SIW 29/2014: „Die magische Sieben“

Konservierte Freude
Sollte es jemand noch nicht mitbekommen haben: Ja, wir sind Weltmeister! Am Sonntag holte die deutsche National-Elf in einem spannungsgeladenen Finale mit einem 1:0 in der Verlängerung ihren vierten WM-Titel. Wer dachte, damit sei die Sache gelaufen, der irrte. Am Montag erfreute uns die ARD nach der Tagesschau mit einem weiteren halbstündigen „WM Extra“, in dem man rund eine halbe Stunde noch einmal sehen konnte, was man entweder schon wusste oder was ohnehin nur mäßig interessant war. Den Vogel schießt allerdings die Online-Redaktion von bild.de ab: Noch heute Morgen – am Tag 3 nach dem vierten Weltmeister-Stern – prangten über den eigentlichen Meldungen des Tages noch ein halbes Dutzend Kästen mit weltmeisterlichen Nichtigkeiten – „Brot und Spiele“ in Vollendung. Auch für diejenigen, die sich jetzt, da die WM gelaufen ist, noch immer in Stimmung bringen und mit Fan-Artikeln ausstatten wollen, ist reichlich gesorgt. Die Vermarktungsmaschine scheint allerorten erst jetzt so richtig auf Touren zu kommen. Da werden prominent alle möglichen Varianten von mehr oder weniger offiziellen Weltmeister- und „Coming-Home“-T-Shirts angeboten. Es dürfte keine allzu gewagte Prognose sein, dass diese Fanartikel nun zügig aus dem Straßenbild verschwinden und bis zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich erst einmal Staub ansetzen werden. Konservieren wird sich die Jubelstimmung bis dahin jedenfalls nicht lassen, auch wenn der Mainstream geradezu krampfhaft versucht, das Thema „Spiele“ in den Schlagzeilen zu halten. Eine Gratwanderung ist das ohnehin, denn man will ja nicht unbedingt, dass die Massen „Deutschland!“ grölend durch die Straßen ziehen. Die kanalisierte Freude dient dem Establishment daher auch als Träger für diejenigen Botschaften, die unter das Volk gestreut werden sollen: Teamgeist, Vielfalt, etc. Zur sharewise Community

Verborgene Krise
Zur Befriedigung der Sensationsgier dienen dagegen Berichte von den mehr oder weniger fernen (Bürger-)Kriegsschauplätzen des Nahen und Mittleren Ostens oder aus der Ukraine. Schauer werden den Zuschauern allabendlich über den Rücken gejagt, angesichts jener Mischung aus Grausamkeit und Rückständigkeit, die mancherorts eine ebenso alltägliche wie explosive Mischung zu sein scheinen. Da fühlt sich Otto Normalzuschauer zuhause doch gleich viel wohler und sicherer. Was die Strippenzieher und Apparatschiks in Berlin und Brüssel gegen die eigenen Bürger aushecken, verblasst angesichts der gezeigten Monstrositäten und ist ohnehin viel zu abstrakt, als dass man es der breiten Masse vermitteln könnte. Da bedarf es schon eines geschärften Blicks und einer abgeklärten Perspektive, um zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. Dies tat beispielsweise gestern der Professor für Volkswirtschaftslehre und Politische Ökonomie, Roland Vaubel, im Rahmen der „Münchner Wirtschaftsgespräche“. Vaubel ließ nicht nur die beispiellose Kette von staatlichen Vertrags- und Rechtsbrüchen im Rahmen der sogenannten Euro-Rettung Revue passieren, er wies auch darauf hin, dass der angeblich positive Primärsaldo des griechischen Staatshaushalts wieder einmal nur das Ergebnis umfangreicher Tricksereien sei. Sein und Schein eben. Recht und Gesetz – so will uns scheinen – müssen hierzulande nur noch von den Steuerzahlern auf Punkt und Komma befolgt werden. Dies aus „gutem“ Grund, denn irgendjemand muss für die auf vielen Politikfeldern angerichtete Malaise schließlich bezahlen.

 

2014-07-16 Bund

 

In einsamen Höhen
Eine atemberaubende Bewegung hat der Bund-Future in den letzten Monaten gezeigt. Was zum Jahresende 2013 noch nach einer möglichen Topp-Bildung aussah (Abb., Durchbruch der roten Unterstützung), wurde mit einem erneuten Aufwärtsschub nach oben aufgelöst (blaue Trendlinie). Preiswert waren Bundesanleihen schon vor der jüngsten Bewegung nicht. Heute – nach dem Erreichen neuer historischer Hochs – sind sie es erst recht nicht. Während die 10jährige Bundesanleihe aktuell bei rund 1,20% p.a. rentiert, bringen es die vergleichbaren US-Treasuries mit 2,55% auf mehr als das Doppelte. Auf ein Jahr erhält man beim Bund sogar einen Zinssatz von ziemlich genau Null. Auch wirkt die Bewegung der letzten Monate, die wie an der Schnur gezogen nach oben läuft, irgendwie unnatürlich. Als sicher darf gelten, dass einige EU-Institutionen (ESM, EZB, …) auch bei Staatsanleihen als Käufer aktiv waren. Allerdings beschränkt sich das auf die Anleihen der europäischen Problemstaaten. Die „Bunds“ dürften dagegen vor allem von ihrem Nimbus als „Save Haven“ profitieren. Der künstlich verkleinerte Abstand zu den Renditen der deutlich schwächeren Schuldner, wird die Entscheidungen für „sichere“ Bundesanleihen erleichtert haben. Allerdings verkennt diese Denkweise, dass Deutschland inzwischen vorsätzlich und tief in die Haftung einer künstlich erzeugten Schuldenschicksalsgemeinschaft verwoben wurde. Die Frage bleibt dennoch, warum schätzen die Marktteilnehmer derzeit die lausig verzinste Sicherheit der deutschen Anleihen so viel mehr als die der amerikanischen, wo die Krise doch angeblich im Griff ist?

