SIW 46/2015: Der Letzte seiner Art

Innerer Kompass vs. Chaos
Der Tod Helmut Schmidts macht den Bürgern des Landes einmal mehr schmerzlich bewusst, wie weit unter Niveau sie aktuell regiert werden. Der Lieblingskanzler der Deutschen im Vergleich zur halsstarrigen und überforderten Amtsinhaberin, die den Begriff Staatsversagen geradezu personifiziert – größer könnte der Gegensatz nicht sein. Hier die Charisma-freie „Mutti“, die ihre 180-Grad-Wendungen zu „Alternativlosigkeiten“ stilisiert, dort der knorrige Altkanzler, den sein innerer Kompass auch durch schwerstes Fahrwasser leitete. Seine stets hanseatisch trocken servierten Einsichten erwiesen sich oft genug als Volltreffer – manchmal erst Jahre später. Dabei war es weniger Schmidts Attribut „Weltökonom“, das uns gefiel. Als Austrians sind wir gerade in diesem Punkt stets skeptisch gewesen. Aber, über die Toten nur Gutes. Seinen Kult-Status erreichte Schmidt vor allem nach seiner Amtszeit. Während andere Spitzenpolitiker nach dem aktiven Dienst zügig – und oft genug zu Recht – in der Versenkung verschwinden, lief „Schmidt Schnauze“ zur Hochform auf. Befreit von den Zwängen des Amtes, schrieb und sagte er, was er dachte – keineswegs immer zum Vergnügen seiner Nachfolger in Amt und Partei. Von zeitgeistiger Sprachverblödung wie etwa der politischen Korrektheit zeigte sich der stets präzise Formulierende völlig unbeeindruckt. Es war seine Offenheit, mit der er sich die Zuneigung der Bürger erwarb – weit über die eigene aktive Zeit hinaus. Dabei packte er auch heiße Eisen an, erinnert sei nur an seine Andeutungen über die Existenz eines Staatsterrorismus – wohl gemerkt nicht von einem „Verschwörungstheoretiker“, sondern von einem Bundeskanzler a.D. Schmidt ließ sich zwar nicht verbiegen, aber er ließ sich in die Pflicht nehmen – etwas von Schmidts Respekt vor dem Amt und seinem Pflichtgefühl gegenüber den Wählern würde der Politik auch heute wieder gut anstehen.

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Scheinkorrelation und falsche Kausalität
Selbst beim blauen Dunst war Schmidt unzeitgeistig unbequem. Als die neuen Gesundheitsapostel ausschwärmten, das Rauchen zu ächten, da quarzte der Altkanzler unverdrossen weiter. Wer daraus nun irgendwelche Schlüsse nach dem Motto „Schau mal an, der Schmidt hat geraucht wie ein Schlot und ist 96 geworden“ ziehen will, der sei dennoch gewarnt: Ein Einzelfall hat keinerlei statistische Aussagekraft. Anders ausgedrückt, für das Kollektiv der Raucher war Helmut Schmidt ein ziemlich untypischer Fall. Raucher, die ihren Genuss oder auch ihre Sucht mit Helmut Schmidt rechtfertigen wollen, argumentieren daher ohne echte Substanz. Und auch eine Scheinkorrelation bzw. Scheinkausalität lässt sich in diesem Zusammenhang erkennen: Nach Jahrzehnten des Nikotinkonsums gab Schmidt schließlich das Rauchen auf und starb kurze Zeit später. Der oberflächliche Betrachter mag diese Abfolge als Rechtfertigung für die Fortsetzung des eigenen Nikotinkonsums missbrauchen. Dabei war die eigentliche Kausalität natürlich umgekehrt: Weil es Schmidt zunehmend schlechter ging, ließ er zuletzt auch noch von seinen geliebten Zigaretten. Wir erwähnen das deshalb, weil Börsianer besonders anfällig für Scheinkorrelationen und falsche Kausalitäten sind.

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2015-11-11_DAX

DAX vor Dreifach-Widerstand
Beim DAX stehen wir aktuell vor einer spannenden Entscheidung. Die Anfang Oktober begonnene Erholungsbewegung ist nun an einem massiven dreifachen Widerstand (vgl. Abb., gelbe Markierung) angekommen und tut sich dort entsprechend schwer. Zum einen kommt von oben die Abwärtslinie (blau) vom Allzeithoch im April 2015 in Reichweite. Unmittelbar darunter verläuft die 200-Tage-Linie (rot), die von Technischen Analysten gerne als langfristige Trendindikation genutzt wird. Wiederum knapp darunter befindet sich die „magische“ Marke von 11.000 Punkten (grüne Waagrechte). Solche großen, runden Zahlen wirken je nach Lage tendenziell als Unterstützung, oder – wie hier – als Widerstand. Der dreifache Widerstand bedeutet allerdings nicht, dass der Kursaufschwung in diesem Bereich zwangsläufig scheitern muss. Vielmehr ist darin eine bedeutende Entscheidungsmarke zu sehen. Gelingt es dem DAX den Bereich von 11.000 bis 11.100 Punkten nachhaltig zu überwinden, dann wäre dies ein Zeichen echter Stärke und ließe weitere Kursgewinne erwarten. Für Letzteres spräche nicht nur der Rückenwind durch die weiter höchst expansive Politik der EZB, sondern auch die günstige Saisonfigur.

