Smart Investor 12/2014 – „Hohe Qualität zu moderaten Preisen“

Smart Investor im Gespräch mit Friedrich Bensmann, Fondsberater und Analyst der Heemann Vermögensverwaltung GmbH, dem derzeit Führenden im dab-Depot-Contest 2014 für Vermögensverwalter.

 

Bensmann FriedrichFriedrich Bensmann ist freiberuflicher Fondsberater und Analyst der Heemann Vermögensverwaltung GmbH in Gronau/Westfalen. Als verantwortlicher Portfolio-Manager für den Depot-Contest liegt er derzeit mit seinem Depot der Kategorie „Ausgewogen“ mit einem Anstieg von aktuell +14,6% für das Jahr 2014 auf dem ersten Rang aller 26 teilnehmenden Vermögensverwalter (Kategorien: „Sicherheit“=20% Aktien, „Ausgewogen“=50% Aktien, „Chance“=80% Aktien).

Der Contest kann hier laufend nachvollzogen werden.

 

Smart Investor: Herr Bensmann, im laufenden „Depot-Contest 2014“ der dab-Bank sind Sie mit dem Depot der Heemann Vermögensverwaltung GmbH aktuell auf Rang 1. Haben Sie einfach nur Glück gehabt?

Bensmann: Glück kommt sicher immer mit dazu, aber ich würde schon für uns in Anspruch nehmen, dass wir weniger Fehler als die Konkurrenz gemacht haben.

Smart Investor: Seit Anfang des Jahres haben Sie gut 14% zugelegt, der DAX ist etwa da, wo er gestartet ist. Woher kommt Ihre deutliche Outperformance?

Bensmann: Lassen Sie mich von der negativen Seite anfangen. Wir haben so gut wie keine großen Verlustbringer gehabt. Zyklische Aktien, Goldminen, Turnaround-Werte oder Deep-Value-Titel haben wir konsequent gemieden. Auf der Aktienseite hielten wir bis April/Mai überwiegend europäische Small Caps. Aufgrund der positiven Makrozahlen sind wir dann leicht in Richtung Emerging Markets geschwenkt. Ab Juli/August haben wir verstärkt auf US-Werte gesetzt – auf große, bekannte Titel, wie Apple oder den Pharmabereich. Wir kaufen hohe Qualität zu moderaten Preisen. Nach den Turbulenzen der Monate September/Oktober sind wir jetzt wieder fast vollständig investiert.

Smart Investor: Nach dem Reglement müssen Sie 50% in Anleihen investieren, wie war dort Ihr Vorgehen?

Bensmann: Hier hatten wir stark auf Emerging-Markets-Bonds gesetzt, die teilweise auch auf US-Dollar-Basis notiert waren. In letzter Zeit halten wir verstärkt US-Bonds. Alleine durch den USD-Anstieg seit Mitte des Jahres konnte man ca. 3 bis 4% machen.

Smart Investor: Und was macht die Konkurrenz falsch?

Bensmann: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, aber in meinen Augen wird oft der Fehler gemacht, Verluste ausufern zu lassen. Professionelle Vermögensverwalter brauchen ein professionelles Verlustmanagement, damit kleine Verluste nie groß werden.

Smart Investor: Wird Value Investing oft falsch verstanden?

Bensmann: Definitiv. Es gibt viele Fallstricke beim Value Investing. Wenn man beispielsweise eine E.on oder RWE nach den Kursverlusten in der Annahme gekauft hat, dass das Kurs-Buchwert- oder Kurs-Gewinn-Verhältnis nun günstig sei, dann hat man nicht berücksichtigt, dass das Geschäftsmodell in der alten Form kaputt ist. Bei einem erodierenden Geschäftsmodell auf Value zu setzen, ist fatal. Weitere Value-Fallen sind Makro-Value-Fallen wie Russland. Das ist häufig ein Ratespiel nach dem Motto: Tiefer kann es nicht mehr fallen. Die meisten Value-Investoren haben gar nicht die Fantasie, sich vorstellen zu können, wie tief etwas noch fallen kann.

Smart Investor: Halten Sie im Falle von Russland den Deep-Value-Gedanken nicht auch für verlockend, wie dies unsere früheren Interviewpartner David Iben (SI 9/2014, S. 74) oder Michael Keppler (SI 7/2014, S. 74) tun?

