SIW 51/2015: Federal Lottery of America

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Ein sicheres Ding, oder doch nicht?
„Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen,“ sagte Karl Valentin, der berühmte Komiker. Doch die Worte des bayerischen Originals Valentin finden bei den Auguren, die die Fed in diesen Tagen interpretieren, wenig Gehör. Zu verlockend erscheint die Versuchung, jede einzelne Äußerung der Fed-Vorsitzenden Janet Yellen und ihres Open Market Committees auf die Goldwaage zu legen. Zwar hingen die Märkte auch schon an den Lippen von Janet Yellens Vorgängern Ben Bernanke oder Alan Greenspan, die aktuelle Fixierung auf die Notenbank der USA und ihre Zinsentscheide hat jedoch schon etwas von einer Obsession. Dabei müssten sich die Marktteilnehmer fragen, was denn eigentlich an diesem Mittwoch um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit tatsächlich zu erwarten ist? Ja, mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit wird Janet Yellen eine Anhebung des US-Leitzinses um 25 Basispunkte bekanntgeben. Und das ist alles? Genau dies ist seit Wochen Konsens unter den Marktbeobachtern. Mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 85% lässt sich diese  Erwartungshaltung aus den Fed-Fund-Futures, also aus Terminkontrakten auf die US-Leitzinsen, herleiten. Tritt jedoch ein Ereignis ein, mit dem jeder bereits rechnet, ist es ein Nicht-Ereignis. Ein tatsächliches Ereignis wäre es dagegen, würde das für sicher Gehaltene ausbleiben. Denn dann müsste die Fed erklären, warum sie nun bereits seit Jahren über eine Normalisierung der Zinsen spricht, offensichtlich aber den Mut dazu nicht aufbringt.

Mut ist keine Frage der Mathematik
Bislang versteckte sich die Fed vor allem hinter volkswirtschaftlichen Daten, die angeblich noch keine Grundlage für eine Zinsanhebung bieten würden. Allerdings ist die US-Ökonomie nun bereits im siebten Jahr eines konjunkturellen Aufschwungs. Was genau traut die Fed also der US-Volkswirtschaft nicht zu? Klar, vor allem achten die Notenbanker auf die US-Arbeitsmarktdaten. Diese deuten nach wie vor nicht an, dass es sich um einen „normalen Aufschwung“ handelt. Was also tun, um die passende Begründung zu finden, ohne sich selbst unglaubwürdig zu machen? Man sucht sich eine neue Begründung! Interessant ist daher die jüngste Äußerung von Janet Yellen, die bereits den Weg für eine Abkehr von der Daten-Abhängigkeit ebnet. Zinsen auf dem heutigen Niveau, so Yellen, würden zum Eingehen exzessiver Risiken führen und könnten damit die Stabilität des Finanzmarktes gefährden. Damit ließe sich heute Abend auch begründen, warum es trotz der zuletzt sogar wieder leicht enttäuschenden Arbeitsmarktzahlen einen Zinsschritt geben müsse. Letztendlich lässt sich also gar nichts prognostizieren. Gute Gründe dürfte es für beides geben, Zinsschritt oder nicht. Was sollte also der Contrarian tun, der sich gegen die Meinung der Masse stellen will (erst im letzten Smart Investor Weekly 50/2016 gingen wir im Detail darauf ein)? Idealerweise die Füße stillhalten. Denn wenn alle glauben es besser zu wissen, ist es besser zu wissen, dass man nichts weiß. So, und damit hätten nun auch wir unsere Meinung zu der US-Zinsentscheidung gesagt, auch wenn dies natürlich angesichts unserer Einleitung leicht bescheuert wirkt! Unsere mittelfristige Einschätzung zur Geldpolitik in den USA und in Europa, den Währungen, der Konjunktur, den Aktienmärkten und den Rohstoffen im neuen Jahr lesen sie übrigens im neuen Smart Investor, der dieses Wochenende erscheint.

