Interview mit einem Investor – „Die unkontrollierten systemischen Risiken wuchern weiter“

Smart Investor: Herr Hathaway, sind die jüngsten Aufwärtsbewegungen bei den Edelmetallaktien ein Hinweis für einen wichtigen Wendepunkt bei den Edelmetallen selbst?
Hathaway: Ich meine ja. Das Sentiment ist äußerst negativ, was in der Regel mit Markttiefs einhergeht. Es scheint, als seien während des mehr als zweijährigen Kursrückgangs alle „schwachen Hände“ herausgeschüttelt worden. Die jüngsten, durchaus forschen Untersuchungen der deutschen Finanzmarktaufsicht BaFin zu Preisabsprachen an den Edelmetallmärkten könnten ein Katalysator sein.

Smart Investor: Dennoch steht das Goldman-Sachs-Kursziel von 1.050 USD/Feinunze Gold im Raum. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass dieses Ziel aufgrund der Marktmacht von Goldman Sachs zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung wird?
Hathaway: Goldman Sachs hat kurz vor Krisenausbruch toxische Hypothekenpapiere empfohlen. Insofern ist es mir schleierhaft, warum jemand ausgerechnet auf den Rat von Goldman Sachs hören sollte.

Smart Investor: Ist so ein Kursziel, besonders in Bezug auf die Produktionskosten, überhaupt ernst zu nehmen? Angesichts hoher Kosten und gedrückter Goldpreise müsste das Angebot doch früher oder später einbrechen?
Hathaway: Wenn der Goldpreis auf dem derzeitigen Niveau bleibt, wird die künftige Produktion sicher steil abfallen, insbesondere über die nächsten zwei Jahre.

Smart Investor: Was könnten die treibenden Kräfte für eine Trendwende im Goldmarkt sein?
Hathaway: Es gibt viele mögliche Katalysatoren. Neben den erwähnten BaFin-Untersuchungen könnte es auch eine längst überfällige Korrektur an den viel zu heiß gelaufenen Aktienmärkten sein. Oder nehmen wir die Kollateralschäden, die entstehen, wenn die Fed ihr Anleihenkaufprogramm zurückfährt. Es könnte aber auch eine Kernschmelze im chinesischen Finanzsystem sein. Wie gesagt, es gibt eine Vielzahl von Auslösern. Am bedeutsamsten ist die Tatsache, dass die unkontrollierten systemischen Risiken weiterhin wuchern und sich das unweigerlich irgendwann rächen wird. Insofern ist der Versuch herauszufinden, an welcher Stelle das Kartenhaus letztlich zusammenbrechen wird, ebenso müßig wie die Frage, wie viele Schneeflocken es für eine Lawine braucht.

Smart Investor: Was ist im aktuellen Marktumfeld Ihr bevorzugtes Edelmetall?
Hathaway: Ganz klar Gold, dicht gefolgt von Silber.

Smart Investor: Und welche Länder bzw. Art von Unternehmen – Majors, Juniors, Explorer etc. – bevorzugen Sie?
Hathaway: Unsere Portfolios sind geografisch stark auf Nordamerika inklusive Mexiko ausgerichtet. Rechtsstaatlichkeit und Vertragssicherheit stehen fast überall auf der Welt schwer unter Beschuss. Dennoch finden wir auch bestimmte afrikanische und lateinamerikanische Staaten interessant, falls eine attraktive Bewertung der Aktien das von uns wahrgenommene politische Risiko überkompensiert. Wir haben unser Engagement bei einigen Majors zurückgefahren, bei denen wir den Eindruck hatten, dass sie keine klare Linie verfolgen. Stattdessen sind wir bei aufstrebenden Produzenten aus der zweiten Reihe eingestiegen. Auch werden wir weiter in ausgewählte Small-Cap-Explorer und angehende Juniors investieren, weil diese nach unserer festen Überzeugung den höchsten Hebel aufweisen, sobald der Goldmarkt wieder in den Bullen-Modus zurückfindet.

Smart Investor: Hand aufs Herz: Wie lauten Ihre konkreten Kursziele für Gold und Silber im laufenden Jahr?
Hathaway: Ich erwarte für beide Edelmetalle signifikant höhere Notierungen, auf einen spezifischen Preis lege ich mich aber grundsätzlich nicht fest.

Interview: Ralph Malisch, Marc Moschettini

John Hathaway kam im Jahr 1998 als Senior Partner zu Tocqueville aus New York (USA). Er ist Mitglied des Investmentkomitees und Kommanditist der Tocqueville Asset Management und unter anderem als Co-Portfoliomanager zuständig für die Tocqueville-Gold-Fonds. Seine Karriere startete er 1970 als Aktienanalyst bei Spencer, Trask & Co. Hathaway hat einen Abschluss des Harvard College und einen MBA der University of Virginia.