SIW 22/2014: Verwählt?!

Realitätsverweigerung bis zum Schluss
Man musste schon ein geübter Realitätsverweigerer oder eben Politiker sein, um vom Ergebnis der Europawahl überrascht zu sein. Seit Jahren gärt es in den Ländern Europas und eine wachsende Anzahl von Bürgern hat die Zumutungen aus Brüssel schlicht und einfach satt. Da spielt es fast keine Rolle, ob ganz weit links, ganz weit rechts, oder gleich eine Spaßpartei gewählt wurde. Das herausragende Wahlthema war also Protest. Ein berechtigter und längst überfälliger Protest des Souveräns gegen sein politisches Personal, das den Wählerwillen seit Jahren routiniert mit Füßen tritt. Die zweite Tendenz bestand darin, dass dieser Protest europaweit vor allem „rechte“ Parteien stark begünstigte. Unter den großen EU-Ländern war diese Tendenz übrigens in Deutschland am wenigsten(!) ausgeprägt. Auch wäre manche Position der AfD noch vor Jahren weder in CDU, CSU oder FDP und noch nicht einmal in der SPD beanstandet worden. Möglicherweise erscheint die AfD den Etablierten heute nur deshalb als „rechtspopulistisch“ weil sich erstens die eigenen Koordinaten weit nach links verschoben haben und man zweitens vollkommen verlernt hat, auf Volkes Stimme zu hören. Das Verhältnis zwischen dem Wähler als Souverän und der Politik als Ausführenden des Wählerwillens hat sich in der Praxis längst auf den Kopf gestellt. Da fühlt sich mancher Parteibonze als Souverän und handelt, als seien die Bürger seine Erfüllungsgehilfen. So war das nie gedacht. Zur sharewise Community

Hollande abgewatscht
Besonders weit rechts wurde in Frankreich gewählt – ausgerechnet in jenem Land, in dem sich die Sozialisten unter François Hollande seit zwei Jahren redlich abmühen, das irdische Paradies ultimativer Gleichheit und maximaler Besteuerung zu erschaffen. Spannend sind die Reaktionen – vor allem auch aus Deutschland: Unsere Parteipolitiker sind es so gewohnt die Wähler zu maßregeln, zu bevormunden und umzuerziehen, dass man diese Aufgabe praktischerweise auch gleich für die Franzosen übernimmt … und für die Engländer, die Finnen, die Österreicher, etc.. Ein Siegeszug deutscher Betroffenheit, vor dem man auch im hintersten Winkel des Kontinents nicht sicher ist.

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Weiter so!
Was wird also das Ergebnis dieser Wahl sein? Natürlich wird sich die Politik vom Wähler nicht beirren lassen. In den Raumschiffen Brüssel und Berlin weiß man grundsätzlich einfach besser was für die Menschen wichtig und richtig ist als diese selbst. Sollten diese Menschen dagegen aufbegehren, dann ist das natürlich kein Anzeichen für Schwarmintelligenz, sondern blanker Populismus. Da trifft es sich gut, dass das europäische Parlament schwach ist und selbst amoklaufende Wutwähler dem Projekt „EU“ keinen ernsthaften Schaden zufügen können. Die Brüsseler Bunkermentalität wird sich durch das Wahlergebnis sogar noch verstärken. Der Helm wird fester geschnallt: „Weiter so! Mehr Europa!“ – was in der Praxis natürlich mehr EU heißt. Daneben werden die Fleischtöpfe für die Umerzieher sicher mit frischen Steuermilliarden der Umzuerziehenden gefüllt werden: Gegen rechts, gegen Euro-Phobie, gegen EU-Skepsis, etc. Gute Europäer werden wohl schon bald in der Erwachsenenbildung Kurse in der Art „Geschoren, gleich und glücklich – Wie werde ich ein besseres Schaf?“ belegen können – zunächst noch freiwillig.

 

2014-05-28 EURO

 

Unbeeindruckter Euro
Interessant war die Reaktion der Märkte. Am Wahlabend wurden im Wesentlichen erhobene Zeigefinger, sorgenvolle Stirnfalten und hängende Mundwinkel als Aushängeschilder für „Unser Europa“ präsentiert. Dennoch wurden die beschworenen Gefahren hinsichtlich eines Auseinanderbrechens von EU und Euro an den Märkten nicht sonderlich ernst genommen. Seit der Wahl handelt der Euro gegen den US-Dollar nämlich eher richtungslos und in einer engen Spanne (vgl. Abb.). Allerdings war er im Vorfeld der Wahl stärker zurückgefallen, was sich aber rein technisch auch als Folge des Fehlsignals vom 8. Mai erklären lässt (vgl. Markierung). An diesem Tag wurde zunächst ein mehrmonatiges Bewegungshoch erreicht, dem dann unmittelbar ein größerer Abverkauf folgte. Der Durchbruch durch die untere Begrenzung der Keilformation (rot) beschleunigte den Rückgang dann noch einmal. Das alles aber fand vor(!) der Wahl statt. Für das Kursgeschehen nach der Wahl gibt es im Wesentlichen drei Erklärungen: Erstens, das Ergebnis fiel ziemlich genau so aus, wie es der Markt erwartet hatte, weshalb es keinen weiteren Anpassungsbedarf gab. Zweitens, der Wahl wird unabhängig von deren Ausgang keine Bedeutung zugemessen. Drittens, es kam zu Marktreaktionen, gegen die aber interveniert wurde. Zur sharewise Community

 

2014-05-28 DAX

 

Magische 10.000er
Apropos Fehlsignal. Auch der DAX narrte die Anleger in den letzten Monaten häufig mit Fehlsignalen. Unmittelbar nach der Wahl konnte er sein bisheriges Allzeithoch überwinden. Eine starke positive Bewegung, die nicht recht zur europäischen Katerstimmung passte. Vielleicht haben sich die Wähler sogar mit ihrem Stimmverhalten vom vergangenen Sonntag selbst ins Aus geschossen. Die Politik habe nun leider das Vertrauen in die Völker Europas verloren, womit auch eine weitere Aufwertung des europäischen Parlaments – ein potenzieller Störfaktor – erst einmal keine Priorität haben wird. Damit würde die EZB als die letzte, uneingeschränkt handlungsfähige EU-Institution noch weiter in ihrer Schlüsselstellung aufgewertet werden. Wenn sich die Krise nach der Wahl zuspitzt, was aufgrund der ungeeigneten bisherigen Rettungsversuche durchaus zu erwarten ist, dann wird vor allem die EZB gefragt sein und die antwortet in jener Sprache, die sie unter Draghi am besten beherrscht – mehr billiges Geld! Andeutungen in dieser Richtung machte der EZB-Chef ja bereits vor der Wahl. Das aber sollte genug Rückenwind sein, um den DAX über die magische Marke von 10.000 Punkten zu hieven, die ohnehin in greifbarer Nähe ist (vgl. Abb, obere rote Linie).

 

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Fazit
Letzte Woche sprachen wir an dieser Stelle davon, dass sich das Kursgeschehen „in der Nähe der Allzeithochs abspielt, was grundsätzlich positiv“ sei. Ebenfalls positiv ist, wie sportlich der DAX jenes Wahlergebnis weggesteckt hat, das von der etablierten Politik als mittlere Katastrophe angesehen wird. Politische Börsen haben – wie Lügen – die sprichwörtlich kurzen Beine. Entscheidender als die Politik ist die Rolle der EZB. Die wird wohl weiter darauf bedacht sein, etwaige Friktionen durch frisches Geld weg zu bügeln – ein Spiel auf Zeit.

 

Ralf Flierl, Ralph Malisch

 

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