Smart Investor 1/2015 – “Aktiv- statt Passivgeld“

Dr. Thomas Mayer, früherer Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heute Gründungsvorstand des Flossbach von Storch Research Institutes, über Wege und Chancen einer neuen Geldordnung

Smart Investor: Dr. Mayer, wie haben Ihre früheren Kollegen vom IWF, von Goldman Sachs oder der Deutschen Bank auf Ihre neue Sicht der Dinge reagiert?
Mayer: Persönlich ist das Verhältnis immer noch gut. Fachlich habe ich aber schon das Gefühl, dass die mich jetzt so ein bisschen als Abtrünnigen und Esoteriker ansehen.

Smart Investor: Wie wurden Sie eigentlich zum Kritiker des Systems? War das ein schleichender Prozess oder ist Ihr „Weltbild“ schlagartig gekippt?
Mayer: Der Prozess war zunächst schleichend und ist dann gekippt. Schleichend war er insofern, als mir schon nach dem Platzen der Internetblase große Zweifel am gängigen Paradigma in der Makroökonomie und der Finanztheorie kamen. Zu dieser Zeit war es auch, dass ich wieder intensiver mit dem Hayekschen Investment-Boom-und-Bust-Zyklus in Kontakt kam. Es ist ein Unterschied, ob man das nur irgendwann mal hört oder liest, oder ob man es praktisch erfährt. Ich war also durch das Geschehen sensibilisiert. Als sich dann die Immobilienblase abzeichnete, habe ich die ersten kritischen Kommentare geschrieben, war aber nie konsequent genug. Als das Ausmaß der Probleme sichtbar wurde, konnte und wollte ich nicht länger um den heißen Brei herumreden. Wenn man nach einem solchen Jahrhundertereignis die Dinge nicht grundsätzlich hinterfragt, dann verpasst man als Volkswirt die Chance seines Lebens, tief in die Dinge einzusteigen.

Smart Investor: Was war nach Ihrer Auffassung die Ursache der Immobilienkrise?
Mayer: Das Geldsystem ist das Problem. Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) und all die anderen Kapitalismuskritiker verstehen das Geldsystem nicht und lasten deshalb der Marktwirtschaft Dinge an, die aus der Geldordnung heraus entstehen. Das Kreditgeldsystem begünstigt die Schuldner und benachteiligt diejenigen, denen keine Kredite gegeben werden. Die Verteilungseffekte der Geldschöpfung hatte schon Richard Cantillon, ein französischer Bankier im frühen 18. Jahrhundert, erkannt, während diese Einsicht an Karl Marx vorbeiging. In unserer Zeit hat ein „Mainstream-Ökonom“, Raghuram Rajan, der heutige Gouverneur der indischen Zentralbank, ein vielbeachtetes Buch („Fault Lines“) geschrieben. Tenor: Als klar wurde, dass der amerikanische Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ im Rahmen der Globalisierung nicht mehr realistisch war, hat man versucht, die Leute durch Kredite zu beglücken. Das ganze „Subprime“-Segment entstand in erster Linie, um neue Kreditnehmerschichten zu erschließen und ihnen aus wahltaktischen Gründen die Segnungen der Kreditgeldschöpfung zukommen zu lassen. Das war keine Erfindung der Banken, sondern ein politischer Auftrag, um Wählerstimmen zu gewinnen. Neo-Marxisten wie Piketty übersehen den Beitrag des Geld- und Finanzsystems zu den Problemen der ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung, die sie beklagen.

