SIW 23/2015: Ein Schnäppchen, das ein Schnäppchen bleibt, ist kein Schnäppchen

Nicht bilanzierte Lasten
Nachdem der Markt vielen Anlegern schlicht und ergreifend davon gelaufen ist, scheint die Suche nach den Branchen mit „Aufholpotential“ mehr als aktuell. Immer wieder werden hier auch die Energieversorger ins Spiel gebracht. Nicht ohne Grund, denn Aktionäre von e.on und RWE haben von der globalen Rally an den Aktienmärkten seit dem Jahr 2009 praktisch nichts mitbekommen. Denn die Welt hat sich für Versorger dramatisch verändert: Die Energiewende und der damit einher gehende komplette Umbruch des Geschäftsmodells sorgt seit Jahren für enttäuschende Zahlen der Strom-Multis. Grund genug für Contrarian-Investoren nun die große Trendwende bei den Versorger-Aktien auszurufen. Denn selbst Star-Investoren wie Warren Buffett stehen der Branche durchaus positiv gegenüber. Mit seinem Tochterunternehmen Berkshire Hathaway Energy gibt das „Orakel aus Omaha“ seiner Energieversorgungstochter (früheren MidAmerican Energy) nun sogar den Namen der berühmten Holdinggesellschaft. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen Buffetts Energieinvestments und deren deutschen Pendants: Die Atomkraftwerke und deren Jahrhundertlasten. Neben dem „finanziellen Fallout“ aus der Vergangenheit kommen auf e.on und RWE nämlich zusätzlich auch noch die Kosten für alternative Kraftwerke und neue Infrastruktur zu. Und allein der Rückbau eines einzigen Meilers wird die Konzerne bis zu 5 Mrd. EUR kosten. Kann diese Mammutaufgabe von den heutigen Versorgern überhaupt alleine geschultert werden? Im aktuellen Smart Investor gehen wir in der Titelstory exakt dieser Frage nach. Denn letztendlich sind die Chancen für einen Turnaround der Versorger durch die bilanzierten, vor allem aber durch die nicht bilanzierten Verbindlichkeiten bestimmt. Am Ende des Tages kommen in der Regel jedoch auch die stillen Lasten ans Tageslicht – genau wie in den letzten Jahren in Griechenland zu beobachten.

Und täglich grüßt das Murmeltier …
Was einst als griechische Tragödie bezeichnet wurde, ist inzwischen zum x-ten Aufguss einer Daily Soap geworden – keiner mag das mehr sehen. Dennoch bleiben Griechenlands Schulden auf dem Spielplan des Euro-Theaters: Drohender Bankrott, nächtliche Verhandlungen, Sanierungsversprechen, Krisengipfel, Geld gefunden, Termin vertagt, „Rettung“ in letzter Minute, gebrochene Versprechungen, Theaterdonner, neue Drohungen, Auflagen, drohender Bankrott, usw. ….  Die Etappenziele dieses Prozesses bestehen aus einer nicht enden wollenden Litanei an Terminen, Zahlungsterminen und Krisentreffen. Am 6. Juni ist es wieder soweit, dann erwartet der IWF eine Überweisung von 1,55 Mrd. EUR aus Athen. Dies ist nur deshalb zum Problem geworden, weil eine „Hilfszahlung“ von 7,2 Mrd. EUR an Athen blockiert wurde. Auf gut Deutsch: Aus der linken Tasche kann nicht bezahlt werden, weil die rechte Tasche zuvor nicht aufgefüllt wurde. Und sie wurde nicht gefüllt, weil es – wieder einmal – mit der Umsetzung der Reformversprechen haperte. Nun soll eine Einigung für die drängendste Frage der IWF-Zahlung gefunden worden sein: „Ich denke, dass wir eine Einigung auf einen gemeinsamen Entwurf erzielt haben“, hieß das diese Woche merkwürdig unbestimmt aus Verhandlungskreisen. Ja, haben wir, oder haben wir nicht? Das ermüdende Hin und Her hat vielleicht auch einen anderen Zweck. Das Publikum ist größtenteils aus der Diskussion ausgestiegen. Was vor Jahren noch zu Entrüstungsstürmen geführt hätte, wird nun schulterzuckend zur Kenntnis genommenen – falls überhaupt. „Die da oben“ machen eh was sie wollen. Dabei betrifft das Thema die Steuerzahler heute nicht weniger als damals. Im Gegenteil: Bundeskanzlerin Merkel machte deutlich, dass sie Griechenland auf jeden Fall retten wolle. Die Bild-Zeitung wählte die Überschrift „Koste es, was es wolle“ mit Bedacht. Unnötig zu erwähnen, dass es bei dieser großzügigen Kalkulation natürlich nicht um das Geld der Kanzlerin geht, sondern um das der Bürger.

