SIW 03/2015: Hand in Hand

Wie erwartet
Heute wurde das mit mäßiger Spannung erwartete Rechtsgutachten des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof (EuGH), Pedro Cruz Villalón, veröffentlicht. Natürlich stärkte der Generalanwalt der EZB den Rücken in der Frage, ob diese massenhaft Staatsanleihen ankaufen dürfe. In dieser reichlich kostspieligen Komödie geht es wohl gemerkt um Papiere, die nach menschlichem Ermessen niemals real zurückgezahlt werden – also um reine Subventionen. Um der ganzen Angelegenheit wenigstens den Anschein einer gewissen Sachlichkeit zu geben, formulierte der Generalanwalt auch noch einige Einschränkungen für den sich abzeichnenden, neuen Staatsanleihen-Kaufrausch. So müsse die EZB ihr Vorgehen „gut begründen“ – und auch „verhältnismäßig“ soll es sein. Nachdem die EZB-Spitze um schöne Worte für ihre Taten noch nie verlegen war und die Verhältnisse in der Eurozone so mäßig sind, dass sich mit dieser Kaugummivorgabe praktisch alles rechtfertigen lässt, hat EZB-Chef Draghi künftig also de facto freie Hand. Dass der Generalanwalt Spanier und der EZB-Chef Italiener ist, beide also aus Ländern stammen, die bei einer erneuten Verschärfung der Eurokrise (vgl. SIW 02/2015) vermutlich auch selbst in den Genuss der EZB-Maßnahmen kommen werden, dürften nur Schelme erwähnenswert finden. Schließlich haben wir alle gelernt europäisch zu denken. „Europäisches Denken“ heißt in diesem Zusammenhang aber, dass es vollkommen undenkbar war, dass eine EU-Institution der anderen in die Suppe spuckt. Schließlich ziehen nicht nur alle am gleichen Strang, sondern – und das war im politischen Geschäft durchaus nicht immer so – auch noch alle in die gleiche Richtung. Während ein Nationalstaat eine Staatskrise durchaus überstehen kann und oftmals sogar gereinigt daraus hervorgeht, würde das Gebilde „EU“ an einer nicht zu bändigenden Euro-Krise wohl insgesamt untergehen. Insofern würde mit dem Euro zwar nicht Europa, wohl aber die EU in ihrer aktuellen, kafkaesken Ausprägung scheitern. So bleibt aber alles erst einmal beim Alten: Im „EU-Parlament“ wird Legislative gespielt und im EuGH Judikative. Die großen Medien und Staatssender begleiten dieses Treiben wohlwollend, indem sie Journalismus spielen. Das Ganze nennt sich dann Gewaltenteilung. Gehandelt wird aber weiterhin nur in der EU-Kommission und vor allem in der EZB. Letzteres stellte deren Chef Draghi gleich heute Morgen unter Beweis, als er in engem zeitlichen Zusammenhang mit den Verlautbarungen des EuGH-Generalanwalts wissen ließ, dass die EZB bereit stünde, Staatsanleihen zu kaufen. Dies geschehe im Kampf gegen die niedrige Inflation, unter der der Euroraum angeblich „leide“. Besonders stark leiden derzeit bekanntlich die europäischen Verbraucher an den Zapfsäulen. Auf gut Deutsch: Die EZB ist mit frisch gestärktem Rücken nun fest entschlossen, durch massenhafte Staatsanleihekäufe und eine explizite Inflationspolitik genau diese Kaufkraftgewinne bei den Bürgern der Eurozone wieder abzuschöpfen. Zur sharewise Community

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Kurzer Freudensatz
Nachdem der DAX heute Morgen noch schwach eröffnete, katapultierte ihn die Aussicht auf eine erneute Flutung des Systems mit frischen Draghi-Euros wieder über die Nulllinie. Natürlich hat diese Politik einen Preis. Der Euro kennt seit einem knappen Jahr nur einen Weg – den nach unten. Dabei liegt die Messlatte mit dem US-Dollar wirklich nicht hoch. Für einen USD-basierten Anleger relativiert sich daher die zuletzt gute Kursentwicklung unseres Leitindex deutlich (vgl. Abb. 1, blaue Linie). Während mit deutschen Aktien nicht einmal die Währungsverluste ausgeglichen werden konnten, notieren Dow Jones & Co. in der Nähe ihrer Allzeithochs. Vielleicht mag diese Perspektive etwas an den Haaren herbeigezogen erscheinen, aber mit der zunehmenden „Liraisierung“ des Euro kann man Kurs- und Preisentwicklungen innerhalb des Währungsraums kaum mehr ohne die Kursentwicklung der Währung selbst denken. Auch die DAX-Komponenten spiegeln dieses Thema wieder, während die großen Exporteure – Fahrzeugbau, Maschinenbau und Chemie – als Profiteure des Währungsverfalls teils sogar auf Allzeithoch notieren, bleiben andere Titel vernachlässigt. Die Geschäftsmodelle der beiden großen Energieversorger, die einst als Witwen- und Waisenpapiere galten, wurden durch die Energiewendepolitik sogar regelrecht zerstört.

