Titelstory 5/2014: Wiederholt sich die Geschichte?

Die Betrachtung des Schicksalsjahres 1914 hat aufgrund der Ereignisse in der Ukraine eine eigene Dynamik bekommen. In der Tat weisen einige Aspekte interessante Parallelen auf. Alles hätte ganz einfach sein können. Im Juli 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Nachdem die Literatur zum Ersten Weltkrieg bereits vor 20 Jahren mehr als 25.000 Bücher und Artikel betrug, hätte man zum Jubiläum bestenfalls mit einigen weiteren Publikationen gerechnet. Dass das Schicksalsjahr 1914 hingegen einen so breiten medialen Widerklang auslöst, liegt nicht nur an der verbissen-kontrovers diskutierten Kriegsschuldfrage, der sich auch Christopher Clark in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ widmet, sondern ist auch der aktuellen Entwicklung in der Ukraine, respektive der Krim-Region, geschuldet. Grund genug, die Ereignisse von 1914 Revue passieren zu lassen und sie auf mögliche Parallelen zur Gegenwart zu untersuchen.

Chronologie der Eskalation
Am 28. Juni 1914 fallen der österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek in Sarajewo einem Attentat zum Opfer. Die beiden tödlichen Schüsse gab der erst 19-jährige bosnisch-serbische Attentäter Gavrilo Princip ab, welcher serbisch-nationalistischen Kreisen und dem Geheimbund „Schwarze Hand“ zuzurechnen war. Wie Bruno Bandulet in seinem Buch „Als Deutschland Großmacht war“ darstellt (s. Interview auf S. 32), schockierte diese Bluttat zwar „fast ganz Europa“, allerdings gab es unterschiedliche Ansichten, wer dafür die Verantwortung zu tragen habe. So übernahmen London und Paris die russische Version des Attentats, die im Wesentlichen der serbischen Erklärung entsprach: „Danach hatten Einzeltäter gehandelt, Serbien war nicht verantwortlich, Österreich war Unterdrücker (auf dem Balkan; Anm. d. Red.) und wollte das Attentat politisch instrumentalisieren. Damit hatte Wien kein Recht, militärisch aktiv zu werden – und wenn doch, war die Intervention Russlands programmiert“, so Bandulet weiter. Damit nahm die weitere Entwicklung ihren Lauf. Nachdem ein österreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien vom 23. Juli 1914 ohne ausreichende Umsetzung der zehn Forderungen verstrichen war, erklärte Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli den Krieg. Russland, Deutschland und Frankreich ordneten die Generalmobilmachung an und Deutschland erklärte Russland am 1. August und Frankreich am 3. August 1914 den Krieg. Einen Tag später trat Großbritannien gegen Deutschland in den Krieg ein. Italien folgte im Mai 1915 und als letzter Akteur erklärten die USA Deutschland im April 1917 den Krieg. Am Ende der Vernichtungsschlacht gab es 20 Millionen militärische und zivile Todesopfer sowie 21 Millionen Verwundete zu beklagen.

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„Sommer 1914: Zwischen Begeisterung und Angst — wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten“ von Tillmann Bendikowski, C. Bertelsmann Verlag, 464 S., 19,99 EUR