Bensmann: Bei Deep Value kauft man häufig auch etwas, das zu Recht billig ist. Russland ist hochgradig öllastig. Sicherlich, nach den Kurs-Gewinn-Verhältnissen sind Ölwerte extrem billig, aber Öl und Ölaktien sind auch seit Wochen im freien Fall. Diese Leute greifen ständig in die berühmten fallenden Messer.

Smart Investor: Was halten Sie von einer Kombination mit technischen Indikatoren?

Bensmann: Ich halte generell wenig von Technischer Analyse, zumindest wenn es um Chartformationen geht. Dennoch wollen wir einen Aufwärtschart, zumindest aber einen Seitwärtschart sehen, wenn wir kaufen. Ein echter „Value-Apostel“ würde ja umso mehr kaufen, je weiter es fällt. Das machen wir auf gar keinen Fall.

Smart Investor: Einen solchen Aufwärtschart gibt es ja derzeit bei der Apple-Aktie, welche auch in Ihrem Depot ist. Ist dieses Investment charakteristisch für Ihren Value-Stil?

Bensmann: Richtig. Für Deep-Value-Fanatiker kommen die Papiere, die wir anfassen, eigentlich nicht in Frage. Wir suchen Qualität, nicht Schrott. Erst dann setzen wir den Value-Hebel an und fragen uns, ob wir diese Qualität zu moderaten Preisen bekommen. Die fundamentale Kennziffer, die in unseren Augen in erster Linie Qualität kennzeichnet ist der freie Cash-Flow im Verhältnis zum Umsatz. Eine klassische Bewertungsziffer für die Preiswürdigkeit dieser Qualität wäre der Free-Cash-Flow im Verhältnis zur Marktkapitalisierung.

Smart Investor: Sie sind also näher an Warren Buffett als an Benjamin Graham?

Bensmann: Ganz richtig. Ich glaube, dass Buffett in vielen Fällen vollkommen fehlinterpretiert wird. Viele „Value-Investoren“ machen gar nicht das, was Buffett macht. Graham ist im Grunde genommen derjenige, der den Schrott gekauft hat. Buffett dagegen investiert in Qualitätsaktien.

Smart Investor: Was zeichnet beispielsweise Ihren Depotwert Dr. Pepper Snapple Group (WKN A0MV07; IK) aus?

Bensmann: In erster Linie hat die Branche Charme. In der Konsumbranche sind die Schwankungen gering. Zudem handelt es sich um einen Qualitätstitel, der auch in schwachen Märkten stabil war und trotzdem einen sehr hohen Free-Cash-Flow zum Umsatz aufweist. Ein wenig Übernahmefantasie gibt es obendrein.

Smart Investor: Apropos Branchen. Welche performen eigentlich langfristig am besten?

Bensmann: Langfristig sind das die Warren-Buffett-Branchen: Consumer Staples – v.a. Nahrungsmittel, Getränke und Tabak –, Healthcare und die Versorger. Hier ist auch in Bärenmärkten die größte Stabilität. Der Gedanke der Margin of Safety, der von reinen Value-Aposteln ins Feld geführt wird, ist absurd. In der Krise der Jahre 2008 bis 2009 sind die Preise der Deep-Value-Fonds sogar viel stärker gefallen als die Indizes.

Smart Investor: Wie ist Ihre weitere Markteinschätzung?

Bensmann: Prognosen halte ich grundsätzlich für unmöglich. Was wir aber machen, ist eine detaillierte Analyse bis zum aktuellen Börsentag – und das reicht auch. Derzeit sehen wir stark divergierende Märkte. In den USA und einigen Emerging Markets wie Indien haben wir laufend neue Hochs in Qualitätsaktien, ohne dass hier falsche Ausbrüche („false breakouts“) zu sehen waren – also solche, die wieder zurückfallen. In Europa ist die Situation viel skeptischer zu beurteilen. Beobachten Sie genau, in welchen Märkten die neuen 52-Wochen-Hochs überwiegend halten!

Smart Investor: Gibt es weitere Argumente für Ihre Zurückhaltung gegenüber Europa?

Bensmann: Ich sehe mit Ausnahme von Spanien in Südeuropa eigentlich keine echten Strukturreformen. Solange sich da nicht richtig was tut, sehe ich nicht viele Chancen. Es sei denn, Herr Draghi eifert der Bank of Japan nach. Dann allerdings müsste man Europa anders beurteilen.

Smart Investor: Vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen und weiterhin viel Glück beim dab-Depot-Contest.

Interview: Ralf Flierl, Ralph Malisch