Titelstory Smart Investor 12/2013 – Allzeithochs und was sie bedeuten

Allzeithochs als Normalfall
Börsianer in Deutschland und den USA wurden in den letzten Monaten wieder häufiger Zeugen eines in den Jahren zuvor selten gewordenen Schauspiels: Allzeithochs, (engl. All Time High = ATHs). Dow Jones Industrial, S&P 500, aber auch DAX und MDAX markierten neue historische Höchststände. Die beiden deutschen Indizes sind im Gegensatz zu den US-Börsenbarometern allerdings Performanceindizes – also um Dividendenabschläge bereinigt – und überzeichnen die reine Kursbewegung. Der wenig beachtete DAX-Kursindex liegt noch immer rund 22% unter seinem Allzeithoch vom März 2000 (vgl. Abb. 1).


Abb. 1: DAX-Performance-Index vs. DAX-Kursindex
Während der DAX-Performance-Index neue Allzeithochs erreichte (schwarz), fehlen beim DAX-Kursindex noch 22% (rot).


Beim MDAX dagegen erreichte auch der Kursindex in diesem Jahr neue Rekordmarken. Grundsätzlich wäre das regelmäßige Erreichen solcher Allzeithochs eher der Normal- als der Ausnahmefall. Praktisch haben nämlich alle Aktienindizes in mehrfacher Hinsicht Rückenwind: Zum einen liegt das am kontinuierlichen Austausch der Bestandteile dieser Indizes, wobei die relativ größeren und erfolgreicheren Unternehmen die weniger erfolgreichen verdrängen. Zum anderen führt eine kontinuierliche Geldentwertung – Zielgröße der Notenbanken ist derzeit eine Geldentwertungsrate von 2% p.a., die als „Geldwertstabilität“ bezeichnet wird – zu nominalen Preissteigerungen in der realen Welt. Bei Verbrauchsgütern führt das zur unerwünschten Teuerung, bei Aktien ist dies Teil der ausgewiesenen Performance. Falls es also bei einem Aktienindex über längere Zeit nicht zu einem Allzeithoch kommt, so wie etwa beim NASDAQ Composite (bislang 13,5 Jahre!) oder beim NIKKEI 225 (bislang fast 24 Jahre!), dann liegt das praktisch immer an vorangegangenen Kursexzessen und den dabei ausgeformten, einsamen Kursspitzen.

Einzeltitel im Höhenflug
Etwas anders sieht die Sache bei Einzeltiteln aus, da diese nicht vom positiven Rotationseffekt profitieren, der die Indizes unterstützt. Langfristig – und nur darum geht es beim Erreichen immer neuer Allzeithochs – ist der dominante Einflussfaktor die Geschäftsentwicklung. Ein Unternehmen prosperiert entweder, oder es tut genau das nicht. Falls es aber prosperiert, dann ist die Kursentwicklung regelmäßig noch wesentlich ausgeprägter als bei den eher schwerfälligen Indizes – Allzeithochs weisen den Weg. Wenn eine Aktie von Allzeithoch zu Allzeithoch eilt, dann ist das – Ausnahmen bestätigen die Regel – auch ein positives Urteil des Marktes über das Geschäftsmodell dieses Unternehmens. Dass dieser Pfad nicht stetig verläuft, sondern eine Abfolge von Übertreibungen und anschließenden Korrekturen ist, ändert nichts an der grundlegenden Aussage.

Kennen Sie „Lunro“?
Die Charts solcher Unternehmen verlaufen dann im „Lunro“-Modus – also von „links unten“ nach „rechts oben“ und bestätigen damit die Standarderwartung, dass einem Allzeithoch weitere Kursgewinne folgen (vgl. Abb. 2). Das Allzeithoch tritt in dieser Phase also in einer Doppelrolle auf – zum einen sind die gestiegenen Kurse Belohnung und Bestätigung für die bereits investierten Anleger. Zum anderen ist die Rekordmarke ein Indikator für weitere Kurssteigerungen. Eine solche positive Rückkopplung kann auch dazu führen, dass sich die Kurse weit von der Unternehmenswirklichkeit entfernen. Das beinhaltet aus Anlegersicht zwar Chancen auf überproportionale Kurssteigerungen, birgt aber auch die Gefahr einer schlagartigen Anpassung an die Realität nach unten. Die Indikatorfunktion ist also hochgradig gefährdet, sobald nur noch „die Hausse die Hausse nährt“.


