Löcher in der Matrix – Hiebe statt Beute

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Serie mit Fausthieb beendet: Polizei zeigt Mieter an, weil er einen Serien-Einbrecher K.O. schlug“ (focus.de, 10.11.2015)

Es ist eine Geschichte, die das Publikum in Wallung bringt. Dafür sorgt schon die Aufbereitung der Nachricht, die zwar auf maximale Empörung gebürstet ist, dafür aber auch angreifbar wurde: Ein mutiger Mieter streckt einen Serieneinbrecher mit einem Faustschlag nieder und erhält von den eintreffenden Ordnungshütern dafür nicht etwa Anerkennung, sondern eine Anzeige. Dass sicher auch der Einbrecher eine Anzeige erhielt, wird beispielsweise nicht erwähnt, unterstreicht aber den Eindruck von zweierlei Maß.

Aus der Absatzüberschrift „Einbrecher hatte Schraubenzieher in der Hand“, entsteht zudem mühelos das Bild einer Notwehrsituation. Da kann die abgedruckte Botschaft der Polizei: „Hausbesitzer dürfen Einbrecher bis zum Eintreffen der Polizei festhalten, aber nicht niederschlagen“ nur noch als blanke Häme empfunden werden. Der 17jährige Serieneinbrecher, „auf dessen Konto laut Polizei mehr als 200 ähnliche Delikte gehen“, war sogar „polizeibekannt“. Da wird sich der Leser fragen, warum der Bursche offenbar ebenso intensiv wie ungehindert „tätig“ war? Die absehbare Reaktion ist Empörung – die Kommentarspalte füllt sich, die Klickzahlen steigen – Mission erfüllt!

Eine offenbar schwere Körperverletzung – der Einbrecher „selbst war nicht in der Lage mitzuteilen, ob er eine Strafverfolgung wünscht“ – ist ein Offizialdelikt. Wenig Verständnis bei focus.de, dass die Beamten vor Ort gar nicht anders konnten, als eine Anzeige zu schreiben. So berechtigt die Kritik daran ist, dass sich das eigentliche Opfer eines Einbruchs flugs selbst vor Gericht wiederfinden kann, diese Kritik wäre objektiv vermittelt um einiges glaubwürdiger gewesen.

Auch ist die Polizei für solche Missstände im Lande schlicht der falsche Adressat – sie muss lediglich ausbaden, was Politik und Justiz anrichten. Selbst wenn da steht „Die Polizei erklärt“, ist die Regel „Festhalten, aber nicht niederschlagen“ natürlich keine Regel der Polizei. Der Gesetzgeber und die Gerichte sind aufgerufen, das „Berufsrisiko“ von Einbrechern durch die Anwendung solcher Schreibtischtäter-Regeln nicht künstlich abzusenken. Dass ein Bürger im Stress einer solchen Situation überreagieren kann, ist allzu menschlich – zumal er die Gewaltbereitschaft seines Gegenübers in Sekundenbruchteilen kaum realistisch einschätzen kann. Festhalten und „mit Wattebällchen werfen“, wird überspitzt gesagt sicher niemanden abschrecken.

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