Smart Investor 4/2015 – Warten auf die Zinswende

Es ist schon bemerkenswert. Weltweit nehmen die Spannungen zu, die Zentralbanken drücken in ungeahntem Ausmaß Geld in die Märkte. Die Wirtschaft liegt in vielen europäischen Staaten darnieder (Ausnahme Deutschland), in anderen Teilen der Welt, wie beispielsweise China, legt sie eine satte Vollbremsung hin. Nahezu alle Großbanken haben diverse Leichen im Keller liegen und die EU-Währungsunion wankt bedenklich. Dennoch scheint der seit 2011 laufende Gold-Bärenmarkt kein Ende zu kennen. Eine Einschränkung muss hier allerdings gemacht werden. Obige Aussage gilt für den Goldpreis in US-Dollar. In Euro hingegen scheint sich der Boden ausgebildet zu haben und in Yen betrachtet notiert der Goldpreis sogar nahe seines Allzeithochs. So gesehen hat Gold also seine ultimative Schutzfunktion nicht eingebüßt. Allerdings definiert sich ein Bullenmarkt nun einmal dadurch, dass das entsprechende Asset in allen Währungen steigt.

Gold in US-Dollar, japanischen Yen und Euro

Während der Preis in Dollar noch immer fällt, scheint in Euro bereits ein Boden ausgebildet. In Yen dagegen notiert Gold nahe dem Allzeithoch.

Lang andauernde Hausse
Zum einen wäre da die vorangegangene zwölfjährige Hausse. Was über einen derart langen Zeitraum steigt, braucht eben auch mehr Zeit, um den Anstieg zu verdauen. Zumal die Abwärtsbewegung mit rund -40% bisher nicht so dramatisch wie im letzten großen Bullenmarkt der 1970er Jahre ausfiel.

Preismanipulationen
Ein weiterer Grund ist natürlich die an dieser Stelle schon oft thematisierte Manipulation des Edelmetallmarkts (vgl. z.B. SI 1/2015, S. 60). Gold spiegelt nun einmal das Vertrauen in bestimmte Währungen, in die derzeitige Stabilität und die zukünftige Entwicklung des Finanzsystems wider. Daher „darf“ es nicht dauernd und vor allem auch nicht zu stark steigen.

Mehr Papiergold
Ebenfalls bedacht werden muss, dass heute viel mehr Papiergold gehandelt wird, als noch in den 1970er Jahren. Gerade im Westen erzeugen Zertifikate, Optionsscheine und auch ETFs keinen (bzw. geringeren und/oder zeitlich versetzten) Nachfragedruck im physischen Markt. Auch in Asien gewinnt Papiergold an Einfluss. So haben beispielsweise die Kunden der HSBC in Hongkong die Möglichkeit mit wenigen Mausklicks einen Teil ihres liquiden Kapitals auf Goldkonten zu transferieren. Ob diese dann tatsächlich stets zu 100% mit physischem Gold hinterlegt sind, darf angesichts der Historie der Bank in dieser Frage bezweifelt werden.

Fester Glaube an Zinswende
Der entscheidende Faktor aber dürfte die Zinserwartung in den USA sein. Die relativ starken Arbeitsmarktdaten stützen einerseits die Vermutung, dass die Zinsen demnächst wieder steigen werden. Andererseits waren die wirtschaftlichen Wachstumszahlen zuletzt eher enttäuschend. Zentralbankchefin Janet Yellen äußerte sich entsprechend vorsichtig und vage. Das letzte Fed-Statement wird dahingehend interpretiert, dass die Zinsen bis zum Juni vermutlich niedrig bleiben werden. Für die zweite Hälfte 2015 ist eine erste Zinserhöhung möglich. Die Mehrheit der Analysten und großen institutionellen Anleger rechnet zumindest fest damit.

Erst wenn diese Erwartung nachhaltig enttäuscht wird und die Fed mit einem neuen QE-Programm den Geldhahn wieder aufdreht, dürfte der Boden für eine Wiederaufnahme der Goldhausse bereitet sein (vgl. hierzu auch SI 2/2015, S. 75).

Zinswende überhaupt möglich?
Denn dass die Zinsen in den USA langfristig und vor allem kräftig steigen, erscheint eigentlich ausgeschlossen. Die wirtschaftliche Erholung ist bei weitem nicht so rasant gelaufen, wie sich die Amerikaner das erträumt hatten. Der starke Dollar belastet die Wirtschaft bereits jetzt, die wirklichen Auswirkungen hiervon werden sich erst in ein paar Monaten zeigen. Weiterer Druck auf die US-Wirtschaft kommt aus China. Hier hat die Zentralbank mit deutlichen Zinssenkungen sowie einer zweimaligen Herabsetzung der Mindestreservepflichten für Banken die Weichen auf Abwertung gestellt. Zudem verschulden sich die US-Bürger wieder deutlich stärker, insbesondere für Autokäufe. Knapp 1 Bio. USD wurden ausgereicht, rund ein Viertel hiervon ging an Schuldner mit schlechter Bonität. Die enormen Bildungskredite sind ein weiterer Faktor. Wenn nun die Zinsen deutlich steigen, gerät ausgerechnet jene Generation unter Druck, welche die gewaltigen Staatschulden und Haushaltsdefizite irgendwann einmal finanzieren soll.

Faktor Präsidentenwahl
Einen ersten Anhaltspunkt, wann die Erwartungen an eine Zinswende endgültig enttäuscht werden dürften, gibt die bereits erste Schatten vorauswerfende US-Präsidentenwahl. Wenn die Demokraten das Weiße Haus behalten wollen, dann muss die Wirtschaft brummen. Die zarten Pflänzchen wirtschaftlicher Erholung dürfen dann gerade nicht von möglichen Zinserhöhungen erdrosselt werden. Die Demokraten werden also versuchen, jene Pflänzchen durch kräftiges Wässern mit der Dollargießkanne weiter wachsen zu lassen.

Da Stimuli in etwa erst nach sechs Monaten ihre Wirkung entfalten, müssten diese Ende 2015, Anfang 2016 zum Einsatz kommen. Bis dahin bestünde für den Goldpreis auch noch einmal die „Chance“, unter die psychologisch wichtige Marke von 1.000 USD zu fallen. Dann dürfte das Sentiment der Investoren endgültig auf komplett bearish gedreht sein und der Boden für den Beginn einer neuerlichen Hausse wäre auch aus dieser Perspektive bereitet.

Aber auch wenn die Erwartungen an die US-Zinswende im Herbst 2015 endgültig enttäuscht werden, müssen sich Anleger vermutlich weiter in Geduld üben. Neue Hochs werden wir beim Goldpreis – zumindest in US-Dollar – so schnell nicht wieder sehen. Die Versicherungseigenschaften des Edelmetalls bleiben davon aber unberührt.

Fabian Grummes