SIW 12/2013: „Niemand hat die Absicht …

Denkwürdige Zitate

„Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“
(Angela Merkel, Bundeskanzlerin, 2008)

„Ich wehre mich gegen die Optik, dass jemand, der auf einem Konto 100.000 Euro hat, ein Kleinsparer ist.“ (Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender, 2013)

„Bankeinlagen sind eine sensible Sache, daher macht man es am Wochenende.“
(Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister, 2013)

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“
(Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender, 1961)

Maximaler Populismus
Die eingangs angeführten Zitate ließen sich fast beliebig fortsetzen. Noch unmittelbar vor der Enteignung zyprischer Sparer versicherte die Regierung in Nikosia, dass die Spareinlagen nicht angetastet würden. Derartige Beruhigungspillen aus Politikermund sind deshalb so alarmierend, weil sie nach aller Erfahrung das Gegenteil bedeuten – es gilt das gebrochene Wort. Dass es nur einen vergleichsweise kleinen Aufschrei gab, liegt auch daran, dass man sich für die maximal-populistische Lösung entschieden hat. Lediglich die Sparkonten der „Reichen“ wurden ordentlich rasiert. Da genügt ein kurzer Appell an die jederzeit abrufbaren Neidreflexe und das Verfahren gilt mehrheitlich als legitim. Dabei wäre die grundsätzliche Vorgehensweise einer Haftung der direkt Betroffenen eigentlich von Anfang an der richtige Weg gewesen – er kommt auf europäischer Ebene nur Hunderte von „Rettungsmilliarden“ zu spät. Denn es ist nicht nur marktgerecht, sondern ein schlichtes Gebot der Fairness, jene nicht aus der Verantwortung zu entlassen, die die Risiken selbst eingegangen sind. Wer auf Zypern zu Zinsen jenseits von 5% p.a. gespart hat, der ist ein Risiko eingegangen. Die in Vergessenheit geratene, normale Haftungsreihe bei einer Bank lautet: Eigentümer (Aktionäre) vor ungesicherten Anleihegläubigern vor Sparern. Für die Einbeziehung von Steuerzahlern und des Auslands, die an den ursprünglichen Geschäftsbeziehungen nicht beteiligt sind, bedarf es weit besserer Argumente als ein dahingeschnoddertes „systemrelevant“ oder „alternativlos“. Denn wenn ein System in seiner Gänze tatsächlich von der Rettung einer Handvoll gieriger Dummköpfe abhängen würde, dann müsste man sich fragen, wie erhaltenswert ein solches System überhaupt ist. Aber keine Sorge, auch in Zypern sind die Unbeteiligten wieder zwangsweise mit rund 10 Mrd. EUR bei den Aufräumarbeiten dabei.

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Weckruf für Sparer
Dennoch stellt der Fall „Zypern“ nicht nur einen bemerkenswerten Wendepunkt im Management der europäischen Schuldenkrise dar, sondern ist geradezu ein Weckruf für Sparer. Natürlich „hat niemand die Absicht“, sich an den rekordhohen deutschen Sparguthaben zu vergreifen – zumindest nicht unter der Woche, wenn es nach Bundesfinanzminister Schäuble geht (s.o.). Aber auch er hat – zusammen mit den Finanzministern der Euro-Gruppe – das Vorgehen in Zypern mitgetragen, wenn nicht vorangetrieben. Zypern war also kein nationaler Alleingang, sondern dürfte aus Sicht der Eurogruppe viel eher Testcharakter gehabt haben, eben weil es nicht systemrelevant war. Für Sparguthaben jenseits der willkürlichen 100.000-EUR-Grenze sollte man sich also im „Rechtsraum“ der Eurozone künftig keinen Schutz mehr erwarten. Zumal auch die EU-Kommission an einer Richtlinie arbeitet, wonach Bankeinlagen über 100.000 EUR nicht mehr vor einem Totalverlust(!) geschützt sein sollen. Auch die zyprische Lösung über eine konfiskatorische Sondersteuer hat aus Sicht der Beutelschneider Charme. Ja, müsste man denn da nicht – aus Gründen der „Gerechtigkeit“ versteht sich – auch bei Aktiendepots und Immobilienvermögen ebenso herzhaft zugreifen?! Jeder Vermögensbesitzer möge aus dem zynisch zyprischen Handstreich die richtigen Schlüsse ziehen – ein Thema, das uns in der kommenden Smart Investor Jubiläumsausgabe 5/2013 noch beschäftigen wird.

