SIW 7/2015: Eine Lektion über Spieltheorie

Minsk 2.0
Mit hektischer Pendeldiplomatie versuchten Angela Merkel und ihr französischer Kollege Francois Hollande letzte Woche Bewegung in die festgesteckten Friedensbemühungen im Ukrainekonflikt zu bringen. Nach einem Kurzbesuch in Kiew flog das europäische Diplomaten-Duo unmittelbar in die Höhle des Löwen, zu Präsident Putin nach Moskau. Im Wesentlichen geht es darum, den Waffenstillstand zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee, der letzten September in Minsk ausgehandelt wurde, mit neuem Leben zu erfüllen. Als Merkel in der Nacht zum Samstag dann nach München auf die dortige Sicherheitskonferenz flog, hatte sie jedoch wenig Konkretes im Gepäck. Lediglich die generelle Bereitschaft der Beteiligten, bei einem neuerlichen Friedensgipfel in Minsk zusammenkommen zu wollen, war klar. Entsprechend vorsichtig daher auch die Äußerungen Merkels bei ihrem Auftritt im Bayerischen Hof. Weniger zurückhaltend zeigte sich dagegen die amerikanische Delegation: Nach Informationen der Bild-Zeitung soll sich unter anderem die für Europa zuständige US-Chefdiplomatin Victoria Nuland (bekannt geworden durch ihre Äußerung „Fuck the EU“) auch ein US-Senator hinter verschlossenen Türen mehr als despektierlich über die Bemühungen der Kanzlerin geäußert haben. Von „Merkels Moskau-Zeug“ und „Moskau-Bullshit“ ist die Rede. Laut Bild sollen diese „vertraulichen“ Gespräche am Freitagabend im sechsten Stock des Luxushotels stattgefunden haben. Die Tatsache, dass der Inhalt des Geheimtreffens nun an solch prominenter Stelle publik wurde, kann eigentlich kein Zufall sein. Vielmehr könnte es sich um eine ganz gezielte Indiskretion handeln, um den heutigen Gipfel schon von vornhinein zu diskreditieren. Denn dass es von amerikanischer Seite eine deutliche Präferenz zur Aufrüstung der ukrainischen Armee gibt, wurde in München nicht nur in Geheimtreffen bekannt. So betonten unter anderem der US-Senator John McCain und der vier Sterne General Breedlove die in ihren Augen gegebene Notwendigkeit einer Ausstattung der ukrainischen Armee mit modernen „Defensivwaffen“. Für Putin muss sich nun auf seinem heutigen Flug nach Minsk die Frage stellen, ob er hier überhaupt mit einer Angela Merkel verhandelt, die über die Rückendeckung der USA verfügt. Lässt er nun heute die Chance zum Frieden ungenutzt, erreichen Nuland & Co also genau was sie bezwecken wollten: Die Rechtfertigung für eine weitere Eskalation der Situation. Durchschaut Putin dieses Spiel, ist jedoch durchaus auch vorstellbar, dass er Merkel und Hollande heute „umarmt“. Alleine aus spieltheoretischen Überlegungen heraus könnte er sich dann deutlich kompromissbereiter zeigen als noch letzte Woche. Im Falle einer weiteren Eskalation läge der schwarze Peter dann nämlich bei Poroschenko und seinem großen Verbündeten, den USA. Auch im nächsten Smart Investor 3/2015 werden wir noch einmal ausführlicher über unsere Eindrücke von der Münchener Sicherheitskonferenz berichten.

