SIW 10/2015: „Für den kritischen AnlegX“

Kelle und die „Gender Gagas“
Gestern besuchten wir eine Veranstaltung des Hayek-Clubs München, auf der die Autorin Birgit Kelle ihr Buch „Gender Gaga“ vorstellte. Der Andrang war groß, denn Frau Kelle schlug sich mit ihren Thesen zu Genderpolitik und „Genderforschung“ schon tags zuvor in der Talkshow „Plasberg“ recht wacker. Wahlweise wird die Autorin von interessierten Kreisen als „homophob“, ziemlich „gestrig“ oder als „gefährliche Person“ verunglimpft. „Gefährliche Personen“ gegen die aus den vollen Rohren des Mainstreams gefeuert wird, machen uns natürlich neugierig. Zusammen mit dem zahlreich erschienenen Publikum lernten wir eine redegewandte und humorvolle Frau kennen, die den „Genderwahnsinn“ dieser Tage mit Charme, Witz und einer unbestechlichen Logik in sich zusammenfallen ließ. Vergleichbares gelang auch schon vor Jahren einem norwegischen Soziologen und Komiker (!), der die „Genderforschung“ demaskierte, indem er ihre führenden Vertreter ausführlich zu Wort kommen ließ. Die dort vertretenen, oft auch noch widersprüchlichen Meinungen – mehr war es ohnehin nicht – kontrastierte er mit dem Kenntnisstand echter Wissenschaften. Das Ergebnis fiel für die „Genderforscher“ derart blamabel aus, dass die Steuermittel für deren Spielwiese postwendend gestrichen wurden. Norwegen galt bis dahin als „most equal country“ – also als Vorzeigeland von „Genderforschung“ und „Gender Mainstreaming“. Kein Wunder also, dass Birgit Kelle vom Gender-Klüngel zur „gefährlichen Person“ erklärt wurde. Dann natürlich belegten zahlreiche „wissenschaftliche“ Studien, der wie Pilze aus dem Boden schießenden „Lehrstühle für Genderforschung“ wie wichtig und richtig deren Arbeit – und damit auch ihr steuerzahlerfinanziertes Auskommen – sei.

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Zauberwort Falsifizierung
Genau das aber ist eines der sichersten Indizien dafür, dass hier keine ernstzunehmende Wissenschaft betrieben wird. Eine solche bemüht sich nämlich gerade nicht um Bestätigung, sondern nach Kräften um die Falsifizierung liebgewonnener Thesen, weil nur so echter Erkenntnisfortschritt gelingen kann. Den Geschlechter-Alchimisten geht es dagegen erkennbar um etwas anderes: Auf zweifelhafter wissenschaftlicher Grundlage wollen sie die Gesellschaft umgestalten – im Sinne ihrer höchstpersönlichen Wert- und Geschmacksurteile, die sie wahlweise für allgemeinverbindlich und/oder gesellschaftlich relevant erklären. Wären sie das tatsächlich, müsste beim Souverän ein entsprechendes Mehrheitsinteresse an der Lösung der postulierten „Probleme“ erkennbar sein. Ist es aber nicht und entsprechend wurden die Programme von oben oktroyiert. Das gelang lange Zeit deshalb so geräuschlos, weil die meisten Dinge so lächerlich klangen, dass sie schlicht nicht ernstgenommen wurden. Inzwischen sind die Strukturen etabliert und der Unsinn fließt massenhaft in Form von Sprach-, Gesetzes- und Gesellschaftsklempnerei nach unten. Natürlich verteidigen diese neuen Strukturen ihre frisch gewonnenen Pfründe und suchen sich geradezu krampfhaft neue, beschäftigungssichernde Betätigungsfelder – Gender-Bürokratie bei der Arbeit. Das ist zwar irgendwie furchtbar hipp und zeitgeistig. Modern oder originell ist die oberlehrerhafte Attitüde mit der eine sich selbst zur Wissenschaft verklärende Ideologie „Neue Menschen“ formen will, seit dem Marxismus aber nicht mehr. Smart Investor jedenfalls bleibt „Das Magazin für den kritischen Anleger“, auch wenn wir nach dem Willen der „Gender Gagas“ für „kritische AnlegX“ schreiben sollten.