Januar-Orakel
Der Kursentwicklung im Januar wird ohnehin immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Bücher sind nach dem Motto „Neues Spiel, neues Glück“ wieder geöffnet und es wird nach Orientierung gesucht. Bekannt sind die sogenannten Januar-Effekte, nach denen entweder der Januar insgesamt, oder aber die ersten fünf Handelstage, eine Art Prognosekraft für das ganze Jahr haben sollen (vgl. Smart Investor 1/2013, S. 40f). Nach der 5-Tage-Regel sollte der Fehlstart zum Handelsauftakt zu einem eher bescheidenen Börsenjahr 2015 führen. Allerdings wurde diese Entwicklung durch den nachfolgenden Kursaufschwung schon wieder egalisiert. Zwischenzeitlich rettete sich der DAX sogar schon wieder ins Plus. Sollte dieses Plus bis zum Monatsende gehalten oder ausgebaut werden können, dann stünde hinsichtlich der Januareffekte Aussage gegen Aussage. So schlecht, wie von vielen Beobachtern erwartet, dürfte das Auftaktquartal aber nicht ausfallen. Für das Gesamtjahr sind wir ohnehin recht optimistisch. Die Anlagegelder werden im Umfeld von Nullzins und Gelddruckerei schon ihren Weg in die Aktienmärkte finden. Zur sharewise Community

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„Goldstreif“ am Horizont
Da wir schon von den neuen Gelddruckorgien der EZB sprechen, geht unser Blick fast automatisch zu den Edelmetallen. Wenn eine Gruppe von Anlegern in den letzten Jahren Leidensfähigkeit bewiesen hat, dann waren das die Gold- und Silberinvestoren. Seit dem Hoch im Jahre 2011 verlor Gold in der Spitze über 40%. Aus Sicht der Euro-Anleger waren die Verluste allerdings nicht annähernd so dramatisch, da die Euro-Schwäche dämpfend wirkte. Mittlerweile ist Gold so „out“, dass selbst auf der Internationalen Edelmetall- und Rohstoffmesse im Herbst letzten Jahres in München überwiegend Skepsis hinsichtlich der weiteren Preisentwicklung zu hören war. Wenn nicht einmal mehr die Goldbugs an Gold glauben, dann ist das sentimenttechnisch ein gutes Zeichen. Auch die Chartsituation hat sich deutlich aufgehellt. Der seit rund sechs Monaten währende Abwärtstrend konnte jüngst überwunden werden. Aktuell kratzt der Preis an einem Abwärtstrend, der bis in das Jahr 2012 zurückreicht. Auch kann man in der Kursentwicklung der letzten Monate eine untere Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation entdecken. Möglicherweise wurde hier also bereits ein tragfähiger Boden ausgebildet. Zwar befindet sich Gold im Verhältnis zu den großen US-Aktienindizes noch immer im Abwärtstrend, etliche Goldminenaktien konnten in den letzten Wochen aber bereits Kurssprünge im hohen zweistelligen Prozentbereich vorweisen.

Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Veranstaltungshinweis
Ab kommenden Sommersemester 2015 bietet Ralph Bärligea – Gründer und Leiter der wissenschaftlichen Hochschulgruppe „Friedrich August von Hayek-Gesprächskreis“ an der Universität Passau – folgende Kurse im Studium generale, Fachgebiet Wirtschaftswissenschaft an der Münchner Volkshochschule an: „Der Strom der Güter und Leistungen – wie die Wirtschaft funktioniert“, „Ursachen der Immobilien- und Finanzkrise 2008 bis heute und Lösungswege“, „Die Utopie einer freien Geldordnung ohne Zentralbankmonopol“. Eine detaillierte Kursbeschreibung und ein Profil des Dozenten finden Sie hier.

Die Kurse werden jeweils eine Doppelstunde pro Woche einnehmen und können an jeweils unterschiedlichen Standorten der Volkshochschule in München stattfinden. Genaue Angaben über Kosten, Uhrzeiten und Räumlichkeiten stehen ab März/April vor Semesterbeginn zur Verfügung. Die Kurse sind i. d. R. auf 25 bis 30 Teilnehmer begrenzt und werden um die 100,- bis 150,- € pro Teilnehmer kosten. Zeitliche Flexibilität ist von Vorteil, da die Kurse je nach Präferenz der Teilnehmer auch werktags und tagsüber stattfinden können. Ob die Kurse zu Stande kommen, hängt von der Anzahl der Interessenten ab: Vorabanmeldungen sind bei der Leiterin des Studium generale, Frau Ute Stratemeier unter ute.stratemeier@mvhs.de und Telefon (0 89) 72 10 06-44 möglich, wo Sie auch weitere Informationen und eine Orientierungshilfe erhalten.

 

SI 1!15klein  Titelthema: Kapitalmarktausblick 2015

 

  Russland: Putins Reich im Fadenkreuz

 

  Geld-Theorien: Was macht eine gute Geldordnung aus?

 

  Buybacks: Weniger ist manchmal mehr

 

  und viele weitere Themen um Börse, Wirtschaft und Politik!

 

Fazit
Draghi handelt und der EuGH spurt – nichts Neues also in der Eurozone. Für Aktien und Gold ist das absehbare weitere Aufblähen der Papiergeldsphären grundsätzlich positiv. Dennoch sollte man sich stets vergegenwärtigen, dass hier nicht echte Wertsteigerung zu bestaunen ist, sondern lediglich die Effekte einer verantwortungslosen Geldpolitik.

 

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch

 

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.