SIW 6/2015: Illusionen und harte Realitäten

Aus heiterem Himmel
Es galt als ausgemachte Sache: Der Ölpreis kennt nur noch eine Richtung – nach unten! Immer mehr wurde die Talfahrt nach dem Motto „Die Baisse nährt die Baisse“ zum Selbstläufer. Einen ähnlich dramatischen Preissturz gab es nur im Jahr 2008. Auch damals war interessanterweise Russland in einen äußeren Konflikt verstrickt – mit dem von den USA unterstützten Georgien. Russland intervenierte schließlich im August 2008 offen militärisch. Es kam zum „Fünftägigen Kaukasuskrieg“ um die beiden von Georgien abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien. Schon im Vorfeld des Waffengangs neigte der Ölpreis zur Schwäche, nach Beendigung der Kampfhandlungen sackte er dann regelrecht in sich zusammen und brachte die russische Wirtschaft in erhebliche Schwierigkeiten. Wie sich die Bilder gleichen. Auch der aktuelle Preissturz dürfte über die in solchen Phasen zu beobachtende, sich selbst verstärkende Dynamik hinaus eine politische Komponente haben. Zu gut passt die Schwächung Russlands – und einiger anderer „Schurkenstaaten“ wie Venezuela und des Iran – zur Agenda. Die politische Dimension ist deshalb wichtig, weil sie hilft, die aktuelle Preiserholung einzuordnen. Bei einer reinen Marktbewegung wäre nach dem überaus heftigen Preissturz eine damit korrespondierende Erholungsbewegung zu erwarten. Ein Kursziel von 65 bis 70 USD/Barrel wäre beim hier dargestellten WTI-Future über die kommenden Monate realistisch. Die alten Halter der Long-Positionen wurden unter riesigen Verlusten aus ihren Positionen herausgeschüttelt. Die neuen Long-Investoren verspüren aufgrund des jüngsten Kursanstiegs erst einmal gar keinen Druck. Dies gilt besonders, falls sie in der zurückliegenden Bodenbildungsphase eingestiegen sind und jetzt schon Gewinne verzeichnen können. Druck wird sich dagegen bei den bislang verwöhnten Short-Investoren aufbauen, die ihre Gewinne dahinschmelzen sehen – der klassische Short-Squeeze also. Sollte aber die politische Komponente des Ölpreisverfalls weiter wirken – wofür vor allem die erneute Eskalierung des Ukraine-Konflikts spricht, dann wird sich für die laufende Erholung rasch Widerstand aufbauen. Gefährlich wird es für die Investoren, sobald das Momentum der aktuellen Aufwärtsbewegung nachlässt. Ein neues Bewegungstief des WTI-Futures erwarten wir aber dennoch erst einmal nicht. Als einigermaßen sicher kann lediglich gelten, dass wir es auch an diesem Markt weiter mit heftigen Schwankungen zu tun haben werden.

 

2015-02-04_WTI


Institutionalisierte Illusion
Die von uns bereits im letzten Smart Investor genannten Möglichkeiten einer griechischen „Umschuldung“ scheinen nun mehr und mehr Realität zu werden – eine mehr denn je illusorische Realität. Mit einem durchschaubaren Kompromiss wollen beide Seiten bei Volk und Wählern punkten, „Euro-Retter“ und die neue griechische Regierung. Alexis Tsipras spricht daher heute in Brüssel mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis in Frankfurt mit EZB-Präsident Mario Draghi. Juncker hatte zuvor bereits mehrmals mögliches Entgegenkommen signalisiert, die Erleichterungen sollen vor allem über reduzierte Zinsen und verlängerte Laufzeiten kommen. Auch Varoufakis möchte von einem Schuldenschnitt nicht mehr sprechen, denn dieser Ausdruck würde bei seinen Gesprächspartnern eher weniger gut ankommen. Klar, denn die Politik fürchtet wohl vor allem eines: Das zum ersten Mal überhaupt die tatsächlichen Kosten der Euro-Rettungspolitik offen sichtbar werden.