Vermögensabgabe bleibt Thema
Auch das wiederholte Gerede von einer möglichen Vermögensabgabe passt nicht zu einer heilen Welt. Das sind keine Hirngespinste von „Verschwörungstheoretikern“, sondern die ersten Versuchsballons einiger höchst versierter Verschwörungspraktiker. Den Stein ins Rollen brachte im Oktober 2013 der IWF (wir berichteten ausführlich in SIW 43/2013 und in den nachfolgenden Printausgaben ab Smart Investor 11/2013). Damals agierte der IWF schon unter seiner frisch gebackenen Chefin, Christine Lagarde, die sich schon angesichts der „Euro-Rettung“ – damals noch als französische Wirtschafts- und Finanzministerin – freimütig zum Vertragsbruch bekannte. Für ihre weitere Karriere erwies sich das, ebenso wie frühere Affären, nicht etwa als Stigma, sondern geradezu als Empfehlung für höhere Aufgaben. An der nötigen Skrupellosigkeit mangelt es der Frau jedenfalls nicht. Im Januar 2014 sprang die Bundesbank den IWF-Überlegungen scheinbar bei und dachte ebenfalls laut über eine Heranziehung der Sparer zur Haushaltssanierung nach. Im Gegensatz zum IWF sah man diese jedoch auf die Krisenländer und die dortigen Sparer begrenzt. Man kann das durchaus als Erwiderung auf die Idee einer allgemeinen „Schulden-Steuer“ von 10% bewerten, mit der der IWF schwerpunktmäßig die deutschen Sparguthaben ins Visier genommen hatte – dort denkt man eben global. Inmitten der Fußball-WM tauchte dann ein weiteres IWF-Arbeitspapier auf. Mit der angedachten “Neu-Profilierung” von Staatsschulden stehen diesmal die Gläubiger von Staatsanleihen angeschlagener Staaten im Mittelpunkt einer Restrukturierung. Das Ganze ist natürlich hochgradig widersprüchlich, da auf der anderen Seite ja das Interesse besteht, eben diese Papiere zu möglichst hohen Preisen im Publikum abzusetzen. Zur sharewise Community

Die Magie der Madame Lagarde
Der Umstand, dass das Thema „Vermögensabgabe“ am Köcheln gehalten wird, bedeutet jedenfalls für Gläubiger – sowohl gegenüber Banken als auch gegenüber Staaten – perspektivisch nichts Gutes. Am Drücker sitzen die Schuldner. Insofern könnte die erneute Flucht in Bundesanleihen tatsächlich ein Vorbote einer einschneidenden Maßnahme sein, da diese zunächst hochwahrscheinlich ungeschoren bleiben dürften. Schließlich wird die Bundesrepublik derzeit noch als der Einäugige unter den ansonsten blinden Schuldenkönigen wahrgenommen.

Hinsichtlich eines möglichen Datums für einen möglichen Schuldenschnitt wird viel orakelt. Viral – also mit mehr als 220.000 Klicks für eine Technokratin ungewöhnlich oft aufgerufen – wurde ein Redeausschnitt von Christine Lagarde aus dem Januar 2014 (englisch). Dort beschäftigt sie sich vor dem „The National Press Club“ mit für ihr Amt doch ziemlich ungewöhnlichen Zahlenspielereien. Ihre Überlegungen, die sie im Tonfall halb scherzhaft vorträgt, kreisen um die „magische Sieben“ und das Jahr 2014, das „in vielerlei Hinsicht ein magisches Jahr“ sei. Hui! Sie spricht von Quersummen und stellt – auch das äußerst ungewöhnlich für ihre Position – öffentlich numerologische Überlegungen an. Dass sie dann auch noch fast zusammenhangslos G7 und G20 ins Spiel bringt, wird in dem Beitrag als Hinweis auf ein Datum interpretiert – den 20.7.! Dies wäre ein Sonntag und von daher grundsätzlich ein für außergewöhnliche Maßnahmen geeigneter Tag. Zwar fehlt im Moment der öffentlich wahrnehmbare Krisenvorlauf, der einschneidende Maßnahmen als notwendig und gerechtfertigt erscheinen lässt. Andererseits müssen Maßnahmen, wie eine „Schuldensteuer“ auf Bankkonten – was gegenüber einer umfassenden Vermögenssteuer die „kleine Lösung“ darstellt, überraschend erfolgen. Rätselhaft mutet zu alledem der Autor des Videos an, der sich hinter dem Kürzel „ACITHWOTE“ verbirgt. Es ist bislang sein einziger Beitrag bei Youtube. Da wir in unserem Musterdepot derzeit eine Cash-Position von gut 37.000 Euro aufweisen, wollen wir hier nach dem Motto „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ reagieren. Mehr dazu unter den Musterdepots. Am Montagmorgen wissen wir mehr.

 

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Fazit
Nach der Fußball-WM erholt sich Deutschland nur langsam vom feucht-fröhlichen Ausnahmezustand. Bemerkenswert erscheinen uns die kryptischen Bemerkungen der IWF-Chefin Lagarde aus dem Januar 2014. Ob sie in ihren launigen Ausführungen tatsächlich geheime Botschaften versteckt hatte, wissen wir spätestens am kommenden Montag.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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