Smart Investor 2/2016 – „Kleinere Brötchen“

Furchteinflößende Kurven zogen das Publikum in den Bann

Gedrückte Stimmung
Vor dem Hintergrund massiv rückläufiger Ölpreise und Aktienkurse fand die diesjährige Internationale Kapitalanleger-Tagung der ZfU in Zürich statt. Naturgemäß drückte das schlechte Marktumfeld auf die Stimmung der Wirtschafts- und Kapitalmarktexperten. Vom scheidenden ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn über Felix W. Zulauf, Nouriel Roubini bis zu Edward Yardeni – um nur einige Namen zu nennen – referierten einige der brillantesten Köpfe der Branche vor rund 100 Teilnehmern. In einer sich rasch wandelnden und unübersichtlichen Welt fielen die Einschätzungen so unterschiedlich aus, wie schon lange nicht mehr. Tagungsleiter Philipp Vorndran von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch gab mit seiner Losung von den „kleineren Brötchen“, die im laufenden Jahr gebacken würden, so etwas wie den roten Faden vor – aber nicht einmal diese Aussage war konsensfähig. Hans-Werner Sinn zog beispielsweise Parallelen zwischen der Lehman-Pleite und dem aktuellen China-Crash und bezweifelte, ob es dieses Jahr überhaupt Brötchen zu verdienen gebe.

China – hart oder weich?
Wie nicht anders zu erwarten, stand also die chinesische Malaise im Zentrum der Betrachtungen. Ähnlich negativ wie Sinn ordnete der langjährige „Barron’s Roundtable“-Teilnehmer Zulauf den China-Crash ein (vgl. Kasten S. 22 im SI 2/2016). Aber es waren auch moderatere Töne zu hören, etwa von dem bekannten US-Analysten Ed Yardeni, der die aktuellen Verwerfungen nicht für das „Endgame“ hielt (vgl. Interview, S. 74 im SI 2/2016). Diese seien vielmehr eine Folge des Übergangs der chinesischen Volkswirtschaft von einer Produktions- zu einer Dienstleistungsorientierung. Selbst Nouriel Roubini, der in der Vergangenheit häufiger vor einem „Hard Landing“ Chinas warnte, sieht nun eher die softe Variante. Die Wachstumsrate werde sich bei 5% einpendeln, aber es werde holprig. Dass sich in China etwas grundlegend verändere, könne man schon anhand der Autos vor den gehobenen Hotels ablesen, so Vorndran. Waren dort noch vor drei Jahren auffällig viele Lamborghinis und Porsches zu sehen, so gehe es dort heute kaum noch über einen Audi A6 hinaus. Es sei nicht mehr opportun seinen Reichtum im neuen „Marxismus 4.0“ zu zeigen, dessen Ziel eine nur „moderat wohlhabende“ Bevölkerung sei.

Neben den Turbulenzen am chinesischen Aktienmarkt machte vor allem der chinesische Renminbi Sorgen. Hier wird allgemein eine weitere Abschwächung angenommen, wobei sich Felix W. Zulauf auch einen regelrechten Absturz vorstellen kann. Der Renminbi ist allerdings nicht die einzige Währung, die unter verschärfter Beobachtung der Marktteilnehmer steht. Praktisch alle Schwellenländer-Währungen sind im letzten Jahr gefallen, was auf ein grundsätzlicheres Problem hindeutet. Davon konnte vor allem der US-Dollar profitieren. Vincent Strauss von Comgest Global Investors verwies darauf, dass die Abkoppelung der Emerging Markets von den Industrieländern in der Vergangenheit nur ein Mythos war. In den nächsten fünf bis zehn Jahren könnte sie aber Realität werden. In diese Kerbe schlug auch Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank, der auf den Aufbau eigener länderübergreifender Strukturen durch die aufstrebenden Länder verwies. Diese hätten vom Westen inzwischen die Nase voll. Hellmeyer sieht in der „Entglobalisierung“ ein großes Risiko: Der Westen gegen Russland. Shanghai gegen den Rest der Welt. Zunehmend machten heterogene, egozentrische Politikansätze Schule. Abwertungswettläufe seien ein Indiz in diese Richtung. Auch das Scheitern der WTO-Doha-Runde könnte ein Zeichen der Entglobalisierung sein. Die bilateralen Ersatzabkommen wie TISA, CETA, TTIP, etc. haben nach Einschätzung des Außenpolitikexperten Andreas Zumach jedoch keine Chance auf Ratifizierung und Umsetzung. Laut Yardeni bleiben wir – auch aufgrund der demographischen Situation – in der Ära der säkularen Stagnation.

Währungsperspektiven

Hans-Werner Sinn
Prof. Hans-Werner Sinn zog Parallelen zwischen Lehman-Pleite und China-Crash

Wenn es um Währungen geht, steht aus europäischer Sicht, das Verhältnis des US-Dollar zum Euro im Vordergrund. Dieses Austauschverhältnis wird neben den Zins- und Wachstumsdifferenzen vor allem auch von der Wahrnehmung beeinflusst, auf die wiederum die Kursbewegungen zurückwirken. Obwohl ein kurzfristiges Erreichen der Parität nicht ausgeschlossen wurde, war die Mehrzahl der Vortragenden positiv für den Euro gestimmt. Chris Zwermann sieht ihn auf fast allen Gebieten als „heillos unterbewertet“ an. Nach einer Konsolidierung und einer US-Zinssenkung(!) könnte es Richtung 1,26 USD/EUR gehen. Kurse von 1,15 USD/EUR hält er für wahrscheinlicher als die Parität. Auch Philipp Vorndran sieht für den Euro eher positive Überraschungen, für den US-Dollar dagegen negative. Hellmeyer betonte, dass die USA nach der Finanzkrise nichts gegen ihre enorme strukturelle Schwäche getan hätten, sondern alleine auf Gelddrucken und Finanzkosmetik vertrauten. Dagegen seien die Reformländer der Eurozone bereits ein gutes Stück vorangekommen. Das zeige sich besonders an den dort erzielten Wachstumsraten. Hellmeyer bemühte Aristoteles: Die Reform der Strukturen sei entscheidend, um in der Folge auch verbesserte Wirtschaftszahlen und Haushaltssalden zu erreichen. So sei das Wachstum der Einzelhandelsumsätze in der Eurozone inzwischen wieder einkommensgetrieben, während es in den USA kreditgetrieben bliebe.

Sonderthema Politik
Warum der USD dennoch bislang so relativ stark ist, muss nicht nur am besseren Marketing der US-Wirtschaftszahlen liegen. Roubini machte etliche „Fragilitätselemente“ in der Eurozone aus: „Die Migrationsfrage ist zu einer Zeitbombe für Europa geworden.“ Sehr viele Dschihadisten hätten europäische Pässe. Der Terror könne den Konsum und damit die Wirtschaft erreichen. Auch die Konfrontation zwischen Griechenland und der EU sowie ein möglicher Austritt der Briten seien zusätzliche Belastungsfaktoren. Dazu komme EU-weit das Erstarken kritischer Parteien. Kritik am Establishment ist allerdings kein rein europäisches Phänomen. Laut Felix Zulauf, zeigten die Erfolge von Donald Trump, dass auch dort das Volk die Nase voll habe. Ein US-Präsident Trump sei möglich. Das bestätigt indirekt auch Ed Yardeni, der Hillary Clinton in Anspielung auf ihre Korruptionsaffären als Hillary „Macbeth“ apostrophierte.

(lesen Sie den restlichen Artikel im Smart Investor 2/2016 ab Seite 18)