Smart Investor 9/2015 – Börse statt Seifenoper

Der chinesische Bullenmarkt, der im Juni sein jähes Ende fand, drückte dem ganzen Land seinen Stempel auf. Innerhalb von nur acht Monaten stiegen die Kurse um 160%. Die Blase brachte schnellen, wenn auch wenig dauerhaften Reichtum für viele Chinesen. Sie trieb dabei nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die klassischen Blüten einer Masseneuphorie.

Spätestens ab April fiel auf, dass mehr und mehr Chinesen intensiv die Börsenkurse studierten. Egal ob im McDonald’s oder im Starbucks, im Bus oder in der Metro – wo bisher via Smartphone die neuesten Seifenopern geguckt wurden, betrachteten die Bürger nun Aktiencharts. Im Fitnessstudio liefen statt der üblichen unlustigen Hongkong-Kung-fu-Filme oder der Wiederholungen der letzten Premier-League-Partien Börsensendungen, in denen vermeintliche Experten anhand von „Charts“ extrapolierten, dass man selbst mit einem nur bescheidenen Investment in diese oder jene Aktie innerhalb von drei Monaten zum Millionär werden würde.

In die chinesische Provinz wurden US-Börsengurus wie z.B. Jim Rogers eingeflogen. Auf obskuren, als „Investmentforen“ getarnten Werbeveranstaltungen sollten sie dem interessierten (und selbstverständlich zahlenden) Publikum ihre heißesten Aktientipps verraten.

Hausfrauen, die zuvor noch nie mit der Börse in Kontakt geraten waren, investierten plötzlich in Baukonzerne, Immobilienentwickler oder Automobilzulieferer und erfreuten sich an Buchgewinnen im zwei- bis dreistelligen Prozentbereich. Ihre „Erfolge“ kommunizierten sie offenherzig. So wurden immer mehr Chinesen in den Bann der Blase gezogen. Ganz zuletzt erfuhr man (oft genug ungefragt) häufiger von Menschen, dass sie ihren Job gekündigt hatten, um sich ganz dem „Spielen mit Aktien“ zu widmen. Auch Käufe von Wohnungen, die preislich weit über dem lagen, was der eigene Geldbeutel zugelassen hätte, wurden zunehmend die Norm. Die famosen Gewinne der Aktienanlagen ließen die Käufe finanzierbar erscheinen. Mit dem Platzen der Blase endeten zumeist auch derlei Träume. Über ihre Verluste bewahren – anders als bei ihren Gewinnen – die meisten „Träumer“ Stillschweigen.

Im Rausch eines Aktienbooms verhalten sich Chinesen also nicht anders als US-Amerikaner oder Bundesbürger. Hier wie dort verfallen die Menschen kollektiv dem Rausch und kommen nur nach und nach und einzeln wieder zu Sinnen. Zudem lernen nur wenige aus ihren Fehlern. Zwischen dem Platzen der letzten China-Blase und den diesjährigen Ereignissen liegen gerade einmal knappe acht Jahre – ähnlich lange wie die Zeitspanne zwischen dem Platzen der New Economy bzw. Neuer-Markt-Blase und dem Ende des Höhenflugs des US-amerikanischen Häusermarktes.

Fabian Grummes