SIW 13/2013: Über Glaubenssätze und Überzeugungen

Glaubenssätze handeln
Wer an der Börse Geld investieren will, steht vor dem grundsätzlichen Dilemma, dass man über die Zukunft nichts wissen kann. Die Vorstellungen, die zur Investition motivieren, sind also eher Glaubenssätze und können schon deshalb keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen, weil der Handel schlicht zum Erliegen käme, wenn alle zur gleichen Zeit das Gleiche tun wollten. Dennoch kann man auch von einem falschen Glaubenssatz in höchstem Maße überzeugt sein. Je tiefer eine solche Überzeugung aber verwurzelt ist, desto langwieriger und schmerzhafter wird in der Regel der Prozess des „Entlernens“ sein. Das betrifft nicht nur das Festhalten an einem Einzelengagement, sondern auch grundsätzliche Überzeugungen. Denn falsche Überzeugungen bzw. Glaubenssätze haben die fatale Eigenschaft, dass sie sehr lange, aber unbewusst durch selektive Wahrnehmung und Informationsverarbeitung gestützt werden.

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Value und Momentum
Im Wesentlichen sind es zwei Grundüberzeugungen – und deren unzählige Varianten und Kombinationen – von denen sich die meisten Anleger leiten lassen: Wert (Value) und Schwungkraft (Momentum). Bei Wert-Strategien geht es vereinfacht gesagt darum, gute Anlagen unter Wert zu kaufen, während der Momentumstratege versucht, auf einen bereits unter Dampf stehenden Zug aufzuspringen. Naheliegend sind auch Kombinationen aus beiden Ansätzen, wie das in Smart Investor Ausgabe 12/2012 vorgestellte CANSLIM-System.

Paradoxe Situationen
Nun gibt es häufig aber auch paradoxe Situationen, in denen Wert und Momentum völlig gegensätzliche Signale aussenden. Ein Klassiker ist die „überbewertete“ Aktie, die unbeirrt weiter steigt. Viele Anleger tun sich hier mit einem Einstieg besonders schwer, weil die bereits hohe Bewertung einer weiteren Aufwertung zu widersprechen scheint. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Aktien, die gemessen an ihren Fundamentaldaten ausgesprochen preiswert erscheinen, aber einfach nicht ins Laufen kommen wollen. Interessanterweise fällt hier der Einstieg meist relativ leicht, weil es ja nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis auch andere Investoren entdecken, was da für ein Schätzchen darauf wartet, wachgeküsst zu werden.


Zurück in der Realität
In der Realität ist die Sache allerdings nicht ganz so einfach. Fällt der Einstieg in ein Papier leicht, dann sollte schon dies ein Alarmsignal sein. Denn so dürfte es auch vielen anderen leichtgefallen sein, dieses „preiswerte“ Papier zu erwerben. Dieses gute Gefühl, ein Schnäppchen gemacht zu haben, hat freilich wenig mit dem eigentlichen Ziel der Investition zu tun – einem künftig ansteigenden Kurs. Denn die Verbindung zwischen „preiswert“ (statische Eigenschaft) und „steigend“ (dynamische Eigenschaft) ist allenfalls locker. Außerdem müssten den vermeintlich gut informierten Schnäppchenjägern vermeintlich Uninformierte ihre Bestände verkauft haben und zwar mit so viel Druck – und das ist wichtig – dass der Kurs dabei nicht angestiegen ist. Wenn danach der Kurs sogar wieder zurückfällt, wie beim jüngsten Blutbad der in Deutschland notierten China-Aktien (vgl. Chart – vermeintliche Bodenbildung bei einer vermeintlich preiswerten Aktie), ist der Katzenjammer ebenso groß wie das Unverständnis – selektive Wahrnehmung und Informationsverarbeitung eben (s.o.). Alle diese Aktien wurden auf den großen Finanzportalen mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) im niedrigen einstelligen Bereich geführt, und das bereits vor dem Kurssturz.

