Smart Investor 2/2015 – Let’s talk about Sex

Gedanken zu Gérard A. Bökenkamps neuem Werk „Ökonomie der Sexualität – Von der Liebesheirat bis zur Sexarbeit“

Cover.JPG 2„Grundgesetz der sexuellen Freiheit“
Eines der originellsten wirtschaftsphilosophischen Bücher der letzten Jahre hat der Historiker Gérard A. Bökenkamp mit seinem Werk „Ökonomie der Sexualität“ vorgelegt. Zwar ist die menschliche Sexualität heute – zumindest in diesem Teil der Erde – weitestgehend der „Schmuddelecke“ moralisierender Ge- und Verbote entwachsen, Angriffe auf die liberale Sexualethik gibt es jedoch weiter. Der Autor sieht allerdings unser „Grundgesetz der sexuellen Freiheit“ heute weniger durch „konservative Sittlichkeitsvorstellungen“ als durch „radikal-feministische Verbotsforderungen“ bedroht – etwa in den Bereichen Pornographie und Prostitution. Auf globaler Ebene trete zudem die „kulturelle und politische Trennlinie … zwischen der liberalen Sexualethik des Westens und dem fundamentalistischen Islam“ deutlicher hervor. Nun denn: Let’s talk about Sex.

Ungewohnter Anwendungsfall
Das Werk gliedert sich in fünf große Kapitel: Nach den theoretischen Grundlagen beleuchtet der Autor Sexualität, Liebe und Beziehung in den unterschiedlichsten, auch politischen Kontexten. Sexualität und Ökonomie, ja darf man das denn überhaupt? Bökenkamp meint „Ja“, denn die Theorien der Österreichischen Schule „sind in ihrer Geltung … nicht auf das Feld von Wirtschaft und Finanzen beschränkt.“ Aufgrund dieses allgemeinen Geltungsanspruchs müsse sich das Paradigma also auch auf diesem Feld, bei der Entwicklung einer „Ökonomie der Sexualität“, bewähren. Dabei gehe es aber nicht um Hybris, sondern lediglich um „das Setzen von Schlaglichtern“.

„Ökonomie der Sexualität – Von der Liebesheirat bis zur Sexarbeit“ von Gérard A. Bökenkamp, FinanzBuch Verlag, 240 Seiten, 17,99 EUR

Methodischer Individualismus
Ausgangspunkt der Überlegungen ist der „Methodische Individualismus“ der Österreichischen Schule. Über den Begriff des „Psychischen Einkommens“, das sich nicht allein auf Glück oder Geld reduzieren lasse, nähert sich Bökenkamp der Materie: Individuen streben nach einer Maximierung dieses psychischen Einkommens. Dabei orientieren sie sich an den gegebenen Umständen – unter den Randbedingungen „begrenzter Informationen, Ressourcen und Zeit“. Die Individuen entwickeln also Strategien („Homo Strategus“) und führen mit anderen Individuen Verhandlungen, um durch „Tausch und Abstimmung“ ihrer Ziele zu erreichen: „Menschen entwickeln Strategien, um Sex zu bekommen, und sie setzen Sex strategisch ein, um andere Ziele zu erreichen.“ Wenn Bökenkamp im Zusammenhang mit Sex, Liebe und Beziehungen von „Märkten“ spricht, dann geht es nicht um „käufliche Liebe“ – jedenfalls nicht primär. „Markt“ ist hier als Entdeckungsverfahren im Hayekschen Sinn zu verstehen – ein „Raum, in dem Individuen sich permanent auf neue Gegebenheiten einstellen müssen, um sich der Realität anzunähern“.

Liberale Sexualethik
Eine der zentralen Annahmen der Austrians ist, dass „erwachsene Individuen frei über sich selbst und ihr Eigentum verfügen und miteinander Verträge schließen können“. Das schließt auch den sexuellen Bereich ein. „Ziemlich bruchlos“ lasse sich aus der „liberalen Naturrechtsethik und dem ethischen Individualismus ableiten, dass erwachsene(!) Individuen selbst entscheiden, „welche Beziehungen sie zu welchen Bedingungen eingehen, welche sexuellen Akte sie mit wem aus welchen Motiven heraus ausführen“.

Individuum und Kollektiv
Manches, was heute im Geschlechterverhältnis vorschnell als „Diskriminierung“ bezeichnet wird, ist tatsächlich das Ergebnis individuellen Handelns, wobei Arbeitsteilung und Spezialisierung als Verstärker wirken – auch als Verstärker der Ungleichheit. Letztlich gehe es immer um Individuen mit Interessen. Der „Geschlechterkampf“ sei – ähnlich wie der „Klassenkampf“ – lediglich konstruiert, und zwar von jenen Individuen, die dadurch ihr psychisches Einkommen maximieren. Auch „ein Urteil der Gesellschaft“ gäbe es so nicht. Vielmehr sei es stets das Individuum, das bewerte, entwerfe, kritisiere, bevorzuge oder ablehne.

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