Taschenspielertricks für Fortgeschrittene
Als die Hellenische Republik 2012 ihren privaten Anleihegläubigern höchst offiziell ein „freiwilliges“ Umtauschangebot ihrer Anleihen vorlegte, betraf dieser „Haircut“ nämlich nur die privaten Gläubiger. Aus einer Anleihe wurden damals 24 unterschiedliche neue Papiere mit deutlich längeren Laufzeiten, von 1.000 EUR Nominalwert blieben nur rund 250 EUR übrig. Die EZB hatte kurz zuvor ihre Papiere in Anleihen gleicher Bedingungen, lediglich mit einer anderen WKN getauscht – denn diese WKN nahm später nicht am offiziellen Umtausch teil. Genau wie die Hilfskredite aus der Eurozone und des EFSF, dem ersten offiziellen Euro-Rettungsschirm. Mit diesen offensichtlichen Taschenspielertricks konnte Europa damals Abschreibungen verhindern, bei einem neuerlichen Schuldenschnitt würde dies nun wohl anders aussehen (eine Übersicht über die Gläubigerstruktur Griechenlands finden Sie u.a. im Smart Investor 2/2015 auf der Seite 50). Doch nüchtern betrachtet sind die kursierenden Vorschläge gar nichts anderes: Verlängert sich die Laufzeit einer Anleihe bei gleichzeitig niedrigerem Zins, muss der Kurswert der Papiere sinken, geht man rechnerisch vom gleichen Zinsniveau aus. Eine Bank, die solche Änderungen bei Anleihen in ihrem Portfolio akzeptieren würde, müsste in Konsequenz sofort auf einen neuen Marktwert der Papiere abschreiben. Eine Anleihe, die zuvor zu 100 EUR wert war, steht dann also z.B. nur noch zu 80 EUR in den Büchern. Im Fall von Griechenland sollten die geänderten Bedingungen also – ähnlich einem Schuldenschnitt – zu Abschreibungen führen. Da trifft es sich doch wunderbar, dass EFSF und EZB sich ihre Bilanzierungsregeln weitestgehend selbst machen. Es darf daher getrost davon ausgegangen werden, dass auch 320 Mrd. EUR neue, unendlich laufende Nullcoupon-Anleihen keinen Abschreibungsbedarf zur Folge haben werden. Solange Europas Bürgern die Illusion der kostenlosen Rettung vorgegaukelt werden kann, dürfte an diesem Prinzip nicht gerüttelt werden.

Zu den Märkten
Mit dem Rückenwind der Geldpolitik stiegen die Märkte in den letzten Wochen auf immer neue Höchststände, im DAX bis auf 10.985 Punkte. Wie wir in unserem letzten Smart Investor Weekly geschrieben haben, scheinen die Marktteilnehmer sich dabei durch nichts und niemandem beeindrucken zu lassen, nicht vom Ukraine-Krieg und nicht von der Rückkehr der Eurokrise. Alleine die Ankündigung der Billionen-Wette Draghis zog die Kurse wie ein Magnet nach oben. Doch Märkte sind praktisch niemals eine Einbahnstraße, eine kurze und heftige Reaktion ist auch in der aktuellen Liquiditätshausse möglich. Die Kursbewegungen werden zudem immer erratischer, schließlich basieren sie zu großen Teilen auf Interventionen. Daneben stößt der deutsche Leitindex an einige markante charttechnische Widerstände (siehe Chart). Angesichts der glatten Aufwärtsbewegung der vergangenen Woche sollte es also nicht verwundern, wenn nun erst einmal ein kleiner bis mittelgroßer technischer Rücksetzer anstehen würde. Ein solcher könnte durchaus bis auf 10.000 Punkte gehen.

 

2015-02-04_DAX
Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 2/2015

Cover.JPG 2  Titelthema: Vorhang auf für das „Finale Furioso“

  Crack-up-Boom: In Argentinien und demnächst auch hier?

  Asien: Fernöstliche Wahrheiten

  Edelmetalle: Aufbruchsignale und eine gewagte Theorie

  und viele weitere Themen um Börse, Wirtschaft und Politik!

 

 

 

 

Fazit
Die griechische Komödie geht in eine neue Runde, diesmal nur mit neuen Schauspielern. Mit einem verkappten Schuldenschnitt bleiben die Euro-Politiker ihrer Strategie jedoch treu: Die Kosten der Euro-Rettung werden schließlich erst morgen abgerechnet – und was dann auf der Rechnung stehen wird, interessiert doch heute keinen.

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch

 

facebookwww.facebook.com/SmartInvestorMagazin

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins Smart Investor kann unter
Smart Investor Abonnements angefordert werden.

Das Magazin:
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins ist unter Smart Investor Ausgabe 1/2015 einzusehen.

E-Mail-Versand:
Sollten Sie den eMail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine eMail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an
weekly@smartinvestor.de.

Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.