Smart Investor 10/2016 – POTUS reloaded

Unsere Analyse des US-Wahlkampfes aus dem Smart Investor 10/2016, der am 24.9.16 erschienen ist

Das kleinere Übel
„Der Feind Deines Feindes ist nicht notwendigerweise Dein Freund.“ Darauf wies vor wenigen Tagen der US-Bestseller-Autor G. Edward Griffin („Die Kreatur von Jekyll Island“) in Anspielung auf den US-Präsidentschaftswahlkampf hin. