SIW 8/2013: Fluchtversuch ins Patt – Italien hat gewählt

Mario Draghi in München
Spät ist es heute geworden mit Ihrem Smart Investor Weekly (SIW) und das hat einen guten Grund. Weder der Starkbieranstich am Nockherberg noch das DFB-Viertelfinale Bayern gegen Dortmund hielten uns ab, sondern EZB-Präsident Mario Draghi, der heute Abend an der Katholischen Akademie in Bayern Grundsätzliches vortrug. Die einführenden Worte zu den Lebensstationen Draghis sprach „Mister Euro“ Theo Waigel. Draghis Gastspiel bei der US-Investmentbank Goldman Sachs blieb dabei allerdings unerwähnt, obwohl doch genau dieses immer wieder Anlass zu Kritik und Spekulationen gab. Zwar erkannte Draghi die grundsätzlich wohlstandsstiftende Wirkungsweise von Märkten an, auffällig oft betonte er aber deren Unzulänglichkeiten und Versagen angesichts der Schuldenkrise. Dieser Punkt ist deshalb von zentraler Bedeutung, weil sich daraus praktisch alle Schritte der beschleunigten EU-Integration und Regulierung ableiten. Dabei ist Marktversagen als Krisenursache bislang nicht mehr als eine Hypothese, freilich eine politisch hochwillkommene. Was Draghi sonst noch so erzählte erfahren Sie in Smart Investor 04/2013.

Diesmal zum Glück noch Komiker
Mit den Wahlen in Italien beherrscht ein anderes „italienisches Thema“ derzeit die Schlagzeilen. In deutschen Redaktionsstuben weiß man in der Regel sehr viel besser als in den betroffenen Ländern selbst, welches der „richtige“ Kandidat einer Wahl ist. Die US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr illustrierten das augenfällig, als der weitestgehend glücklos agierende Barack Obama im Vorfeld der Wahl erneut zu einer Art „Messias“ stilisiert wurde. Gegenkandidat Romney wurde dagegen als unverbesserlicher Hinterwäldler abgestempelt. Die hierzulande veranstalteten Umfragen fielen mit Zustimmungsraten von teilweise mehr als 90% für Obama entsprechend eindeutig aus. Tatsächlich gewann Obama aber lediglich mit nur etwa 51% der abgegebenen Stimmen. Selbst für ein solches Missverhältnis ist man um Ausflüchte nicht verlegen – die Amerikaner sind halt einfach noch nicht so weit wie wir in Europa. Dabei war die Fehleinschätzung kein amerikanisches, sondern ein deutsches/europäisches Phänomen. Zum einen lassen die Europäer gegenüber typisch amerikanischen Themen (beispielsweise Waffen) die sonst beschworene Kultursensibilität gänzlich vermissen. Zum anderen folgt auf eine einseitige Information selten ein differenziertes Urteil – schon gar nicht auf die Ferne.

Nun also Italien: Silvio Berlusconi gilt in deutschen Redaktionen bestenfalls als Fossil, in der Regel aber wenig schmeichelhaft als „lächerlicher Politik-Clown“ (bild.de). Der ehemalige Komiker Beppe Grillo, der bei der Wahl ebenfalls kräftig abräumnen konnte, hatten zudem hierzulande im Vorfeld nur wenige als ernsthafte Kraft auf der Rechnung. Als sich für keinen der EU-Wunschkandidaten ein leichter Sieg abzeichnete, wurde die „Aufklärungsarbeit“ hierzulande intensiviert. Ministerpräsident Mario Monti, der sich erstmals(!) zur Wahl stellte, rettete das nicht mehr – er fiel mit Pauken und Trompeten durch. Stattdessen wurde der farblose Pier Luigi Bersani unvermittelt zum „Held, der keiner sein will“ (spiegel.de) hochgejubelt. Angesichts des vollkommen unattraktiven Kandidatenfeldes machten die Italiener aber noch das relativ Beste aus der Situation und wagten den Fluchtversuch in ein politisches Patt. „Unser Europa“ reagierte prompt, wobei die Wählerschelte durch ausländische Medien und Politiker(!) nur bestätigte, was man aus der EU nicht anders kennt – mangelndes Demokratieverständnis. Respekt vor dem Votum des italenischen Volkes? Fehlanzeige. Auch das italienische Establishment zeigt die Zähne: Angedroht wurden Neuwahlen, voraussichtlich so lange, bis das Ergebnis passt, oder praktischerweise gleich eine Änderung des Wahlrechts. Dabei haben die Italiener keine Radikalen, sondern Komiker und Clowns in das Parlament gewählt, was vor dem Hintergrund der Schmierenkomödie die seit Jahren um den Euro aufgeführt wird, eine adäquate und geradezu sympathische Reaktion war.
Aber auch dieser Warnschuss der Wähler wird wohl ungehört verhallen. Statt dessen ein überwältigendes „Weiter so!“ der Euro-besoffenen Politik. Die nächste Entwicklungsstufe kann man dann in Griechenland bestaunen, die auf dem „europäischen Weg“ aus Misswirtschaft, Korruption und Sozialismus schon ein gutes Stück weiter vorangekommen sind. Dort bevölkern bereits die Radikalen von ganz links bis ganz rechts das Parlament.

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Zu den Märkten
Die italienischen Wahlen hatten die Börsen am Montag kräftig durcheinander gewirbelt. Zunächst schossen die Aktien nach oben, da man von einem eindeutigen Votum für die Mitte-Links-Partei von Bersani ausgehen konnte. Als sich aber im Laufe des Tages herauskristallisierte, dass vermutlich ein politisches Patt herauskommen würde, gaben die Börsen einen Großteil ihrer Gewinne wieder ab. Charttechnisch ergab sich damit eine „Eintages-Umkehr“ (=Intraday-Reversal), wie im Candlestick-Chart für den DAX mit der roten Eklipse deutlich gemacht. Denn oberhalb des kleinen weißen Körpers (der für die Differenz zwischen Eröffnungs- und Schlusskurs steht) erhebt sich ein langer Docht, welcher eben das dramatische erst Auf und später Ab des DAX im Laufe des Tages markiert.

Was hat diese Bewegung am Montag zu sagen? Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass solche Intraday-Reversals ihrem Namen entsprechend oftmals eine Wende einleiten. Zwar war die Montagssitzung offensichtlich nicht das Ende eines Trends, aber der Hochpunkt kam ziemlich genau auf der Höhe der letzten Hochpunkte von Ende Januar zustande. Es bleibt also zu vermuten, dass der am Montag durchlaufene Kursbereich für einige Tage oder Wochen nicht mehr von den Bullen zurückerobert werden kann. Auch die Tatsache, dass das Reversal als Insel auftrat, also dass sowohl vor als auch nach der Umkehrkerze eine Kurslücke zu sehen ist, spricht dafür, dass es sich hier um eine Inselumkehr handeln könnte – eines der signifikantesten Verkaufssignale. Und schließlich kommt noch hinzu, dass auch die Umsatztätigkeit am Montag (rote gestrichelte Linie) vergleichsweise stark war. Gerade an Wendetagen ist dieses Phänomen recht häufig zu beobachten.

Zusammengefasst muss man feststellen, dass unter charttechnischen Gesichtspunkten der Montag vermutlich eine Wende nach unten eingeleitet hat. D.h. man sollte davon ausgehen, dass die grün markierte Seitwärtsrange in den kommenden Tagen wohl nach unten verlassen werden wird. Die nächste charttechnisch wichtige Unterstützungszone liegt, wie wir bereits vor einigen Wochen ausgeführt hatten, im Bereich knapp oberhalb von 7.400 DAX-Punkten. Es sollte also nicht verwundern, wenn dieser Bereich bald angesteuert wird.

Derzeit halten wir ohnehin andere Märkte für attraktiver. Japan etwa, das sich in einem Akt der Verzweiflung dem Würgegriff der anhaltenden Deflation zu entziehen trachtet. Welche Risiken und Chancen durch die Maßnahmen von Regierung und Notenbank dabei für die Anleger entstehen, lesen Sie ausführlich im aktuellen Smart Investor.

Musterdepot
Unser Kauflimit von 69,50 EUR für 100 Aktien des Hamburger Modeschmuckkonzern Bijou Brigitte* (WKN: 522 950; akt. Kurs: 75,52 EUR) wurde erneut nicht erreicht und bleibt vorläufig im Markt.

Das Verkaufslimit von 54,20 EUR für 230 Stück Royal Gold (WKN: 885 652, akt. Kurs: 52,00 EUR) wurde ebenfalls nicht erreicht und bleibt im Markt.

Folgende Transaktionen wurden ausgeführt:
Käufe< WKNKursStückzahlKaufwertDatumDepot-Anteil

Bilfinger59090079,60 1007.960,0021.02.20132,5%
Metro72575023,92 3007.176,0021.02.20132,5%
Toyota-CallSG3UUE0,495.0002.450,0021.02.20130,8%


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Musterdepot Fonds
Wie angekündigt haben wir 200 Stück des ETF-Fonds iShares MSCI Japan Monthly Euro Hedged (WKN: A1H53P, akt. Kurs: 27,97 EUR) am 21.2. zum Frankfurter Schlusskursvon 28,35 EUR (Gesamtbetrag 5.670 EUR) erworben. Die Kauforder für weitere 200 Stück mit einem Limit von 27,20 EUR auf Basis des Schlusskurses in Frankfurt bleibt im Markt.

Veranstaltungshinweis I
Am Wochenende vom 16./17. März findet in Fulda der Kongress „Plan & Perspektive – Existenzsicherung in Systemkrisen I“ statt. Der Veranstalter Sven Hermann Consulting (SHC) hat wieder ein sehr ansprechendes Programm zusammengestellt. Im Rahmen des Kongresses werden unter anderem Prof. Wilhelm Hankel, Claus Vogt und Rahim Taghizadegan Referate halten. Auch ein Redakteur des Smart Investor wird vor Ort sein. Weiterführende Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie unter diesem Link.

Veranstaltungshinweis II
Ebenfalls am 16. März findet der Börsentag München statt. Traditionell wird auch Smart Investor wieder mit einem eigenen Stand vertreten sein. Wir freuen uns auf Ihren Besuch und interssante Diskussionen.

Fazit
Die Wahlen in Italien haben für erhebliche Verunsicherung an den Börsen gesorgt. Allerdings verstellen die Tagesaktualitäten den Blick auf die anderenorts vor sich hinschwelenden Probleme, etwa in Frankreich. Am Ende wird die Schuldenkrise bei allen Ländern, die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse gelebt haben, ihren Tribut fordern.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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