Smart Investor 4/2015 – Editorial

Smart Investor 5!14 24-4 morgens.inddFrüher – und damit meine ich noch vor 15, aber erst recht vor 50 oder gar 100 Jahren – waren Staatsanleihenkäufe mit frisch gedrucktem Geld der Zentralbank tabu, denn hat man erstens einmal diesen Weg beschritten, kann man von der „süßen Droge“ nicht mehr lassen. Und zweitens endet diese „Drogenkarriere“ zwangsläufig ungut – nämlich in der totalen Zerstörung der Währung bzw. deren Kaufkraft.

Insofern kommt das kürzlich begonnene Quantitative Easing der EZB aus geldpolitischer Sicht einem Pakt mit dem Teufel gleich, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Nur um das klarzustellen: Das monatlich in Höhe von 60 Mrd. EUR frisch gedruckte Geld macht pro Euro-Europäer ca. 180 EUR aus. Das entspricht mehr als einem Viertel des durchschnittlichen Nettoeinkommens pro Bürger (vom Baby bis zum Greis). Ein Viertel, jeden Monat, einfach so aus dem Nichts gezaubert!

Dumm nur, dass dieses Geld nicht bei den Bürgern ankommt, sondern hauptsächlich an den Anleihenmärkten. Das treibt bzw. stützt dort die Kurse – und die Zinsen können damit weiterhin auf Niedrigstniveau gehalten werden. Ein Teil davon schwappt auch an die Aktienbörse – den Effekt davon durften wir ja in den letzten Monaten beobachten. Nur bei den Bürgern kommt davon eben kaum etwas an. Das bedeutet: Die EZB zerstört langfristig unseren Geldwert und erzielt damit noch nicht einmal den Effekt, den sie nach offiziellem Bekunden bezweckt.

Denn sie will doch Inflation anfachen, damit es wieder zu Wirtschaftswachstum kommen kann. Genau das ist doch die Argumentation von Super-Mario Draghi. Ist es Ihnen aufgefallen? Bei dieser Argumentation wird die Wirkungskette von hinten her aufgefädelt: Denn früher mal gab es schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme, welche zu mehr Wirtschaftswachstum führten, was dann zu mehr Teuerung führte. Hm, irgendwie scheint nichts mehr wie früher zu sein…

Aber vielleicht will die EZB auch etwas ganz anderes, als sie vorgibt zu wollen! Nämlich den Finanzsektor mit Geld zu fluten, damit die maroden Staaten (z.B. Griechenland) und Banken weiter vor dem Bankrott bewahrt werden können, damit deren Gläubiger noch genügend Zeit haben, um ihre Anleihen aus ihren Depots an die EZB weiterzureichen. So ergibt die Sache schon sehr viel mehr Sinn, oder?

Wie auch immer, Draghi und seine EZB werden ihr Programm durchziehen, allenfalls sogar noch ein paar Schippen drauflegen, sollten zwischendurch ein paar Probleme auftauchen – womit zu rechnen ist. Das Anleihenkauf-Programm stellt also für uns die Prämisse dar, mit der wir uns wohl oder übel arrangieren müssen. Wohin vor diesem Hintergrund Aktien und Anleihen, aber vor allem auch Euro und Dollar gehen werden, das versuchen wir in unserer Titelgeschichte zu ergründen.

Zum Schluss bleibt mir noch auf zwei Kongresse hinzuweisen, auf denen diese Themen im weiteren Sinne ebenfalls auf den Tisch kommen. Einmal der Kongress „Die Ethik der Freiheit“ des Ludwig von Mises Institut Deutschland am 23.5.2015 in München und zwei Wochen später das Mark Banco Seminar unter dem Motto „Adieu liebe Banken!“ am 6.6.2015 in Hamburg (mehr dazu in den Anzeigen auf den Seiten 31 und links). Vielleicht sehen wir uns hier oder dort?

Eine erhellende Lektüre wünscht Ihnen

Ralf Flierl