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Zu den Märkten
Der gestrige Handelstag im DAX brachte nach einem ziemlich desillusionierenden Dezember-Auftakt einen kleinen Befreiungsschlag. Natürlich keimen nun unmittelbar die Hoffnungen auf eine Jahresendrally wieder auf. Auch wenn wir uns aktuell in der Zeit des Wünschens befinden, sollte man sich vor Wunschdenken hüten. Die Chartsituation ist nämlich weiter alles andere als eindeutig. Die heftige Aufwärtsreaktion des gestrigen Tages muss nicht zwangsläufig eine Trendwende gewesen sein. Nach einem Kursrutsch von 1.300 Punkten in nur zehn Handelstagen war der Index reif für eine technische Reaktion. Wer auf fallende Kurse spekuliert hatte, deckt sich ein und treibt im Rahmen dieses „Short Covering“ die Kurse wieder nach oben. Allerdings ist das ein Effekt, der relativ schnell verpufft, falls Anschlusskäufe ausbleiben. Aktuell befindet sich der DAX in der Widerstandszone zwischen 10.500 bis 10.600 Punkten (gelbes Rechteck), die zügig überwunden werden müsste, um die Chance auf eine Jahresendrally zu erhalten. Positiv ist, dass es durchaus ein Interesse der großen Marktteilnehmer gibt, zum Jahresende ein wenig Bilanzkosmetik zu betreiben – soweit der Plan. Allerdings können im Gefolge der heutigen Fed-Entscheidung durchaus heftigere Marktverwerfungen entstehen, falls die Erwartungen nicht getroffen wurden oder aber bereits vollständig eingepreist waren. Über das mitunter falsche Gefühl der Sicherheit sprachen wir ja bereits letzte Woche. Auch beim anstehenden großen Verfallstermin am Freitag, dem sogenannten „Hexensabbat“ könnte es noch einmal turbulent werden. Ernsthaft prognostizieren lässt sich das Kursverhalten der nächsten beiden Handelstage also nicht – vorweihnachtliche Ruhe geht anders.

 

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Andererseits haben wir mit dem Instrument der Relativen Stärke eine echte Zusatzinformation für Engagements in Einzeltiteln. Die zweite Abbildung zeigt die Aktie der Deutschen Lufthansa zusammen mit einem Relativchart zum DAX (unterer Bereich). Bereits während des Indexrückgangs ist hier deutlich eine relativ stärkere Entwicklung der der Aktie gegenüber dem Gesamtmarkt zu erkennen, die sich bis heute fortsetzte (grüner Kreis). Eine solche Konstellation ist für Long-Engagements deshalb attraktiv, weil der Titel bereits Stärke signalisierte, tatsächlich aber noch zu fallenden absoluten Preisen gekauft werden konnte. Auch die entgegengesetzte Vorgehensweise, die schwächsten Titel in einer extremen Abwärtsbewegung zu kaufen, kann sinnvoll sein – hier geht es dann allerdings nicht um eine mittelfristiges Engagement in einem trendstarken Titel, sondern um eine heftige Gegenreaktion durch Short-Eindeckungen.

Musterdepot Aktien & Fonds
Lesen Sie im heutigen Musterdepot über den Neuerwerb einer Aktienposition und einen Optionsschein, den wir in unser Depot aufnehmen. Nähere Informationen finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Fazit
Die vorliegende Ausgabe des Smart Investor Weekly (SIW) ist die letzte des Jahres 2015. Wir bedanken uns für Ihr Interesse, Ihre Treue und Ihre Anregungen. Am kommenden Wochenende erscheint die erste Printausgabe für das neue Jahr – Smart Investor 1/2016. Der erste SIW des neuen Jahres kommt dann feiertagsbedingt am 13. Januar 2016 heraus. Bis dahin wünschen wir Ihnen friedvolle und besinnliche Feiertage. Rutschen Sie gut rüber!

 

Ralph Malisch, Christoph Karl und Ralf Flierl

 

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.