SIW 30/2013: Wanderung der Köpfe

Mehr Bildung durch Geld?

Deutschland hat ein Problem – nicht nur eines. Aber eines wird im Wahlkampf besonders gerne artikuliert: Bildung. Zwar werden die Akzente, wie Bildung konkret auszusehen hat vor dem Hintergrund unterschiedlicher Weltanschauungen verschieden gesetzt, in einem sind sich aber alle einig: Wir brauchen mehr Geld für Bildung, denn Bildung ist das Zukunftsthema schlechthin und die Voraussetzung für den Standort Deutschland. Wer solche Forderungen aufstellt, offenbart damit entweder eine gewisse Unredlichkeit oder hat selbst ein Bildungsproblem.

Denn wäre Bildung tatsächlich so wichtig und zukunftsträchtig wie behauptet, dann sollten die Bildungsausgaben doch ganz oben auf der Ausgabenliste stehen und nicht immer erst da, wo gerade das Geld ausgegangen ist. Angesichts von Rekordsteuereinnahmen des Staates sollte es bei richtiger Setzung der Ausgabenprioritäten also an genau einer Sache nicht fehlen: Geld für Bildung. Die Denkfehler in diesem Zusammenhang gehen aber noch weiter: Der Umstand, dass Bildung in Teilen der Bevölkerung überhaupt keinen Wert mehr hat, wird sich durch ein Mehr an Geld nicht korrigieren lassen – es fehlt ein Mehr an Einsicht. Denn für ein rohstoffarmes Hochlohnland wie die Bundesrepublik sind gut ausgebildete Arbeitskräfte eine schlichte Überlebensfrage, Und da kommen wir bereits zum dritten Denkfehler: Entscheidend ist nicht der Vorgang des Ausbildens, sondern der Verbleib bzw. die Zuwanderung von Gebildeten und gut Ausgebildeten.

Eine hervorragende Ausbildung bringt nämlich rein gar nichts, wenn die Anreize im anschließenden Berufs- bzw. Wirtschaftsleben so gesetzt sind, dass diejenigen mit überdurchschnittlichem Potenzial ihr Glück lieber jenseits der Landesgrenzen suchen. Manchmal lohnt es sich also, im anstehenden Wahlkampf etwas genauer hinzuhören – meistens allerdings nicht.

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Brems- und Überholmanöver
Eine andere Worthülse, die beständig auf das Publikum abgefeuert wird, ist die der „europäischen Solidarität“. Ein großes Wort in dessen großen Windschatten sich in der EU klammheimlich wieder der gute alte Protektionismus breitzumachen scheint. Bekanntlich knirscht es in der westeuropäischen Autoindustrie gewaltig und die großen Fahrzeughersteller haben eine regelrechte Rabattschlacht angezettelt, um mehr Käufer für ihre Produkte anzulocken. Das hinterließ Spuren in den Halbjahreszahlen. Selbst VW, denen es – etwa im Vergleich zu den südeuropäischen Herstellern – relativ sehr gut geht, sprach gestern von einem „schwierigen Marktumfeld“. Zwar war der Gewinn für das Halbjahr geschrumpft, im 2. Quartal konnte aber operativ(!) überraschend wieder etwas mehr verdient werden. VW-Aktien gehörten daher heute zu den stärkeren Titeln. Die Lage aber bleibt unübersichtlich. Relativ übersichtlich ist sie dagegen beim französischen Autobauer PSA Peugeot Citroen. Auch dort sieht man zwar erste Anzeichen einer Erholung, das Zahlenwerk jedoch bleibt tiefrot. Da ist es praktisch, dass die EU gerade die Umstrukturierungsbeihilfen für den maroden Konzern in Form einer Sieben-Milliarden-Euro-Staatsgarantie genehmigt hat. Diese werde „keine allzu negativen Auswirkungen“ auf die Wettbewerber haben, meint man in Brüssel. Da durch das künstliche Überleben des Konzerns aber vermutlich insgesamt nicht mehr Autos gekauft werden, ist jeder gekaufte Subventions-Peugeot ein Auto, das in der Bilanz eines marktwirtschaftlich agierenden Herstellers fehlt – „keine allzu negativen Auswirkungen“.