Die Schuldfrage
Gleich vorweg: Was Generationen von Historikern in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen ist, wird auch dieser Artikel nicht leisten können. Eine eindeutige Beantwortung der Frage, wer die (alleinige) Verantwortung für den Ersten Weltkrieg trägt, ist schlichtweg unmöglich. Der Vertrag von Versailles regelte im Artikel 231 die Schuldfrage, die für Jahrzehnte maßgeblich bleiben sollte: „Die alliierten Regierungen und ihre Verbündeten erklären und Deutschland erkennt an (!), dass Deutschland und
seine Alliierten verantwortlich sind für alle Verluste und Schäden, welche die alliierten Regierungen und ihre Verbündeten sowie ihre Nationen in Folge des Krieges erlitten haben, der ihnen durch die Aggression Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde.“ Die deutschen Historiker Fritz Fischer und Imanuel Geiss kamen in den 1960er Jahren ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Deutschland die Hauptschuld am Kriegsausbruch trage. Neuere Arbeiten zu dieser Thematik wie die beiden bereits erwähnten Werke von Clark (s. auch Bericht auf S. 31) und Bandulet kommen hingegen zu einer vielschichtigeren und damit auch zwangsläufig komplexeren Deutung der Ereignisse.
Eine Erkenntnis, die auch Philippe Simonnot in seinem jüngsten Buch „Die Schuld lag nicht bei Deutschland – Anmerkungen zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg“ teilt. Er verweist auf das bereits 1924 von Alfred Fabre-Luce erschienene Werk „La Victoire“, das auf Russland und Frankreich als maßgebliche Aggressoren verweist. Einen weiteren Schuldigen liefert der französische Politiker Paul Vaillant-Couturie: „Die Politik von Monsieur Pointcaré (französischer Ministerpräsident und Außenminister) zwischen 1912 und 1914 führte zum Krieg.“ Die Rolle Serbiens, die außenpolitischen Macht- und Interessenverflechtungen, die Bedeutung kolonialer Gebietsstreitigkeiten und
politische Vertragsvereinbarungen sind weitere Größen, die bei der Beurteilung zwingend ins Kalkül gezogen werden müssen. Zudem muss mit hartnäckigen Vorurteilen
aufgeräumt werden. Die vielzitierte, allgemeine und vorbehaltslose Kriegsbegeisterung in Deutschland ist nicht haltbar. So zeigt Tillmann Bendikowski in seinem Buch „Sommer 1914: Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten“ ein mehrschichtiges und wenig homogenes Bild, das viele der Stereotypen unwiderlegbar ad absurdum führt. Nicht zu Unrecht ist Bandulet der Überzeugung, dass die Schuldfrage nicht geklärt werden kann: „Wenn eine Epoche nicht aus sich selbst heraus und in all ihren Facetten betrachtet wird, sondern nach den Maßstäben und Vorurteilen eines späteren Jahrhunderts, dann überschreitet Geschichtsschreibung unversehens die Grenze zur Naivität.“

Blick in die Gegenwart
Will man die Gegenwart besser verstehen, sollte man die Vergangenheit kennen. Denn auch wenn sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt, so gibt es doch wiederkehrende Parallelen und Muster, die sich ausmachen lassen. Das Schicksalsjahr 1914 und die Ereignisse um die Ukraine/Krim des Jahres 2014 haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam – auf den zweiten Blick durchaus.

Ausgangspunkt
Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Magazins COMPACT, weist in seiner Ausgabe 4/2014 auf einen interessanten Umstand hin: „Wie vor 100 Jahren frisst sich ein Brand aus der Peripherie Europas durch die Bündnisautomatik in die Metropolen vor, wie damals erfolgte die Zündung durch die Schüsse von Einzelnen. (…) Beide Ereignisse setzten eine Dynamik in Gang, die – angeblich! – nicht mehr zu stoppen war.“ Auch die starken Vernetzungen und Bündnisse zwischen den einzelnen Nationen weisen Parallelen auf. Waren es früher die Entente Cordiale, der Dreibund, das britisch-russische Abkommen oder das französischrussische Bündnis, so steht diesem in der Neuzeit das Gebilde der EU gegenüber, das jede Nation für alle anderen Mitglieder in Sippenhaft nimmt. Die Gefahr, dass im Sinne von Algorithmen Aktionen und Reaktionen zwangsläufig und unreflektiert ausgelöst werden, steigt damit – ähnlich wie 1914 – rapide.

Politik und Wirtschaft
Kriege sind Geschäft oder auf den Ersten Weltkrieg gemünzt: „War is a Racket“ (Krieg ist ein Schwindel) …