SIW 24/2013: Zunehmende Unruhe(n)

Wutbürger united
Irritierende Bilder erreichten uns in den letzten Tagen aus der Türkei und aus Brasilien. Was beiden Ländern gemeinsam ist, sah man allerdings nicht. Beide standen oder stehen noch immer auf der Empfehlungsliste von Goldman Sachs. Brasilien ist das „B“ in dem von der Investmentbank geprägten Begriff der BRIC-Staaten. Die Türkei ist einer der Nachfolger im Rahmen des ebenfalls von Goldman Sachs eingeführten Themas der „Next Eleven“-Staaten (N-11). Offenbar hat man in den Ländern also vieles richtig gemacht – zumindest aus Investorensicht –, aber offensichtlich auch einiges falsch. Die konkreten Auslöser für Massendemonstrationen, die in der Türkei in erstaunlicher Geschwindigkeit Richtung Unruhen mit Todesopfern kippten, sind durchaus unterschiedlich. Kurioserweise war auch für die türkischen Wutbürger ein Stadtentwicklungsprojekt der Kristallisationspunkt ihres Ärgers. Im Gegensatz zur Stuttgarter Variante wurde daraus jedoch innerhalb kürzester Zeit eine Generalabrechnung mit der Zentralregierung. Auch Grünen-Chefin Claudia Roth stürzte sich ins Getümmel und demonstrierte damit einmal mehr die Allzuständigkeit deutscher Politik für das Geschehen in der Welt. Trotz des Hinweises auf ihren Status als deutsche Abgeordnete nebelten die Wasserwerfer auch die „Grün Dame“ deutscher Empörungskultur ein, die daraufhin publikumswirksam einige Tränen vergoss – im fernen Deutschland ist schließlich Wahlkampf. Zu seinen Groupies wird der türkische Premier Erdogan Frau Roth künftig daher wohl eher nicht mehr zählen dürfen.

In Brasilien war es eine Erhöhung der Buspreise, die das Fass zum Überlaufen brachte. Steigende Preise für die breite Bevölkerung auf der einen Seite und die übliche Sport- und Funktionärsgigantomanie im Vorfeld der Fußball-WM auf der anderen Seite, das geht in den Augen vieler nicht recht zusammen. Zudem liegt über dem Land ein Schleier der Korruption, was zunehmend als unerträglich empfunden wird. Zur Sharewise Community

Goldman-Darlings
Das Überraschende ist eigentlich, dass beide Länder so nah an der Grenze zu Hass und sogar Gewalt gebaut sind, obwohl sie in der allgemeinen Wahrnehmung bislang das Bild aufsteigender und vorwärtsstrebender Volkswirtschaften abgegeben haben – trotz allfälliger Probleme. Wenn es in der jüngeren Vergangenheit zu Gewaltausbrüchen kam, dann waren entweder jene Länder betroffen, die in einer schweren Wirtschaftskrise steckten (Griechenland, Spanien), die sich über eine verfehlte Einwanderungs- und Wohlfahrtspolitik selbst in Bedrängnis gebracht haben (Großbritannien, Schweden), oder bei denen beides zusammenwirkte (Frankreich). Wut und Hoffnungslosigkeit fanden sowohl einen Anlass, als auch ein Ventil – verbessert hat sich die Situation durch Straßenschlachten freilich nicht. In den aufstrebenden Ländern ist das Problem gar nicht so viel anders gelagert, denn nur ein geringer Bevölkerungsanteil profitierte dort tatsächlich vom Boom, während sich die Situation der breiten Bevölkerung kaum aufhellte. Die Schere zwischen Reich und Arm ging entsprechend immer weiter auf und das wird sie auch in Zukunft tun. In der aktuellen Ausgabe Smart Investor 6/2013 finden Sie ein Erklärungsmuster für dieses Phänomen, das nicht nur für die genannten Länder gilt, sondern auch hierzulande wirkt. Zur Sharewise Community

Anzeige
___________________________________________________________________

______________________________________________________________

Zu den Märkten
Der türkische Aktienindex ISE National 30 (vgl. Abb.) ist im Zuge der Unruhen jedenfalls wieder unter das Ausbruchsniveau von 108.000 Punkten zurückgefallen, lediglich das 2010er Hoch bietet im Moment noch eine gute Unterstützung. Sollte die politische Situation allerdings weiter eskalieren, sind solche Marken schnell Makulatur. Unser DAX sieht technisch derzeit vergleichsweise besser aus, hält er sich doch weiter über dem Ausbruchsniveau vom Jahresanfang bei rund 8.100 Punkten.