Die französische Regierung hat sich zur Abwehr deutscher Auto-Importe noch einen weiteren Schachzug ausgedacht: „Der Umwelt zuliebe“ müssen vier Mercedes-Modelle in Frankreich erst einmal draußen bleiben. Die Zulassung wurde verweigert, weil in den Klimaanlagen dieser Fahrzeuge das falsche Kühlmittel zirkuliert. Ein Thema, das zufälligerweise in jenem Land eines wurde, das seiner kränkelnden Autoindustrie gerade so freundlich unter die Arme greift. Nun ist die Marke Peugeot zwar kein direkter Konkurrent der Marke Mercedes, aber es dürfte hilfreich sein, jene luxuriösen Fahrzeugreihen zu diskreditieren, die man selbst gar nicht im Programm hat. Der „Neue Mensch“ fährt Kleinwagen. Ein Beispiel, das auch anderenorts Schule machen dürfte, zumal man den eigenen Protektionismus nicht so nennt, sondern als verantwortungsvollen Beitrag für das Klima kaschiert. Dabei haben die deutschen Hersteller gar keinen Grund so hoch auf dem Ross zu sitzen. Zwar wurde hier vieles früher und richtiger gemacht, aber die Nachfrageausfälle in der EU wurden im Wesentlichen durch entsprechendes Wachstum in den Emerging Markets und China (teil-)kompensiert – Länder in denen die wirtschaftliche Situation inzwischen auch einigermaßen angespannt ist. Zur Sharewise Community

Zu den Märkten
Unentschlossen ist er, unser DAX. Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück, zwei Schritte vor, drei Schritte zurück. Noch immer befindet sich der Performanceindex in der Nähe seiner historischen Allzeithochs und der Marke von 8.000 Punkten. Die Standarderwartungen hat der Index bislang jedenfalls nicht erfüllt: Weder erfolgte nach dem neuen Allzeithoch ein kraftvolles Durchstarten nach oben, noch bewirkte der Rückfall unter das Ausbruchsniveau einen anschließenden Kursrutsch. Stattdessen verharrt der Markt unter Schwankungen auf hohem Niveau (vgl. Abb.). Beides – sowohl das per Saldo richtungslose Verharren als auch die Schwankungen – deutet auf anhaltende Unsicherheit der Marktteilnehmer. Weder die Bullen, die derzeit leichte Vorteile haben, noch die Bären konnten sich in diesem Szenario bislang richtig durchsetzen.

In diesem Zusammenhang ist einmal mehr Fed-Chef Ben Bernanke zu nennen, der den Märkten durch seine Äußerungen schon mehrfach seinen Willen aufgezwungen hat – in durchaus unterschiedliche Richtungen. Nachdem er im Mai mit seinen Andeutungen über ein Auslaufen der Staatsanleihekäufe noch zündelte, war er zuletzt bemüht die Wogen wieder zu glätten. Will er seine Glaubwürdigkeit nicht vollkommen verlieren oder die Wirtschaft durch sein ständiges Hin und Her weiter paralysieren, dürfte sein Grundtenor wohl vorerst einmal positiv bleiben. Heute, nach der Sitzung des Offenmarktausschusses, wissen wir mehr. Die Worte des „Großen Vorsitzenden“ aber schon jetzt als „Nicht-Ereignis“ abzutun, erscheint uns jedenfalls voreilig. Denn Bernanke ist immer für eine Überraschung gut, besonders dann, wenn sich die Beobachter in Sicherheit wiegen.