Grundübel des Interventionismus
Auch unser Wirtschaftssystem krankt ja seit vielen Jahren sichtbar an ideologisch motivierten Eingriffen – hier vor allem in den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen. Wie sich die Haltung gleicht – der Staat glaubt besser zu wissen, was für die Betroffenen gut ist als diese selbst. Und er glaubt auch deren Angelegenheiten besser regeln zu können. Ein Grundübel solcher Eingriffe besteht darin, dass selbst wohlmeinende Menschenumformer, Gesellschaftsgestalter und Wirtschaftsplaner kraft eigener Herrlichkeit in der Regel allenfalls die Ersteffekte ihrer Interventionen bedenken. Die Dynamik der Zweit- und Drittrundeneffekte überblicken sie dagegen regelmäßig nicht. Zudem sind die geschaffenen bürokratischen Strukturen meist zu starr, um auf nicht vorhersehbare Entwicklungen flexibel zu reagieren. Erneute Interventionen mit wiederum unkalkulierbaren Zweit- und Drittrundeneffekten sind da praktisch zwangsläufig. Dazu tritt häufig auch noch eine Art kognitiver Selbstschutz der Akteure, der Phänomene der realen Welt allzu gerne als „Erfolge“ fehldeutet. Die jüngsten rekordtiefen Arbeitslosenzahlen sind so ein Phänomen, das als Indiz einer gesunden Wirtschaft und damit als Ergebnis der klugen und vorausschauenden Politik herhalten muss. Dass von hoher Zentralbankhand in den Negativbereich manipulierte Zinsen prinzipiell nicht zu einer gesunden Volkswirtschaft passen und dass die Manipulation dieses zentralsten aller Preise zu völlig unkalkulierbaren Fehlallokationen führen wird, wird dabei geflissentlich übersehen. Das Phänomen der Vollbeschäftigung bei ultralaxer Geldpolitik ist übrigens auch aus der Anlaufphase zur deutschen Hyperinflation des Jahres 1923 bekannt. Martin H. Geyer beschreibt in seinem Buch „Verkehrte Welt – Revolution, Inflation und Moderne: München 1914 – 1924“, genauer im Kapitel über die „Inflationskonjunktur“, den Münchner Beschäftigungsboom des Jahres 1922 mit gerade einmal noch 912 Arbeitslosen. Sieht man es in diesem Zusammenhang, sind die sinkenden Arbeitslosenzahlen ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft in Richtung Crack-up-Boom „vorankommt“. Der durch die Geldmengensteigerungen ausgelöste Immobilienboom in den Ballungsräumen ist ein weiteres Beispiel für einen so nicht beabsichtigten Effekt. Die selbst verursachte Verteuerung von Wohnraum wird zum Anlass für eine weitere Intervention („Mietpreisbremse“). Man muss kein Prophet sein, um aufgrund solcher Initiativen ein Erlahmen des privaten Wohnungsbaus zu erwarten. Das wird den Staat dann erneut auf den Plan rufen, vielleicht als Ersteller zusätzlichen Wohnraums – traditionell werden das aber nur noch Plattenbauten sein.

Zu den Märkten
Wie hier schon oft beschrieben zählen Aktien ebenfalls zu den großen Profiteuren einer solchen Geldmengenausweitung. Inflation findet heute nicht an den von Überkapazitäten geprägten Konsumgütermärkten statt, sondern an den Immobilienmärkten der Ballungsräume (s.o.) und eben an der Aktienbörse – also überall dort, wo eine tendenziell unbegrenzte Geldmenge auf nicht beliebig vermehrbare Angebote trifft. Das Rennen um Werthaltiges ist längst in vollem Gange. Das darf nun aber nicht so missinterpretiert werden, dass die Aktienmärkte zu einer Einbahnstraße geworden wären. Auch ein starker Boom ist in seiner inneren Struktur in aller Regel von Übertreibungsphasen mit anschließenden Rücksetzern gekennzeichnet. Zwar sind diese schnellen Wechsel kaum zu prognostizieren, nach einem Aufwärtsschub wie dem der letzten Wochen steigt jedoch die Korrekturanfälligkeit. Ein guter Anlass, um auch einmal ein paar Gewinne mitzunehmen, wie bei unserer Musterdepot-Position Athem, die bereits mehr als 10% unseres Depotvolumens ausmachte. Mehr dazu und einige Neuigkeiten zu einem weiteren Musterdepotwert von uns finden Sie hier. Insofern könnte der gestrige Kursverlauf den Auftakt einer solchen Korrekturbewegung bilden. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die gesamte Aufwärtsbewegung des DAX in wesentlichen Teilen lediglich die Schwächung des Euro widerspiegelt. In der Abbildung ist dargestellt, wie sich unser DAX aus Sicht eines US-Investors entwickelt hat (vgl. Abb. 1 – rote Linie). Viel bleibt da vom spektakulären Aufschwung der letzten Wochen nicht übrig. Wenn also der Euro weitere Schwächeanfälle erleidet, dann unterstützt das den DAX trotz charttechnischer Umkehrsignale in zweifacher Weise: Es verbilligt deutsche Aktien aus Sicht internationaler Investoren und es verbessert die Geschäftsaussichten der ohnehin brummenden deutschen Exportindustrie noch weiter. Natürlich würde man am liebsten einen kräftigen Kursrücksetzer für Neuengagements nutzen. Allerdings ist es angesichts des Anlagenotstands fraglich, ob der DAX den Anlegern ein solches Fenster wirklich öffnen wird.

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Fazit
Wir sehen nicht nur in den Märkten, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene einen geradezu unbändigen Willen zur Planung, Gestaltung und Umgestaltung. Oft genug führen Minderheiten das Wort, die aufgrund ihrer höchstpersönlichen Wert- und Geschmacksurteile die Mehrheit zu „deren Glück“ bekehren wollen. Historisch sind solche Versuche langfristig stets gescheitert, was man durchaus als positive Aussicht bewerten kann.

Ralph Malisch

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