SIW 34/2016: Prevent gegen Goliath

Warum es bei Drohungen bleiben sollte
Der Konflikt zwischen dem VW-Konzern und dem bosnisch-deutschen Zulieferergeflecht Prevent hat viele Facetten. Zunächst einmal ist es eine absolute Rarität, dass Streitigkeiten in der Vertragsauslegung derart öffentlichkeitswirksam ausgetragen werden. Unter normalen Umständen haben Unternehmen kein Interesse daran, mit solchen Meldungen auf den Titelseiten zu landen. Es spricht also einiges dafür, dass sich zumindest eines der beiden Unternehmen nicht in „normalen Umständen“ befindet und deshalb bewusst die Eskalation gesucht hat. Generell sind die Geschäftsbeziehungen zwischen einem großen Montagewerk wie VW und seinen Zulieferern selten ganz ungetrübt. Die Zulieferer operieren in einem Spannungsfeld, das im Wesentlichen durch den Preisdruck des Abnehmers geprägt ist. Um sich aus der Abhängigkeit nur eines großen Kunden herauszubewegen haben sich in der einst zersplitterten Branche große Zulieferkonglomerate gebildet, die zum einen eine größere Verhandlungsmacht haben, zum anderen aber auch selbst technologisches Wissen aufbauen konnten. Mancher Autokonzern hat eben im Ergebnis nicht nur seine Produktion ausgelagert, sondern auch einen Teil seines technischen Know-Hows für bestimmte Baugruppen. Die Abhängigkeit ist also durchaus wechselseitiger Natur. Die aus dieser Konstellation prinzipiell gegebene Drohkulisse schwingt in der gesamten Geschäftsbeziehung mit, lebt aber davon, dass sie sich nicht materialisiert. Insbesondere Zulieferer sind sich in aller Regel nur zu bewusst, dass sie diesen Trumpf nur genau einmal ausspielen können. Diese Ultima Ratio ist also eher als Unfall innerhalb des normalen Geschäftsgangs zu bewerten. Denn danach ist das Tischtuch so zerschnitten, wie jetzt zwischen VW und Prevent.

Aktualität vs. Relevanz
Für Börsianer ist in diesem Zusammenhang interessant, wie die Geschichte unsere Wahrnehmung des VW-Konzerns in den letzten Wochen geprägt hat, von der Prevent-Gruppe dürften die meisten noch nicht allzu viel gehört haben. Selbst bei – steuerlich absetzbaren – Verlusten von 100 Mio. EUR ist das gesamte Scharmützel in keiner Weise prägend für den VW-Konzern oder dessen Zukunftsaussichten, wohl aber für dessen Außenwahrnehmung in jüngster Zeit. In der Behavioral Finance würde man dieses Phänomen wohl als eine Mischung aus Aktualitätsverzerrung und Verfügbarkeitsheuristik bewerten. Nicht die relevantesten Informationen finden Eingang in eine Entscheidung, sondern jene, die verfügbar sind oder sich aktuell in den Vordergrund drängen. In der Titelstory des neuen Smart Investor 9/2016, der zum Wochenende erscheint, widmen wir uns dem faszinierenden Feld der Börsenpsychologie nach dem Motto „Erkenne dich selbst!“

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Immobile Schizophrenie
Es ist das typische Verhalten überforderter Politiker: Läuft eine Entwicklung in die falsche Richtung, wird nicht etwa an der Ursache gearbeitet, sondern mit einer neuen Regelung „entgegengesteuert“. Idealerweise lässt sich damit nämlich das Image des politischen Machers verbinden, der beherzt die Interessen des Wahlvolkes durchsetzt. Aus nächster Nähe beobachten lässt sich dies derzeit am Immobilienmarkt, der traditionell zum Opfer von Symbolpolitik wird. Große „Errungenschaften“ wie die Mietpreisbremse sollen hier den Zorn des wohnenden Volkes zähmen, während man sich gleichzeitig über eine zu geringe Bautätigkeit wundert. Um diese anzukurbeln werden dann wiederum steuerliche Erleichterungen versprochen, die im Gegenzug durch entsprechende Vorschriften konterkariert werden. Ganz aktuell ist nun die Angst vor einer Blase am bereits leicht überhitzten Immobilienmarkt Auslöser für diese Schizophrenie. Denn einerseits ist mit der EZB natürlich die verlängerte Werkbank der Politik für die Nullzinsen verantwortlich, die den steten Zufluss an Kapital in Grund- und Boden erst ausgelöst hat. Mit entsprechenden Gesetzen will man diesen nun jedoch andererseits wieder bremsen.