Smart Investor: Was ist denn konkret der Fehler des Geldsystems?
Mayer: Das Problem ist, dass in unserem Kreditgeldsystem das Geld über die Kreditvergabe der Banken produziert wird. Das führt, wie die Österreicher, aber auch andere argumentiert haben, inhärent zu Instabilitäten: Durch die Kreditvergabe aus dem Nichts werden Investitionen angestoßen, von denen nicht klar sei, ob sie überhaupt durch reale Ersparnisse gedeckt sind. Erst mit der zunehmenden Fertigstellung stellt sich heraus, ob die reale Ersparnis ausreicht, sie zu vollenden. Werden zu viele Investitionsprojekte angestoßen, kommt es im Verlauf der Verwirklichung dieser Projekte zum Kapitalmangel. Dieser Mangel treibt dann den Zins nach oben, viele Projekte werden unrentabel und müssen abgebrochen und schließlich abgeschrieben werden. Deshalb kommt es nach dem Investitionsboom zum Bust.

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„Die neue Ordnung des Geldes“, Thomas Mayer, FinanzBuch Verlag, 1. Auflage, 256 Seiten, 17,99 EUR

Smart Investor: Sie schlagen eine Aktivgeldordnung vor. Was ist das und worin besteht der Unterschied zum Vollgeld?
Mayer: Das Aktivgeld überlappt sich mit dem Vollgeld insofern, als auch ich die private Geldschöpfung über Kreditgewährung der Banken beenden will. Dennoch ist Aktivgeld von der Konstruktion her etwas ganz anderes. Vollgeld ist „Passivgeld“, also ein Finanzinstrument für den Staat. „Aktivgeld“ ist dagegen ein Vermögenswert, ein „Aktivum“. Geld kann ein Tauschmittel sein, in der Vergangenheit meist eine Ware mit besonderen Eigenschaften. Diese zum Tauschmittel gewordene Ware – beispielsweise Gold und Silber – ist ein Vermögenswert und Aktivposten in einer Bilanz. Auf der anderen Seite kann Geld ein Maß für Schuld sein. Manche Anthropologen sagen, dass in primitiven Gesellschaften der wirtschaftliche Austausch in einem Geben und Nehmen bestand, bei dem „mentale Konten“ geführt wurden. Daraus wurden mit wachsender Komplexität Zahlenkonten zum Ausdruck der Schuldbeziehungen. Führt man eine Maßeinheit ein, dann ist das Geld. In den alten Hochkulturen führte der Staat diese Bücher – Geld also ein Maß für Schuld und von daher auf der Passivseite einer Bilanz. Wenn der Staat dieses Maß bestimmt und herausgibt, dann kann er verlangen, dass der Untertan damit die Steuern bezahlt, und er kann diese Maßeinheit benutzen, um sich darin zu verschulden.

Smart Investor: Sie schlagen aber ein Aktivgeld vor, das eben nicht Gold oder Silber ist, sondern „durch den guten Willen der Bürger gedeckt“ ist?
Mayer: Aktivgeld wird grundsätzlich durch das Vertrauen gestützt, dafür ein Gut, das man sich wünscht, jetzt oder in der Zukunft eintauschen zu können. Früher hat eine für den Tausch besonders gut geeignete Ware dieses Vertrauen buchstäblich verkörpert. Heute kann man sich aber auch virtuelles Warengeld vorstellen. Denken Sie an den Bitcoin, das ist ein erster Versuch eines virtuellen Warengelds. Warum kann man sich das vorstellen? Weil eben nicht die Ware selbst zählt. Was zählt, ist das Vertrauen, dass ich diese Ware benutzen kann, um das Gut, das ich wirklich möchte, jederzeit zu bekommen. Ich sehe nicht, warum das heute noch an eine physische Ware gebunden sein muss. Was ich Aktivgeld nenne, ist also immaterielles Warengeld. Mit den Befürwortern von Vollgeld verbindet mich, dass auch ich die öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP) zur Geldproduktion, in der staatlich lizenzierte Banken durch Kreditvergabe Giralgeld als privates Schuldgeld herstellen, beenden möchte. Danach teilen sich aber unsere Wege. Die Anhänger von Vollgeld wollen das Geld verstaatlichen. Ich will das Geld letztendlich privatisieren. Vollgeld ist Staatsgeld – „sovereign money“, Aktivgeld ist Bürgergeld.

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