Löcher in der Matrix – Moral als Staatsraison

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Angela Merkel ist jetzt die Anführerin des Westens“ (www.welt.de)

Wenn Magazine oder Sender Ranglisten aufstellen oder Preise vergeben, haftet dem nicht selten der unappetitliche Geschmack der Anbiederung an: Das sexiest woman westlich von Santa Fe steht dann vielleicht doch für eine Fotostrecke zur Verfügung, und der Rehkitz-Preisträger für eine Homestory. Anders sieht es nur aus, wenn der Academy Award vergeben wird.

Das Time Magazine hat nun die Person des Jahres gekürt. And the prize goes to … Angela Merkel. Bloß ein weiteres Ranking also, bitte weiter zur Tagesordnung? Nein, denn die Begründung ist bemerkenswert, und ebenso das breite Medienecho, nicht nur hierzulande. „Die Demokratie ist auf Konsens angewiesen und auf die Zustimmung der Bürger. Aber Time erinnert daran, dass Führung in Demokratien eben auch darin besteht, dass Politiker vorangehen und dann versuchen, die Bürger zu überzeugen“ analysiert die Welt.

„Anführer werden nur dann getestet, wenn ihnen die Leute nicht folgen“, schreibt Time-Edelfeder Nancy Gibbs. Und Merkel habe sich nicht für den einfachen Weg entschieden. „Sie hat ihrem Land mehr abverlangt, als die meisten Politiker wagen würden, sie hat moralische Führung bewiesen in einer Welt, in der es genau daran mangelt“ heißt es in der Begründung. Moral als Staatsraison, postuliert in einem Land, in dem das „America first“ unantastbar ist: Was geht denn hier ab?
Vom streng zynischen Standpunkt aus kann man sagen: Merkel wegen ihrer Moral auszuzeichnen ist in etwa so gerechtfertigt wie seinerzeit der Friedensnobelpreis für Drohnenkrieg-Präsident Obama. Denn bislang steht Merkels Amtszeit eher für Pragmatismus. Aber auch der kann moralisch sein, haben wir nun alle gelernt, weil Pragmatismus als Gegenteil von Ideologie häufig zu sehr guten Lösungen kommt.

Die Entscheidung des Time Magazine spiegelt eine große Sehnsucht nach Moral wider. In den USA, wo Donald Trump verbal und andere Enttäuschte ständig real Amok laufen, aber auch hierzulande: Abgasskandal, Zinsmanipulationen, brennende Asylbewerberunterkünfte reichen als Begründung. Politik und Wirtschaft als kurzweilige Abfolge von Skandalen und Durchstechereien zu definieren, das ist so falsch nicht. Dass die Bundeskanzlerin gegen das allgemeine Getöse (und die mehrheitliche Meinung hier in der Redaktion) Griechenland unterstützt, gegen das allgemeine Getöse (und die mehrheitliche Meinung hier in der Redaktion) Deutschland ein menschliches Antlitz in der Asylfrage gibt und die Annexion der Krim als solche klar bezeichnet, macht sie tatsächlich zu einer Anführerin.
Moral als Staatsraison – das ist doch mal ein interessanter Ansatz, vor allem vor dem Hintergrund: Was gibt es denn tatsächlich zu verlieren?

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