtmal im Verlauf mehrerer Jahrtausende erlebten die Chinesen den totalen Ruin ihrer Wirtschaft und mussten sie wiederaufbauen. Sie nennen Fiat-Geld „fliegendes Geld“.

Aus diesem Grund ist es überraschend, dass die Chinesen in der Falle sind, in der sie sich befinden. Vermutlich haben die Führer der kommunistischen Partei Chinas gedacht, dass sie nach der Hungersnot und den schrecklichen Zeiten des „Großen Sprungs nach vorn“ keine andere Wahl hatten. Aber die Übernahme des Zentralbankensystems hat in China zu einer schrecklichen Preisinflation geführt. Lebensmittelpreise steigen um 50 Prozent im Monat, und soziale Unruhen haben sich im ganzen Land ausgebreitet, wobei die Nachrichten darüber unterdrückt werden und westliche Medien nicht darüber berichten. China ist der letzte Mann auf den Beinen, und die westlichen Machthaber sagen nicht die Wahrheit über den Zustand Chinas. Aber überrascht uns das?

Smart Investor: Einen Schulterschluss in Sachen Währungshegemonie zwischen den USA und China zum Nachteils des Rests der Welt sehen Sie also offenbar nicht als Gefahr. Für wie wahrscheinlich halten Sie es denn, dass es zu einer neuen Weltreservewährung kommt oder sogar zu einer echten Weltwährung, die den Dollar und den Euro ersetzt?

Anthony Wile: Das ist es, was nach dem Wunsch der Eliten der Anglosphäre geschehen soll, meiner Meinung nach. Aber da gibt es mehrere Stolpersteine. Besonders die Chinesen und die Russen werden sich keiner Währung anschließen, über die sie keine Kontrolle haben. Also müssen die USA und Großbritannien meiner Ansicht nach echte Machtbeteiligung zulassen. Aber die großen Bankenfamilien der Londoner City mögen nicht teilen; Teilen ist nicht Teil ihrer Strategie. Also müssen wir uns auf einen langwierigen Prozess einstellen. Vielleicht werden sie die Weltwirtschaft absichtlich abstürzen lassen oder Kriege beginnen. Tatsächlich sind sie, was die Kriege anbetrifft, schon weit fortgeschritten.

Smart Investor: Worauf setzen Sie Ihre Hoffnungen?

Anthony Wile: Darüber haben wir schon vielfach geschrieben. Das Internet ist die Gutenberg-Druckerpresse unserer Zeit. Als die Druckerpresse aufkam, änderte sich alles. Die Renaissance begann und dann die Reformation und eine ganze Reihe anderer Ereignisse. Die Neue Welt wurde entdeckt und bevölkert und ein neues Land wurde gestaltet – genauer gesagt mehrere Länder.

Die Gutenberg-Druckerpresse druckte Bibeln, so dass jeder lesen konnte, was in der Bibel stand, und damit vergleichen konnte, was die römisch-katholische Kirche sagte. Mit der Glaubwürdigkeit der Kirche litt auch die des Gottesgnadentums der Könige. Die gesamte Struktur begann zusammenzubrechen. Sie war nicht mehr glaubwürdig. Auch das Internet hat es den Leuten ermöglicht, die Wahrheit über ihre Gesellschaft zu sehen. Das ist ein sich entwickelnder Prozess, aber er fordert die Autorität auf allen Ebenen heraus. Die Angstkampagnen – wir nennen sie „dominant social themes“ (die Gesellschaft dominierende Themen) – welche die Eliten benutzen, um die Mittelschicht so zu ängstigen, dass sie bereitwillig Wohlstand und Macht an Einrichtungen der Global Governance (globale Steuerungsinstitutionen) abgeben, funktionieren nicht wirklich gut. Die Leute glauben nicht mehr an die „Klimakatastrophe“, und ihre Skepsis gegenüber dem „Krieg gegen den Terror“ wächst.

All die Instrumente, die die Eliten einsetzen, um die „Herde“ zu steuern, werden entlarvt, und das erschwert es den Mächten sehr, den Übergang in die Eine-Welt-Ordnung zu bewerkstelligen. Das 20. Jahrhundert war in dieser Hinsicht sehr viel besser für sie. Damals hatten sie alle Kommunikationsmittel im Besitz und unter Kontrolle. Jetzt nicht. Das Internet war anscheinend eine schreckliche Überraschung für sie, obwohl sie halfen

, es überhaupt erst zu entwickeln. Sie rätseln immer noch herum, was sie mit ihm anfangen sollen. Es hat 300 Jahre gedauert, um ansatzweise den Schaden unter Kontrolle zu bringen, den die Gutenberg-Druckerpresse angerichtet hatte, und das Internet in den Griff zu bekommen, wird eine ebenso große Herausforderung sein. Das 20. Jahrhundert war eine Art finsteres Mittealter. Das 21. Jahrhundert bringt uns vielleicht die Internet-Reformation. Es könnte chaotisch werden, aber es könnte sich auch als ein Zeitalter erweisen, in dem zu leben und zu arbeiten wunderbar ist. Time will tell.

Das Interview führte Kristof Berking.
Zur Vertiefung der hier besprochenen Themen empfehlen wir ein Interview, das Anthony Wile seinerseits mit Dr. Edwin Vieira geführt hat über „The Power Elite, the Police State and Opposing the Authoritarian Trend

Anthony Wile wurde 1968 in Kanada geboren, arbeitete nach seinem Wirtschaftsstudium in unterschiedlichen Positionen bei kanadischen Banken, unterrichtete an Fortbildungseinrichtungen der Finanzindustrie, managte als selbständiger Vermögensverwalter ein Fonds, ist Buchautor, politischer Analyst und Finanzmarkt-Kommentator und lebt heute mit seiner Familie in Spanien. Seit 2008 schreibt und redigiert Mr. Wile den Blog „The Daily Bell“, www.thedailybell.com, der täglich politische und wirtschaftliche Analysen namhafter Freiheitsdenker publiziert. 2011 gründete Anthony Wile die „Foundation for the Advancement of Free-Market Thinking“, FAFMT, die insbesondere die Ideen der Österreichischen Schule der Ökonomik verbreiten helfen soll.