Musterdepot Aktien
In der soeben erschienen Ausgabe Smart Investor 8/2013 widmen wir uns schwerpunktmäßig den Value-Investments. Im Interview mit dem Fondsmanager Frank Fischer erwähnte er eine seiner Positionen, nämlich die britische Hargreaves Services plc (WKN: A0H MDY). Überzeugt hat uns dabei die Bewertung sowie das Geschäftsmodell. Denn Hargreaves agiert in der Branche der Kohleminen, die durch einige spezifische Probleme (z.B. tiefe Preise) sehr unter Druck ist. Dadurch gehen viele Minen Pleite oder darben vor sich hin. Hargreaves, die über eine gute Kapitalausstattung verfügt, kauft als führender englischer Kohleminenbetreiber diese maroden Firmen oder deren Assets auf und saniert sie. Hargreaves agiert sozusagen als der Hecht im Karpfenteich.
Die Aktie hatte sich von 2009 bis Anfang 2012 in etwa verdreifacht. Mitte letzten Jahres kam es zu einem Betrugsfall in einer Niederlassung, weshalb der Titel kräftig Federn lassen musste (-40%). Auf diesem Niveau notiert er derzeit immer noch. Wir erwarten aus diesem einmaligen Ausrutscher jedoch keine nachhaltig negativen Auswirkungen auf das Geschäftsmodell. Angesichts eines KGV von rund 6 und der weiter guten Aussichten werden wir ab morgen eine erste Portion von 1.000 Stück mit einem Limit von 9,30 EUR ordern (akt.: 9,24 EUR; ca. 3% Depotanteil). Mehr zu Hargreaves und zu den interessanten Ansichten von Frank Fischer finden Sie im aktuellen Heft auf S. 74.

Musterdepot Fonds
Wir gehen auch weiter von einer günstigeren Entwicklung in den USA als in der Eurozone aus. Daher erwerben wir 400 Anteile des Alger American Asset Growth Fund (WKN: 986 333, akt. Kurs 28,11 EUR) billigst zum morgigen Börsenkurs. Der Fonds verfolgt einen sogenannten All-Cap-Ansatz und setzt auf Wachstumswerte. Derzeit ist er mit über 26% im US-amerikanischen

Technologiesektor gewichtet. Der Fonds wurde 1996 aufgelegt, Fondsmanager Patrick Kelly ist seit 2004 an Bord.

Veranstaltungshinweis
SRC Research, das führende bankenunabhängige Analysehaus für börsennotierte Immobiliengesellschaften und Finanzwerte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lädt auch dieses Jahr zu seiner großen Jahres-Investorenkonferenz ein. Am Mittwoch, den 4. September von 9:30 – 17:30 Uhr, präsentieren sich neun namhafte Unternehmen auf Vorstandsebene vor professionellen Anlegern und Vertretern der Wirtschafts- und Finanzpresse in Frankfurt am Main.
Die Teilnahme an dieser Jubiläumsveranstaltung (10 Jahre) ist für professionelle Anleger kostenfrei. Nähere Informationen und Anmeldung unter: www.src-research.de/ffs

Smart Investor in den Medien
Wer angesichts der Außentemperaturen des Lesens überdrüssig ist, dem sei ein gut 20-minütiger Podcast auf der „MetallWoche“ empfohlen. Der bekannte Fernsehjournalist Frank Meyer befragte uns zu aktuellen Themen aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Finanzen: „Flierl & Malisch auf der Metallwoche: Bewusste Verunsicherung im Sommerloch“

Fazit
So langsam kommt der Bundestagswahlkampf in Gang. Immer wieder erschreckend mit welchen Worthülsen quer durch alle Parteien auf Stimmenfang gegangen wird. Wir wollen den betroffenen Bundestags-Aspiranten allerdings zu Gute halten, dass sie es selbst nicht immer besser wissen. Auch andere Worthülsen können der Realität nicht Stand halten, etwa die von der europäischen Solidarität, wie die Abschottungstendenzen im Automobilsektor zeigen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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