Zu den Aktien
Nun ist der Markt der Deutsch-Chinesen insofern etwas ganz Besonderes, als hier in der Vergangenheit schon mehrfach Unregelmäßigkeiten ruchbar wurden, die negativ auf das gesamte Segment ausstrahlten. KGVs unter 3(!) sind wohl tatsächlich zu schön, um wahr zu sein – selbst im fernen China. Das Phänomen jedoch, dass die Preiswürdigkeit einer Aktie – besonders bei Zyklikern – nicht immer ein Hinweis auf die künftige Performance ist, ist dagegen universeller. Nehmen wir beispielsweise die BASF-Aktie (vgl. Chart), für die wir jüngst das Kauflimit gestrichen hatten. Manche Leser zeigten sich irritiert, weil die Aktie doch nicht teuer sei. Das ist sie in der Tat nicht, aber das Umfeld für das Unternehmen hat sich in den letzten Monaten eingetrübt. Vor allem die aggressive japanische Abwertungspolitik dürfte nicht nur diesem deutschen Chemiegiganten Umsatz und Marge kosten. Die Marktteilnehmer versuchen daher die Veränderungen des Umfelds einzupreisen. Die Aktie hat ihren rund einjährigen Aufwärtstrend mittlerweile verlassen und sogar den Stützbereich in der Zone von 70,40 – 70,60 EUR nach unten durchbrochen. Es riecht nach Topp-Bildung. Fundamental wurde die Aktie dadurch aber zunächst sogar noch einmal „preiswerter“ – Kennzahlen werden eben nicht so schnell angepasst wie Kurse. Auch die in der Vorwoche gezeigte Aktie von Lanxess* ist ein weiteres deutsches Chemieunternehmen mit einem ausgesprochen niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis. Dennoch brach diese Verkaufsempfehlung („Goodbye“) aus Smart Investor 2/2013 ihren Aufwärtstrend eindeutig und fiel von der Spitze bislang um rund 20% ab.

Musterdepot
Unser Stopp von 7.750 Punkten für den Kauf von 1.000 Stück des HSBC Turbo-Optionsscheins Short auf den DAX-Performanceindex (Basis 8.700 Punkte, Laufzeit 12.12.2013, WKN TB5 0JY, akt. Kurs: 8,25 EUR) wurde nicht ausgelöst. Erst beim Unterschreiten dieser Marke auf Intraday-Basis erwerben wir den Schein billigst zu einem Kaufpreis von voraussichtlich ca. 9,55 EUR (Depotanteil ca. 3%).

Haarscharf befinden wir uns an unserem Kauflimit von 26,55 EUR für 400 Stück des japanischen Automobilzulieferers Aisin Seiki (WKN: 863 680; akt. Kurs: 26,58 EUR). Das Limit bleibt bestehen.

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Musterdepot Fonds
Unsere Kauforder für weitere 200 Stück des ETF-Fonds iShares MSCI Japan Monthly Euro Hedged (WKN: A1H 53P, akt. Kurs: 29,87 EUR) bleibt mit einem Limit von 28,80 EUR (Basis: Schlusskurs Frankfurt) im Markt. Auch hier waren wir gestern schon knapp am Limit.

Veranstaltungshinweise
Am 19./20. April findet in Stuttgart die traditionelle Anlegermesse „Invest“ statt. Smart Investor wird nicht nur mit einem eigenen Stand, s

ondern auch mit der druckfrischen Jubiläumsausgabe 5/2013 vertreten sein. Wir freuen uns darauf, Sie dort zu treffen und mit Ihnen über Märkte, Wirtschaft und Politik zu diskutieren. Als Leser des Smart Investor Weekly (SIW) können Sie Ihre kostenlose Eintrittskarte unter diesem Link bestellen. Geben Sie hierzu einfach den Aktionscode „smartinvestor“ in das entsprechende Feld Ihres Warenkorbs ein.

Schon jetzt dürfen wir Sie auf die Hamburger Mark Banco Anlegertagung unter dem Motto „Rezession – Repression – Sezession: Investmentchancen in turbulenten Zeiten” am Freitag, 31. Mai und Samstag, 1. Juni 2013 hinweisen. Das Institut für Austrian Asset Management veranstaltet diese Tagung bereits zum vierten Mal. Lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, mit hochkarätigen Experten der Österreichischen Schule aktuelle Zeitfragen zu erörtern.

Hinweis in eigener Sache
Am 3.5.2013 ist es so weit. Smart Investor wird 10 Jahre alt! Was haben Sie in diesen Jahren mit dem Smart Investor erlebt? Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Oder freuen Sie sich einfach nur mit uns und hinterlassen Sie Ihre Glückwunschnachricht.

Fazit
Es gibt zwei grundverschiedene Philosophien bei der Aktienanlage: Value oder Momentum. Beide Ansätze haben etwas für sich. Wenn aber eine Aktie trotz vorhandenem Value einfach nicht steigen will, oder sogar fällt, dann ist Vorsicht geboten.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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