Löcher in der Matrix – Dicke Hose, Leere Taschen

„Sattes Plus ab 1. Juli: Kabinett winkt Rentenerhöhung durch“ (n-tv.de, 20.4.2016)

„Sicherung der Sozialsysteme – Schäuble will späteren Rentenbeginn“ (mdr.de, 21.4.2016)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochEs gibt Nachrichten, die passen auf den ersten Blick nicht so recht zusammen – mitunter nicht einmal auf den zweiten. Am 20.4. jubelte bild.de noch über die „Höchste Renten-Erhöhung seit 23 Jahren!“ Das Blatt ist auf der Suche nach Lesern und mimt gerne den Anwalt einer jeden Gruppe, die nur groß genug ist. Etwas verhaltener berichtete da schon n-tv.de: Vom „Durchwinken“ war da die Rede, was signalisiert, dass man die Entscheidung nicht für ganz sachgerecht hielt. Tatsächlich dürften sich viele die Augen gerieben haben, dass die Regierung Merkel in Zeiten mannigfacher, selbst geschaffener Probleme und chronisch leerer Taschen, bei den Rentnern schon wieder auf „dicke Hose“ macht.

Nur einen Tag später kam dann Nachricht Nummer 2, die so gar nicht zu der des Vortages passen wollte. Wolfgang Schäuble dachte über eine „flexiblere Altersgrenze“ für den Renteneintritt nach, was im Kontext der Alterung der Gesellschaft natürlich eine Erhöhung des Renteneintrittsalters bedeutet. Noch deutlicher wurde die Junge Union, die die Grenze schrittweise von 67 auf 70 Jahre verschieben will. Allzu viel scheint man sich von den massenhaft ins Land strömenden, überwiegend jungen, „geschenkten Menschen“ für die Sozialsysteme nicht mehr zu versprechen. Auch das Gesundheitssystem steht – zum wievielten Male eigentlich? – vor einer Kostenexplosion.

Erst auf den dritten Blick passen die beiden Nachrichten dann doch so halbwegs zusammen: Gehen wir doch einmal spaßeshalber davon aus, dass dem durchschnittlichen Polit-Apparatschik die Zukunft jenseits der eigenen Amtszeit relativ egal ist. Dann bleibt als primäre Motivation für den Gang in die Politik das Amt selbst – also an den Futtertrog zu gelangen und sich dort möglichst lange zu halten. Während in einer Diktatur die Knute genügt, gibt es in der Demokratie Wähler, die bei Laune gehalten werden wollen und so regnet es auch bei knappen Kassen allerlei „Geschenke“ – die klassische Wählerbestechung also. Damit lassen sich die bereits erfolgten und noch geplanten Rentenmaßnahmen (Rekorderhöhung, Mütterrente, „Lebensleistungsrente“ & Co.) relativ zwanglos erklären. Das politökonomische Paradoxon besteht ja gerade darin, dass in einer überalternden Gesellschaft, die Alten die Mehrheit bilden und damit bestimmen, wo es lang geht – auch wenn dies gesamtökonomisch noch so verfehlt ist. Nach uns die Sintflut. Die gleichzeitige Erhöhung des Renteneintrittsalters ist dagegen das Zuckerl für die Jungen, das sich im Geldbeutel „gerecht“ anfühlen soll, während der eigene Renteneintritt ja noch unendlich weit entfernt liegt. Direkt negativ betroffen sind nur die Übergangsjahrgänge, die zwar zunächst die Zeche für den Spagat bezahlen – dann aber schon bald dem glücklichen Rentnerkollektiv zugeschlagen werden.

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