Interventionsspirale
So gibt es neuerdings Bestrebungen der Regierung, ein sogenanntes Wohnkreditregister aufzubauen. Besonders auf die beiden Kennzahlen „Loan to Value“ und „Income to Value“ haben es die Datensammler dabei abgesehen – zusammengefasst also den noch gläsernen Immobilienbesitzer. Basierend auf den erhobenen Daten könnte die BaFin anschließend Obergrenzen für Kreditfinanzierungen festlegen, z.B. in Höhe von 60 oder 80% des Beleihungswertes. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich schon heute die Fortsetzung  dieser Interventionsspirale vorzustellen. Denn während der mit entsprechendem Eigenkapital ausgestattete Investor dann weiterhin befeuert durch günstige Kredite am Immobilienmarkt spielen darf, bleibt dem Niedriglöhner dies verwehrt. Ein Thema, das zu lösen „richtig und wichtig“ ist. Wir dürfen also gespannt bleiben! Mit der Wechselwirkung von Niedrigzinsen und den gleichzeitig nicht von der Hand zu weisenden Risiken am Immobilienmarkt haben wir uns auch im neuen Smart Investor beschäftigt, der am Samstag in Ihrem Briefkasten ist. Darin finden Sie unter anderem die bedeutendsten deutschen und österreichischen Immobilien-AGs im Überblick. Daneben haben wir uns mit dem Immobilienexperten Helmut Kurz vom Bankhaus Ellwanger & Geiger unterhalten und mit ihm ein ungewöhnliches Zinsszenario durchgespielt.

2016_08_24 USD

Zu den Märkten
Auch schwerpunktmäßige Aktieninvestoren sollten die Entwicklung der wichtigsten Währungsrelationen nicht aus den Augen verlieren. Besonders deutlich zeigte sich das im laufenden Jahr in Gefolge des unerwarteten Brexit-Votums der Briten. Die Verunsicherung über den weiteren Gang der Dinge führte erst einmal zu einem deutlichen Kursrückgang des britischen Pfundes gegenüber dem Euro. Gleichzeitig setzten einige – aber nicht alle – britischen Aktien zu einem Höhenflug an. Das galt besonders für jene Geschäftsmodelle, die von der Währungskrise nicht oder nur unwesentlich betroffen waren, die aber dennoch für Investoren, die in Euro oder US-Dollar rechnen, schlagartig preiswert geworden waren. In abgemilderter Form sahen wir diesen Effekt auch bis zur Jahresmitte 2015 im DAX: Dessen Stärke reflektierte im Wesentlichen die Schwäche des Euro. Übrigens liefert aktuell die Charttechnik der USD/EUR-Relation ein schönes Beispiel für den Aktualitätsbias (vgl. Abb.). Zwar ist der US-Dollar aus seinem kurzfristigen Aufwärtstrend herausgefallen, was erst einmal negativ zu bewerten ist (vgl. Abb., kleines Bild rechts oben).Tritt man jedoch ein paar Schritte zurück und betrachtet das große Bild im Langfristchart, dann ist dieser Bereich fast nicht sichtbar (gelbe Markierung). Der US-Dollar befindet sich noch immer komfortabel in seinem Konsolidierungsbereich nach dem fulminanten Anstieg der Vorjahre. Auch ist der Bruch des langfristigen Abwärtstrends bis heute uneingeschränkt gültig. Die Standarderwartung eines solchen Chartbilds besteht letztlich klar in weiter ansteigenden Kursen. Das deckt sich auch mit unserer fundamentalen Einschätzung: Die Probleme des Euro und die Europas sind deutlich größer und in ihrer mittel- bis langfristigen Dynamik deutlich schwerwiegender als die der USA. Das soll nun nicht bedeuten, dass die Amerikaner nicht selbst einen riesigen Problemberg vor sich herschieben würden. Aber Währungsrelationen geben eben kein absolutes Urteil über die Güte einer Währung ab, sondern nur ein Relatives. Und da braucht es nicht besonders viel, um gegenüber dem Euro gut auszusehen. Der US-Dollar ist ein bisschen wie das mäßig attraktive Mädchen, das sich am liebsten in Gesellschaft ihrer hässlichen Freundin zeigt.

Veranstaltungshinweis
Schon heute dürfen wir auf die Konferenz 2016 des Ludwig von Mises Institut Deutschland aufmerksam machen, die am 8. Oktober im Hotel „Bayerischer Hof“ in München stattfinden wird. Unter dem Motto „Besseres Geld für die Welt“ stellen Jörg Guido Hülsmann, Thorsten Polleit, Joseph Huber, Philipp Bagus und Aaron Koenig Entwürfe für eine bessere Geldordnung vor. Ein spannendes Thema, das buchstäblich jeden betrifft. Nähere Infos und Anmeldung unter www.misesde.org/konferenz2016

Musterdepot Aktien & Fonds
Erinnern Sie sich noch an die Hauptversammlung von Teldar-Paper im Film Wall Street? Der Börsenhai Gordon Gekko – gespielt von Michael Douglas – greift dort den überbezahlten und dennoch wenig erfolgreichen Vorstand des Unternehmens mit seiner berühmt gewordenen „Greed is good“-Rede frontal an. In der Realität gibt es so etwas nicht? Lesen Sie in unserem heutigen Musterdepot, bei welchem deutschen Unternehmen auf der Hauptversammlung am Freitag ein solcher filmreifer Showdown ansteht. Mehr dazu auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Fazit
In der Wirtschaft wird mit zunehmend harten Bandagen gekämpft. Neu dabei ist, dass diese Konflikte inzwischen ungeniert im Lichte der Öffentlichkeit ausgetragen werden.

Ralph Malisch, Christoph Karl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.