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Zu den Märkten
Schon jetzt ist absehbar, dass die Bereitschaft Banken der Eurozone künftig Summen jenseits der postulierten Großsparergrenze anzuvertrauen, deutlich sinken wird. Das ist vollkommen rational. Denn das gute alte Sparbuch, ist ebenso wie jedes brave Fest- oder Termingeld nichts anderes als ein ungesicherter Kredit an ein Unternehmen mit extremem Fremdkapitalhebel in einer für Außenstehende praktisch undurchschaubaren Risikosituation. Ohne eine funktionierende Einlagensicherung gibt es gar keinen Grund solchen Einrichtungen Geld zu leihen – schon gar nicht zu einem Zinssatz, der – der finanziellen Repression sei Dank – nicht nur äußerst unattraktiv ist, sondern auch die (meist unbewusst) eingegangenen Risiken nicht ansatzweise vergütet. Ob die Einlagensicherungen einem systemischen Großschadensereignis standhalten würden, muss allerdings ohnehin bezweifelt werden.

In dem Maße aber, wie Anlagegelder aus dem Finanzsystem der Eurozone abfließen, dürften auch die Aktien- und Anleihemärkte negativ betroffen sein. Diese Zusatzbelastung aus dem Zypern-Thema kommt aus relativ „heiterem Himmel“, verstärkt aber die bereits vorhandenen negativen Tendenzen, die sich durch die aggressive japanische Abwertungspolitik schon jetzt für die deutsche Exportindustrie abzeichnen.

Exemplarisch sieht man dies an der Kursentwicklung von DAX-Schwergewicht Volkswagen (hier: Vorzugsaktie): Der seit 2009 währende Aufwärtstrend wurde nun an mehreren Tagen in Folge unterschritten. Anders als noch im Juni 2012 kam es nicht sofort zu einer heftigen Gegenreaktion und einem Zurückschnalzen in den Aufwärtstrend. Dies ist ein Zeichen von Schwäche. In Smart Investor 3/2013 haben wir um Rahmen unserer Titelgeschichte „Im Land der aufgehenden Supernova“ auf den Rückenwind hingewiesen, mit dem etwa der direkte Konkurrent Toyota mittlerweile aufgrund des um rund 25% abgewerteten Yens arbeiten kann. Bislang erfolgte der VW-Abstieg jedoch ohne hektische Umsätze und auch ohne Dynamik. Eine gewisse Unterstützung könnte kurzfristig noch das alte Hoch aus dem Jahr 2011 bieten. Wird aber auch diese Marke gerissen, halten wir weitere deutliche Kursverluste für wahrscheinlich.

Dabei ist Volkswagen beileibe kein Einzelfall. Weitere Zykliker, etwa BASF sehen gefährdet aus, andere sogar richtig schlecht: Unsere Verkaufsempfehlung Lanxess (Vgl. Smart Investor 2/2013, S. 60) ist inzwischen kraftvoll aus einer ähnlichen Keilformation ausgebrochen, wie jener, in der sich der DAX aktuell noc

h befindet. Das Irritierende an der Situation ist, dass sowohl Lanxess als auch BASF fundamental preiswert sind, von daher also eine gewisse Unterstützung haben sollten. Dass insbesondere Lanxess dennoch so rasch zurückgefallen ist, ist für uns ein Hinweis auf eine raschere Eintrübung der Konjunktur, die insbesondere die Zykliker betrifft und so im DAX noch nicht berücksichtigt ist.