Tsipras‘ Spiel ohne Risiko
Auch beim zweiten großen Pokerspiel, das derzeit in Europa stattfindet, ist der Einsatz alles andere als gering. In diesem Falle sogar in konkreten Euro zu benennen: Um 320 Mrd. EUR, vielleicht sogar deutlich mehr, wird in den Verhandlungen mit der neuen griechischen Regierung rund um Alexis Tsipras „gespielt“. In seiner Regierungserklärung am Sonntag hatte dieser zunächst erklärt, er wolle seine Wahlversprechen vollumfänglich umsetzen. Um dies zu erreichen, will er zunächst mit seinen europäischen „Partnern“ ein „Überbrückungsprogramm“ verhandeln. Nach Tsipras Vorstellungen hätte er dann bis Juni Zeit eine neue Schuldenregelung zu finden. Endgültig beendet soll nach dem Willen des neuen Regierungschefs auch die Gängelung der Griechen durch die sogenannte Troika aus EU, EZB und IWF sein. Von europäischer Seite wurde der Ton in den Verhandlungen ebenfalls verschärft. Seit letzter Woche akzeptiert die EZB keine griechischen Staatspapiere mehr als Sicherheit – natürlich in dem Wissen in Folge dessen die griechischen Banken im Alleingang finanzieren zu müssen. Nach allem was offiziell bekannt ist gibt es in Summe noch keinerlei Annäherung zwischen den Parteien. Die klassische Situation eines Pokerspieles also, bei dem jeder versucht bis zu Letzt die bessere Hand zu suggerieren. Eine Besonderheit gibt es in diesem Spiel jedoch: Allen Beteiligten ist klar, dass der Mitspieler Tsipras im Grunde genommen seinen Einsatz nicht bezahlen kann. Dass ein Spieler ohne Geld auf der anderen Seite jedoch auch wenig zu verlieren hat, ist damit natürlich auch klar. Jüngste Meldungen über eine Finanzspritze aus Moskau – gerade am Höhepunkt der Ukraine-Verhandlungen – sind daher auch nur als weiterer Bluff einzustufen. Am Ende ist und bleibt das Problem ein europäisches, auch wenn die jüngsten Äußerungen von Barack Obama vermuten lassen, dass man dies jenseits des Atlantiks anders sieht. Der US-Präsident ließ nämlich erst vor wenigen Tagen vermelden, dass sich die EU seiner Meinung nach deutlich mehr auf Griechenland zubewegen sollte. Nach jüngsten Meldungen ist nun trotz verhärteter Fronten ein Aufschub von einigen Monaten realistisch, das Spiel geht daher wohl demnächst in eine neue Runde. Für uns ist nach wie vor eine Verlängerung der Laufzeiten und eine Reduktion der Zinslast das realistischste Ergebnis (siehe Smart Investor Weekly 6/2015). Bei diesem „Schuldenschnitt durch die Hintertür“ könnten dann beide Seiten das Gesicht wahren und dennoch einen Verbleib der Griechen im Euro sicherstellen.
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Zu den Märkten
Es ist nicht so, dass der DAX unentschlossen wäre, er ist vielmehr hin- und hergerissen. Mit dem Verhandlungspoker um Griechenland und die Ukraine laufen zwei Themen parallel, die beide das Potenzial haben, für die Märkte ein völlig neues Spielfeld zu schaffen. Das könnte bereits heute Abend als Folge des Minsker Krisengipfels der Fall sein.

Solange die Situation um die Ukraine – aber auch die in Griechenland – offen gehalten wird, orientieren sich die Marktteilnehmer verstärkt am Kursverlauf selbst. Der im letzten SIW 6/2015 eingezeichnete Trendkanal für den DAX bleibt weiter intakt. Das ganze Chaos der internationalen Politik spielt sich kursmäßig zwischen den beiden blauen Schienen ab (vgl. Abb.). Erwartungsgemäß erwies sich der in der letzten Ausgabe ebenfalls markierte rote Bereich als Widerstand. Aus einem stark übergekauften Zustand heraus war den Marktteilnehmern angesichts der herrschenden Unsicherheiten nicht nach weiteren Allzeithochs zumute. Das passte auch insofern, als viele Publikationen den Fall der 11.000er-Marke bereits für eine ausgemachte Sache hielten und sich erst einmal wieder etwas abkühlen mussten. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass die EZB durch die massive Ausweitung der Geldmengen weiter an der Aufweichung des Euros arbeitet – unter Draghi nennt man eine solche Politik stabilitätsorientiert. Da ein auf diese besondere Weise „stabiles“ Geld kaum zur Wertaufbewahrung taugt, werden die Sparer weiter nach Alternativen suchen – und auch weiter bei Aktien fündig werden. Aus dieser Perspektive sind die Kurse – unabhängig von den beiden aktuellen Krisenherden – einigermaßen gut unterfüttert. Die untere Begrenzung des Aufwärtskanals verläuft derzeit bei rund 10.100 Punkten, ein Niveau auf dem sich auch der zur Unterstützung gewordene Widerstand aus dem Dezember 2014 befindet (grüne Linie). Sollte es aber rund um die Ukraine oder den Euro zu einem „Schwarzer Schwan“-Ereignis kommen, werden solche Überlegungen allerdings schlagartig zur Makulatur.

Hinweis in eigener Sache
Diesen Montag führte „Die Metallwoche“ ein Interview mit unserem Redakteur Ralph Malisch zu Gold, Öl, unseren „Löchern in der Matrix“ und aktuellen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Börsen. Das Interview finden Sie hier.

 

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Smart Investor 2/2015

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  Crack-up-Boom: In Argentinien und demnächst auch hier?

  Asien: Fernöstliche Wahrheiten

  Edelmetalle: Aufbruchsignale und eine gewagte Theorie

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Fazit

Sowohl in Minsk als auch in Brüssel werden heute Kompromisse gesucht. Doch sowohl Ukraine-Krise als auch Griechenland-Umschuldung sind wohl in erster Linie spieltheoretische Problemstellungen. Und in beiden Fällen sitzen jeweils gerissene Gegner am Spieltisch – beide Krisen werden daher wohl nicht allzu schnell gelöst, sondern lediglich vertagt werden.

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch

 

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