Goldminen – historisch tiefe Bewertung
Relativ traurig sieht es dagegen nach wie vor im Edelmetallbereich aus. Pünktlich zur Internationalen Edelmetall- und Rohstoffmesse in München brachten Äußerungen von Fed-Chefin Yellen den Goldpreis erneut ins Rutschen. Trotzdem zeigte sich die Messe – allerdings in verkleinertem Rahmen – gut besucht. Natürlich war nach mehr als vier Jahren Baisse die Zuversicht früherer Jahre einer gewissen Nachdenklichkeit gewichen. Aus Contrarian-Sicht ist das positiv. Zudem sind, wie Erich B. Maier vom Nestor Gold Fonds heute in einem Conference Call aufzeigte, die Goldminen durch die härteste Baisse seit Jahrzehnten gegangen und nun historisch preiswert. Da mehr als 95% der Marktteilnehmer hier inzwischen untergewichtet sind, gehört dieser Sektor nach unserer Auffassung allemal auf die Beobachtungsliste.

Update zu Beteiligungsgesellschaften
Im Laufe der letzten Tage haben wir die Hauptversammlungen von zwei Beteiligungsgesellschaften besucht, die Grünwalder Corona Equity Partner AG und die Münchener Solvesta AG. Die beiden Unternehmen beobachten wir seit längerem, auch in unserem aktuellen Heft haben wir im „Nebenwert-Potpourri“ über diese Aktien berichtet.

Die Neuigkeit bei Corona (WKN 634118, akt. Kurs 0,111 EUR) besteht vor allem darin, dass auf der Hauptversammlung die vorgeschlagene Kapitalherabsetzung (im Verhältnis 5:1) völlig überraschend abgelehnt wurde. Ausschlaggebend dafür waren vor allem die Stimmen des Großaktionärs Karl-Friedrich Kalmund. Der Vertreter des zweiten Großaktionärs, Uto Baader, verließ pünktlich zur Abstimmung den Saal, nur um wenige Minuten später wieder zurückzukommen. Ein Schelm, wer dabei an einen Zufall glaubt. Den Beschluss über die geplante Kapitalerhöhung nahm die Verwaltung angesichts dieses Ergebnisses von der Tagesordnung. Corona kann sich ohne Kapitalzusammenlegung allerdings kein frisches Eigenkapital besorgen, die Insolvenzgefahr ist daher noch einmal gestiegen. Denn frisches Geld wird dringend benötigt, zur Tilgung einer im Frühjahr 2016 fälligen Wandelanleihe und für Finanzlöcher bei der defizitären Tochter SBF. Einzig und allein die Verlängerung der Anleihe würde der Gesellschaft nun wohl noch etwas Zeit verschaffen, wie wahrscheinlich dies ist, lässt sich jedoch schwer abschätzen.

Die Solvesta AG (WKN A12UKD, akt. Kurs 28,00 EUR) befindet sich dagegen gerade erst am Anfang. Auf der ersten ordentlichen Hauptversammlung erläuterte Vorstand Dr. Patrik Fahlenbach noch einmal sein Konzept, den Erwerb von Sanierungsfällen direkt von Insolvenzverwaltern. Mit der ersten Beteiligung, der Helima Gruppe aus Wuppertal, hat Solvesta eine Gesellschaft mit rund 8 Mio. EUR Eigenkapital und einem geplanten Umsatz von 26 Mio. EUR in 2016 gekauft. Der Kapitaleinsatz betrug laut den Infos auf der Hauptversammlung lediglich 0,5 Mio. EUR. Zur Beurteilung der Erfolgschancen dieses Deals ist es wohl noch zu früh, Anleger sollten die Gesellschaft jedoch im Auge behalten. Lediglich wenn die ersten Transaktionen gelingen, wird sich die aktuelle Bewertung der Börse von einem „Papierwert“ in einen reellen Wert ummünzen lassen – wir werden daher an dieser Aktie dranbleiben.

Musterdepot Aktien & Fonds
Wir haben uns erneut von einem Teil unserer Parkposition getrennt und neue Titel in unser Depot aufgenommen sowie bei bestehenden Aktienpositionen aufgestockt. Nähere Informationen zu unseren Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 11/2015

Nebenwerte: Wo das Perlentauchen lohnt

 

Potash-Branche: Stehen Kali-Salze vor einem neuen Boom?

 

Immobilien-Aktien: Übernahmekarussell wird immer schneller

 

Peak-Government: Wenn sich der Staat selbst überfordert

 

 

 

Fazit
Mit dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt verliert das Land eine der letzten mahnenden Stimmen von Gewicht. Auch Schmidts Kanzlerschaft war nicht ohne Herausforderungen. Von Merkel unterschied ihn jedoch, dass er Probleme mit Augenmaß anging und sie nicht selbst schuf.

 

Christoph Karl, Ralph Malisch

 

 

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