Achillesferse Rentenmarkt
In diesem Zusammenhang soll dennoch eine Aussage hinterfragt werden, die gerne zugunsten von Aktien ins Feld geführt wird. Die Aktienrendite, also das Verhältnis von Dividende zu Aktienkurs sei wesentlich attraktiver als die Rentenrendite (Kupon/Anleihekurs). Das ist zwar richtig, taugt aber nur bedingt als Argument für die Geldanlage. Wie an dieser Stelle schon oft ausgeführt, bewegen wir uns nicht mehr in einem Marktumfeld, sondern in einem Umfeld politisch gesteuerter Märkte. Die Sorge der Politik gilt dabei primär den Rentenmärkten. Nicht nur sind sie ungleich größer als die Aktienmärkte, es sind auch die Kanäle, über die sich die Staaten zumindest höflichkeitshalber finanzieren, sofern ihnen die Notenbanken die neuen Schulden nicht gleich selbst abkaufen. Das Duo Staat/Notenbank hat aber keinerlei Interesse an einem Wiederanstieg der Zinsen. Der Umstand, dass dieser Anstieg in etlichen Ländern (am deutlichsten in Japan – vgl. Abb., hier dargestellt der Future der japanischen Staatsanleihen JGB mit entsprechendem Kursrückgang) erfolgt ist, wird die Notenbanken daher erneut auf den Plan rufen, weil sie gar keine andere Wahl haben. Da praktisch jeder Versuch, Luft aus der Bondblase abzulassen, unmittelbar mit Verkäufen der Anleger quittiert werden dürfte, werden die Notenbanken dieses Spiel mit dem Feuer nicht übertreiben. Sobald Panik aufkommt, werden sie intervenieren – entweder in Form direkter Käufe, oder durch eine Steigerung der relativen Attraktivität des Rentenmarkts. Das kann auch ein Absturz der Aktienmärkte sein, der die Anleger dann wieder wunschgemäß in den „sicheren Hafen“ der Staatsanleihen fliehen lässt.

Zur Sharewise Community

Anzeige
___________________________________________________________________

________________________________________________________________


Musterdepot Aktien
Zwar fiel der DAX am vergangenen Donnerstag unter die Zielmarkte von 8.050 Punkten, jedoch nur intraday. Zum Schluss der Sitzung befand er sich wieder einigermaßen komfortabel darüber. Unsere Order für das Short-Knockout-Zertifikat mit der Wertpapierkennnummer TB51UR (Emittent: HSBC Trinkaus, aktueller Kurs: 7,78 EUR) bleibt zu den bekannten Bedingungen vorerst im Markt: Wir erwerben 1.500 Stück (entsprechend 4,5% des Depotvolumens) sobald der DAX unter der Marke von 8.050 Punkten schließt (Kurs um 17:30 Uhr), zu dann ca. 9,55 EUR. Die Knockout-Schwelle liegt bei 9.000 Punkten, der letzte Handelstag ist der 4.12.2013. Achtung: Es besteht ein Totalverlustrisiko, nur erfahrene Investoren sollten solche Zertifikate ins Depot aufnehmen.

Musterdepot Fonds
Keine Änderungen

Hinweis in eigener Sache
Offenbar wurde flutbedingt ein Teil unserer Druckauflage der Ausgabe Smart Investor 6/2013 bei unseren österreichischen Lesern nicht ordnungsgemäß ausgeliefert. Sofern nicht schon geschehen, bitten wir betroffene Abonnenten, sich unter Angabe Ihrer Abo-Nummer formlos an abo@smartinvestor.de zu wenden. Sie erhalten dann umgehend eine Ersatzlieferung.

Fazit
In immer kürzeren Abständen brechen in immer neuen Ländern Massenproteste und Unruhen aus. Es scheint, als gerate die Welt zunehmend aus den Fugen. Dahinter stecken allerdings Triebfedern, die mit geradezu mathematischer Präzision wirken. Hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Märkte sind auch solche Unruhen erhebliche Risikofaktoren, wie der türkische Aktienindex zeigt. Die eigentliche Schicksalsschlacht wird von den Notenbanken jedoch an den Rentenmärkten geschlagen – und auf lange Sicht verloren.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

www.facebook.com/SmartInvestorMagazin

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins Smart Investor kann unter www.smartinvestor.de/abo angefordert werden.

Das Magazin:
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins ist unter www.smartinvestor.de/news/inhalt/index.hbs einzusehen.

eMail-Versand:
Sollten Sie den eMail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine eMail mit dem Betreff „Abbestellen des SIW“ an weekly@smartinvestor.de.

Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

Impressum
Smart Investor Media GmbH

Hofmannstr. 7a
81379 München
Tel.: 089/2000 339 – 0
Fax: 089/2000 339 – 39
HRB: 149 664 Amtsgericht München
USt.ID.Nr.: DE207669469
Vertretungsberechtigter Geschäftsführer: Ralf Flierl
info(at)smartinvestor.de

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß § 10 Absatz 3 MDStV:
Ralf Flierl