Smart Investor 6/2014 – London

London ist eine Stadt, die jeder zumindest einmal im Leben gesehen haben sollte. Die britische Weltmetropole ist so facettenreich und interessant, dass sich manch einer sogar Sorgen über den Gemütszustand jener Leute macht, denen es dort nicht gefällt. Schon im 18. Jahrhundert sagte jedenfalls der britische Gelehrte Samuel Johnson Folgendes: „Wenn jemand London überdrüssig ist, ist er des Lebens überdrüssig, denn London hat alles, was das Leben bieten kann.“

© David Iliff / www.fotolia.comLiebhaber der Stadt teilen diese Einschätzung sicherlich heute noch. Daten und Umfragen zufolge hat die Stadt an der Themse in der Tat viel zu bieten. Beim Mercer Quality of Living Survey landete London wegen der vielen Staus und der Luftverschmutzung zwar nur auf Platz 40, sonst hagelt es aber oft Spitzenplätze. So führt London den Global Destination Cities Index von MasterCard als meistbesuchte Stadt an. Im Global Cities Index 2014 des US-Beratungsunternehmens A.T. Kearney, der Städte in Bezug auf wirtschaftliche Aktivität, Humankapital, Informationsaustausch, kulturelles Erleben und politisches Engagement bewertet, nimmt London den 2. Platz ein. Laut dem Global Economic Power Index des US- Städteforschers Richard Florida belegt London gemessen an Kriterien wie Bruttoregionalprodukt, Stärke des Finanzplatzes, globale Wettbewerbsfähigkeit, soziale Gleichbehandlung und Lebensqualität ebenfalls Platz 2.

Sehr hohe Wohnkosten
Im weltweiten Vergleich ganz vorne mit dabei ist man allerdings auch bei den öffentlich installierten Überwachungskameras. Wer Wert auf Privatsphäre legt, dem wird das vermutlich missfallen. Viele Deutsche hält das aber ebenso wenig wie die im Großraum London lebenden 14,1 Mio. Menschen davon ab, zumindest temporär ihre Zelte in London aufzustellen. Erleichtert wird das durch die britische EU-Mitgliedschaft, die einen Zuzug rechtlich unproblematisch macht. Eine größere Herausforderung stellt dagegen das für ein Leben nötige Finanzbudget dar. Auf den Geldbeutel drücken vor allem die Wohnkosten. Einer Studie des Research-Instituts Capital Economics ist zu entnehmen, dass der Anteil am Einkommen, der für die Miete draufgeht, von 2011 bis 2014 von knapp 35% auf 40% gestiegen ist. Zum Vergleich: 2013 betrug dieser Anteil in Frankfurt am Main 21,4%. Auch der Kauf einer Immobilie entschärft dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Die Hauspreise in London übersteigen die britischen Durchschnittspreise um das 2,2-Fache.

Die Suche nach dem passenden Lebensmittelpunkt in den 33 Stadtteilen wird folglich sehr stark über das Portemonnaie bestimmt. Viel Praktisches weiß dazu Robert Rößler, Berater bei einer großen weltweit tätigen PR-Agentur, zu berichten. „In Stadteilen wie Chelsea, Kensington/Holland Park/Notting Hill ist die Lebensqualität sehr hoch. Dafür sorgen viele Parks und Grünflächen, die zentrale Lage, U-Bahn-Stationen, von denen aus man schnell überall hinkommt, exquisite Boutiquen, saubere Straßen sowie eine geringe Kriminalität.“ Leisten können sich das aber nur Leute mit sehr gutem Einkommen. Normalverdiener weichen dagegen eher auf Stadtteile aus, die zwar weiter vom Zentrum entfernt sind, dafür aber noch bezahlbar sind. Rößler zählt dazu Acton, Ealing, Islington/Camden/Clerkenwell und Blackheath. Seiner Einschätzung zufolge haben Stadteile wie Hackney, Hoxton und Brixton in den vergangenen Jahren einen ziemlichen Aufschwung erlebt. Mittlerweile boome auch Ostlondon, weil dort Olympia 2012 für einen gewaltigen Schub gesorgt hat. Dort zu leben sei wegen vieler Grünflächen und noch halbwegs erschwinglicher Immobilienpreise insbesondere für jüngere Menschen und junge Familien interessant. Was in London lebende Deutsche angeht, ziehe es Familien mit Kindern häufig nach Richmond. „Dort befindet sich die deutsche Schule, an der Unterricht teilweise auf Deutsch abgehalten wird und die das deutsche Schulsystem widerspiegelt. Das bedeutet bei einer Rückkehr nach Deutschland keine Probleme mit der Einstufung. Zudem ist Richmond ein sehr schöner und begehrter (und sehr teurer) Ort“, erklärt Rößler, der seit sieben Jahren in London lebt.

Deutsche mit neutral-positivem Image
Etwas kompensiert werden die hohen Wohnkosten durch die deutlich über dem Landesdurchschnitt liegende Einkommen. So beziffert die deutsche Gesellschaft zur Außenwirtschaftsförderung GTAI die durchschnittlichen Bruttojahreslöhne im Fiskaljahr 2013/14 landesweit auf 27.195 GBP (umgerechnet rund 32.253 EUR). In London liegt dieser Betrag bei 35.069 GBP, was fast 30% über dem britischen Durchschnitt liegt. Eine Stelle zu finden ist zumindest für qualifizierte Arbeitnehmer in der Regel kein allzu großes Problem. Laut Deutsch-Britischer Industrie- und Handelskammer ist besonders die Nachfrage nach mehrsprachigen Ingenieuren sehr groß. Erleichtert wird ein Einstieg auch dadurch, dass im Vereinigten Königreich allgemein grundsätzlich etwas weniger Wert auf Studienfach, Zeugnisse, formale Qualifikationen und Abschlüsse gelegt wird als in Deutschland. Wirklich entscheidend sind laut GTAI bei der Stellenbesetzung konkrete Kenntnisse und Erfahrungen, die mit den betreffenden Tätigkeitsanforderungen in Einklang zu bringen sind. Was die schlagzeilenträchtigen Diskussionen um die Begrenzung der Einwanderung nach Großbritannien angeht, sieht Rößler keine Probleme für alle, die etwas bieten, was gesucht wird. „Deutsche haben es prinzipiell nicht schwer und genießen im Großen und Ganzen ein neutral-positives Image. Verbunden werden mit ihnen typische Klischees wie humorlos, aber effizient, nicht superkreativ, aber logisch denkend.“

Fazit
Wie fast überall werden zu Beginn eines Aufenthaltes auch in London gewisse Hürden auftauchen. Mit Offenheit und Flexibilität lässt sich das aber meistern. Rössler sieht sein persönliches London-Abenteuer jedenfalls als Chance und unglaubliche Lebensbereicherung. „London ist anstrengend und schnell, aber wenn man sich mittreiben lässt, ist es eine wunderbare Erfahrung.“ Allerdings räumt er ein, dass das Wohnungsthema diese Erfahrung auch leidvoll mache. Zudem steigt das Wohlstandsgefälle, mit all den damit verbundenen Problemen, und vermutlich werden diese Schwierigkeiten nicht weniger werden. Von der Stadt ist er trotzdem nach wie vor begeistert. „Die Möglichkeiten sind einmalig. Wer Action, Kultur, Musik, Kunst, Abwechslung, Essen sucht, findet dies im Überfluss. Wer Ruhe will, findet immer einen Park oder ruhige Ecken.“ Viele London-Liebhaber dürften ihm bei dieser Bestandsaufnahme zustimmen.