Nach dem Trendbruch
Die Überschrift klingt dramatischer als sie ist. Ja, der DAX hat auch den etwas schwächeren Aufwärtstrend (Abb. 1, untere rote Linie) inzwischen unterboten. Auch führte die heutige Aufwärtsbewegung bislang noch nicht zurück in das sichere Terrain oberhalb dieser Linie. Andererseits folgte dem Bruch bislang auch kein Abverkauf. Obwohl das Bild nicht eindeutig ist, deutet das Kursverhalten nicht so sehr auf einen Trendwechsel als auf ein vorübergehendes Auffächern des Aufwärtstrends im Rahmen der laufenden Korrekturbewegung hin. Dabei können durchaus auch noch einmal neue Bewegungstiefs erreicht werden. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass der Aufwärtstrend wieder zurückerobert wird. Möglicherweise ist der Auslöser hierfür eine Einigung im Griechenland-Poker. Diese würde zwar wiederum nur eine zeitlich begrenzte Atempause bedeuten, aber zunächst für Erleichterung an den Märkten sorgen. Langfristig sind die Probleme durch die praktizierte „Rettungspolitik“ nicht zu lösen. Es wird also weiter Zeit gekauft und diese wird vermutlich auch weiter nur unzureichend genutzt werden. Ebenfalls ein „Positivfaktor“ ist die EZB, die Gewehr bei Fuß steht, um mögliche Schwierigkeiten an den Finanzmärkten durch frisches Geld in Schach zu halten. Wir sehen nicht, warum sich an dieser Linie etwas ändern sollte. Größere Gefahrenmomente erwarten wir dann besonders im Herbst, wobei wir die Prognose von Martin Armstrong (Smart Investor 5/2015) durchaus im Hinterkopf behalten.

 

2015-06-03_DAX

 

Dramatisch ging es in den letzten drei Tagen erneut beim Bund-Future bergab (Vgl. Abb. 2). Nachdem der Mai über weite Teile eine Erholung des vorangegangenen Abwärtsimpulses brachte, zeigt die Kursentwicklung bei den Bundesanleihen seit Anfang Juni wieder deutlich nach unten. In nur drei Handelstagen gingen nicht nur die gesamten Kurszuwächse der Erholungsbewegung verloren, es wurden auch neue Bewegungstiefs markiert.

 

2015-06-03_BUND

 

Hinsichtlich der Entwicklung des Silber-Preises dürfen wir noch einmal auf den SIW 22/2015 von letzter Woche verweisen. Bis auf wenige Cents hat sich der Kurs nun wieder dem Ausbruchsniveau angenähert und verläuft nun knapp über dem dort gezeigten, steilen Abwärtstrend aus dem Jahr 2013. Bleibt der Ausbruch gültig, wäre das auch kurzfristig positiv. Ein Rückfall müsste allerdings erst wieder verdaut werden, der Bodenbildungsprozess wäre dadurch aber nicht in Frage gestellt.

Musterdepot Aktien & Fonds
Im heutigen Musterdepot informieren wir Sie über die Abspaltung der Immobiliensparte unseres Musterdepotwertes CK Hutchison und berichten von einer ausgeführten Order aus der Vorwoche. Nähere Informationen finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 6/2015
Finanzieller Fallout – Nicht nur in der Energiewirtschaft

Aktivistische Investoren: Ungebetener Einfluss mit wertsteigernder Wirkung

Beteiligungsgesellschaften: Die deutschen Holdingesellschaften im Zahlencheck

Österreichische Schule: Auf den Boom folgt zwingend der Bust

 

 

 

 

Cleantech Invest 2015
Wir möchten Sie auf ein Special unserer Schwesterpublikation GoingPublic Magazin hinweisen. coverIn Kooperation mit dem Öko Invest Verlag und dem Smart Investor ist soeben die Ausgabe „Cleantech Invest 2015 – Investieren in Sonne, Wind & Co.!“ erschienen. Im Mittelpunkt des Magazins steht eine Bestandsaufnahme von Märkten, Technologien und Finanzierungstrends im Kontext der enormen Herausforderungen, denen sich die Branche stellen muss. Werden die Kosten bei den erneuerbaren Energien mittelfristig wettbewerbsfähig? Wie schreitet die Digitalisierung in der Energietechnik voran? Gelingt der Ausbau der E-Mobilität? Dazu kommen Experten und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verbänden sowie Emittenten in Form von Gastbeiträgen und Interviews zu Wort.

Sie können als Leser des Smart Investor die Ausgabe kostenlos als E-Magazin unter http://gp-mag.de/sicleantech lesen. Wir wünschen eine interessante Lektüre

Fazit
Alles kommt irgendwann wieder ans Tageslicht, was lange genug unter den Teppich gekehrt wird. Es kostet schlichtweg zu viel „Energie“, die Dinge auf Dauer zu verschleiern. Wie in Griechenland so bei den Energieversorgern – es ist lediglich eine Frage der Zeit.

Ralph Malisch, Christoph Karl

 

 

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.