Abb. 2: Amazon Inc.
US-Online-Handelspionier mit fast idealtypischem „Lunro“-Chart

Mentale Blockade
Möglicherweise ist diese Situation in den Köpfen vieler Anleger aber auch überrepräsentiert, denn ein Kauf zu Höchstkursen widerspricht ganz grundsätzlich unserer Intuition. Warum sollte etwas noch teurer werden, nur weil es schon teuer ist? Mit unserer Alltagslogik ist ein solcher Zusammenhang jedenfalls nicht kompatibel. Aber schon der Begriff „teuer“ hat in einem dynamischen Umfeld seine Tücken. Harte fundamentale Daten gibt es nur für die Vergangenheit, gehandelt aber wird auf die Erwartung künftiger Zahlen. Nicht nur im Vergleich zur eigenen Kurshistorie wirken(!) steigende Aktien daher oft „teuer“, auch fundamental scheint das so zu sein – aus dem schlichten Grund, weil die Fundamentaldaten der Kursentwicklung hinterherhinken. Es bedarf daher in der Regel ziemlicher Überwindung, um Aktien im „Lunro“-Modus zu kaufen. Das Ego weigert sich teuer zu kaufen, was gestern und vorgestern noch viel billiger war – oft zum eigenen Nachteil. Oder die Angst, „dumm“ auszusehen, verhindert, was eigentlich klug wäre. Vielleicht fällt es leichter, sich zu überwinden, wenn man sich vergegenwärtigt, dass an der Börse in aller Regel nicht das Verhalten, das der Masse der Anleger leicht fällt, mit Überrenditen belohnt wird. Wohlfühlen und Geldverdienen schließen sich praktisch aus.

Statik vs. Dynamik
Die Falle hinter solchen Überlegungen ist nicht nur die Vergangenheitsorientierung, sondern die Überbewertung statischer Niveaus, während die viel entscheidendere dynamische Bewegung unterschätzt wird. Diese falsche Sichtweise wird rein optisch noch durch die Bildschirmdarstellung gefördert, die bei „Lunro“-Charts aufgrund des „Anstoßens“ an der oberen rechten Ecke eine Begrenzung des Potenzials suggeriert. Tatsächlich ist das Erreichen der oberen rechten Ecke aber nicht Hinweis auf Begrenzung, sondern Ausdruck eines wünschenswerten dynamischen Phänomens – der Kurs steigt. Ein Thema, das es in abgewandelter Form auch bei der Fixierung vieler Anleger auf Widerstände und Unterstützungen gibt. Betont werden die statischen Linien, während das dynamische Phänomen übersehen wird: Beschäftigt man sich nämlich beispielsweise schwerpunktmäßig mit Widerständen, dann ist der Grund auch hierfür ein Kursanstieg.

Was der Großvater schon wusste …
Begnadete Spekulanten haben dies seit vielen Jahrzehnten nicht nur verstanden, sondern verfügten auch über die notwendige mentale Ausstattung, um diese Erkenntnis in die Tat und damit in klingende Münze umzusetzen. Der legendäre Trader Jesse Livemore war so einer, in dessen Tradingsystematik Allzeithochs eine zentrale Rolle spielten. Nirgendwo zeigt sich deutlicher – wie Livermore das nannte –, in welche Richtung die „Linie des geringsten Widerstands“ verläuft. Über einem Allzeithoch gibt es gar keine harten Widerstände aus der Vergangenheit. Ausschließlich auf Allzeithochs war Nicolas Darvas konzentriert. Im Hauptberuf war der Mann Tänzer, Anlegern ist er aber vor allem aufgrund seines Buches „Wie ich 2 Millionen Dollar an der Börse gewann“ bekannt. Darvas suchte seinerzeit nach einem Ansatz, der es ihm erlaubte, mit minimalem Zeiteinsatz und auch während ausgedehnten Auslandstourneen seine Investitionsentscheidungen selbst treffen zu können. Fündig wurde er bei den Titeln, die auf neue Allzeithochs ausbrachen, und er verdiente ein Vermögen – nebenbei. Diese Erfolgsgeschichte liegt allerdings mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Kein Automatismus
Als Signalgruppe sind Allzeithochs am ehesten der Familie der Ausbruchsstrategien zuzuordnen. Im Gegensatz zu den von Richard Donchian, dem theoretischen Pionier auf diesem Gebiet, definierten 5- und 20-Tage-Hochs ist hier die Rückschauperiode allerdings variabel – genauer gesagt, die gesamte Kurshistorie. Für den Anleger ist entscheidend.