Beim DAX ergibt sich neben der erwähnten Keilformation auch noch die Problematik, dass der Markt in der Nähe der historischen Hochs handelt. Solche Marken sind häufig Entscheidungspunkte. Werden Sie überwunden, ist der Weg nach oben frei, wehe aber, falls nicht. Im Moment sehen wir nicht, woher der Schub für einen Ausbruch nach oben kommen sollte.

Musterdepot
Aufgrund dieser Überlegungen wollen wir eine Teilabsicherung von rund einem Viertel unseres Depotwerts vornehmen. Wir handeln hier ausdrücklich nicht aus spekulativen Gründen oder in der Erwartung eines unmittelbaren DAX-Sturzes. Allerdings erscheint uns eine gewisse Absicherung über die nächste Zeit angezeigt. Sobald uns der Markt einen Ausbruch aus der Keilformation signalisiert, lassen wir uns in diese Absicherung einstoppen. Als relevantes Niveau nehmen wir die Marke von 7.750 DAX-Punkten auf Intraday-Basis. Beim Unterschreiten dieser Marke erwerben wir 1.000 Stück des HSBC Turbo-Optionsscheins Short auf den DAX-Performanceindex (Basis 8.700 Punkte, Laufzeit 12.12.2013, WKN TB5 0JY, akt. Kurs: 9,08 EUR). Wir ordern dann intraday billigst zu einem Kaufpreis von voraussichtlich ca. 9,60 EUR (Depotanteil ca. 3%).

Unser Kauflimit von 26,55 EUR für 400 Stück des japanischen Automobilzulieferers Aisin Seiki (WKN: 863 680; akt. Kurs: 28,03 EUR) wurde erneut nicht erreicht.

An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass unsere Kauforder für BASF gestrichen wurde. Falls Sie dies noch nicht getan haben, holen Sie es bitte nach.

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Musterdepot Fonds
Unsere Kauforder für weitere 200 Stück des ETF-Fonds iShares MSCI Japan Monthly Euro Hedged (WKN: A1H 53P, akt. Kurs: 30,78 EUR) bleibt mit einem Limit von 28,80 EUR (Basis: Schlusskurs Frankfurt) im Markt. Wir geben einem möglichen Rücksetzer noch einmal eine Woche Zeit, bevor wir neu disponieren.

Veranstaltungshinweise
Am 19./20. April findet in Stuttgart die traditionelle Anlegermesse „Invest“ statt. Smart Investor wird nicht nur mit einem eigenen Stand, sondern auch mit der druckfrischen Jubiläumsausgabe 5/2013 vertreten sein. Wir freuen uns darauf, Sie dort zu treffen und mit Ihnen über Märkte, Wirtschaft und Politik zu diskutieren.

Schon jetzt dürfen wir Sie auf die Hamburger Mark Banco Anlegertagung unter dem Motto „Rezession – Repression – Sezession: Investmentchancen in turbulenten Zeiten” am Freitag, 31. Mai und Samstag, 1. Juni 2013 hinweisen. Das Institut für Austrian Asset Management veranstaltet diese Tagung bereits zum vierten Mal. Lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, mit hochkarätigen Experten der Österreichischen Schule aktuelle Zeitfragen zu erörtern.

Hinweis in eigener Sache
Am 3.5.2013 ist es so weit. Smart Investor wird 10 Jahre! Was haben Sie in diesen Jahren mit dem Smart Investor erlebt? Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Oder freuen Sie sich einfach nur mit uns und hinterlassen Sie Ihre Glückwunschnachricht.

Fazit
Sie haben es getan. Je mehr an verbalen Beruhigungspillen aus der Politik verabreicht werden, desto näher und wahrscheinlicher sind einschneidende Maßnahmen. Zypern fungiert dabei praktisch als Versuchslabor der Eurozone. Für die Märkte bedeutet die neue Verunsicherung nichts Gutes. Vor allem dürften viele Sparer nach Sicherung- und Vermeidungsstrategien jenseits des maroden Finanzsystems Ausschau halten.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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