Smart Investor 6/2015 – Editorial

An der Börse galten die Energieversorger vor nicht allzu langer Zeit als Witwen- und Waisenpapiere. Aktien, die risikoscheuen Investoren sichere Dividenden und stabile Kurse garantierten. Doch die karge Witwenrente hätte mit e.on oder RWE in den letzten Jahren kaum aufgebessert werden können. Stattdessen sind die Papiere der Versorger auch im siebten Jahr nach der Finanzkrise noch immer nicht vom Fleck gekommen – eine Branche, wie prädestiniert für den großen Turnaround also?

Fundamental sieht auf den ersten Blick doch alles glänzend aus: Die Papiere der großen deutschen Stromkonzerne notieren nahe ihren Buchwerten, die KGVs sind im Vergleich zum breiten Markt nicht zu teuer. Und auch in Zukunft wird das Land nach Strom verlangen. Warum also sollten die Aktien nicht einen neuen Frühling erleben dürfen? Sie könnten es vermutlich, wenn nicht Sünden aus der Vergangenheit „schwer wie Uran“ auf den Bilanzen der Konzerne lasten würden. Sie ahnen vermutlich, worauf ich hinaus will.

In unserer Titelstory (S. 24) haben wir uns daher sowohl mit den Bilanzen der Versorger als auch mit dem, was gerade nicht darin geschrieben steht, befasst. Dabei haben wir interessante Erkenntnisse zu Tage gebracht. Vor allem ist uns jedoch eines aufgefallen: Das Phänomen von unsichtbaren Altlasten scheint nicht auf die Energiebranche beschränkt zu sein, der „finanzielle Fallout“ belastet unser gesamtes Finanzsystem. Denn wie schwarzer Regen ergießt sich die Liquidität der Zentralbanken über unser Wirtschaftssystem. Und genau wie beim sogenannten „Washout“ sehen die Regentropfen – in Form von niedrigen Zinsen – zu Beginn noch völlig harmlos aus.

Im „Großen Bild“ ab S. 44 gehen wir daher den Konsequenzen der Nullzinsen und den daraus resultierenden Crash-Gefahren nach. Nicht zuletzt auch unter dem Einfluss unseres Interviews mit Martin Armstrong im letzten Smart Investor, auf das wir eine beachtliche Resonanz erfahren haben. Wir verfolgen daher auch diesmal wieder kritisch seine jüngsten Aussagen und beschäftigen uns mit dem Kursrutsch an den Anleihemärkten der letzten Wochen.

Über all diese Themen sprechen wir auch mit dem Fondsmanager Armin Zinser aus Paris, einem Querdenker mit „österreichischer“ Grundeinstellung (S. 74). Als Gegenentwurf zum Artikel von Michael von Prollius im letzten Heft stellt Thorsten Polleit ab S. 27 die Theorie des Boom & Bust-Zyklus der österreichischen Schule vor. Wie jedes Jahr im Juni beschäftigen wir außerdem auch diesmal wieder mit den börsennotierten Beteiligungsgesellschaften und deren Zahlen (S. 6).

Passend zum Thema „finanzieller Fallout“ findet übrigens am 6. Juni die „6. Hamburger Mark Banco Anlegertagung“ statt. Das Thema wird diesmal „Adieu, liebe Banken! – Investmentchancen jenseits des €-Bankenkartells“ lauten. Weitere Infos sowie eine Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie unter: www.ifaam-institut.de/veranstaltungen

Auch wenn unser Titelbild Endzeit-Stimmung verbreitet, die Freude am Lesen wollen wir Ihnen dennoch nicht verderben. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre!

Herzlichst

Unterschrift_Christoph