Löcher in der Matrix – Heikle Themen

„Regierung will härter gegen Sozialmissbrauch vorgehen“ (faz.net, 12.8.2014)

Es gibt Themen, die sind so heikel, dass sich der Mainstream schwer tut darüber zu berichten, ohne dass die berüchtigte Schere im Kopf rotiert. Zuwanderung ist so eines, wo zwischen Propaganda und Realität inzwischen ein ziemlicher Graben zu klaffen scheint. Da gibt man sich dann gerne verwundert, dass – entgegen amtlicher Einschätzungen – mit dem Inkrafttreten der vollständigen Freizügigkeit für die EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien nicht ausschließlich Fachkräfte ins Land strömten. Es soll sogar zu Fällen von Sozialmissbrauch gekommen sein. Dem Vernehmen nach füllten sich die Kassen einiger Kommunen unter dem Ansturm der neuen Arbeitnehmer nicht. Vielmehr sollen sie sich geleert haben  – und das noch rascher als man das alleine hingebracht hätte. Eine Staatssekretärsrunde nahm sich daher der „sogenannten Armutszuwanderung“ an und arbeitete Vorschläge aus. Im Wesentlichen laufen diese auf eine Entlastung der Kommunen hinaus – zum Beispiel durch Belastung der Krankenkassen oder des Bundeshaushalts. Wie aber sage ich das dem Bürger? Die klugen Köpfe hinter faz.net formulierten die Überschrift ein und desselben Artikels mehrfach um, erzielten aber nur ein unbefriedigendes Ergebnis.

Erster Versuch:

  Armut1a

Beim Erstling war allerdings gleich etwas gründlich schiefgelaufen. Prominent prangte da das Wort Armutszuwanderung – ganz ohne einschränkende Gänsefüßchen oder das im Artikeltext vorangestellte „sogenannte“. Ließ uns denn der selbsternannte Sprachwächterrat anlässlich der Ächtung des Wortes „Sozialtourismus“ zum Unwort des Jahres 2013 nicht unmissverständlich wissen, dass dieses nur eines in einem ganzen „Netz weiterer Unwörter“ sei?! Dazu gehörten demnach auch die „Einwanderung in die Sozialsysteme“ und eben die „Armutszuwanderung“. Phänomene die, so das Kalkül, niemanden mehr aufregen würden, wenn man sie nicht mehr benennen könnte. Offiziell gab es das alles ohnehin nicht. Irgendjemand in der Redaktion muss den Warnschuss der Sprachgouvernanten dann aber wohl doch noch gehört haben. Es folgte eine Umformulierung … und eine weitere, die offenbar die endgültige Fassung sein soll:

 Armut3a

Das „Unwort“ wird in dezentem Grau und kleiner Schriftgröße aus der Überschrift verbannt, wo nur noch eine allgemeine Absichtserklärung gegen „Sozialmissbrauch“ verbleibt. Das zumindest ist in der Gesellschaft derzeit noch konsensfähig. Andererseits könnte der aufmerksame Leser immer noch mitbekommen, worum es geht: „Viele Städte ächzen unter einer steigenden Zahl von Migranten.“ Geht gar nicht. Wer staatliche Vorgaben so lieblos umsetzt, dem gewähren wir gerne etwas politisch korrekte Formulierungshilfe. Etwa so:

Armut4

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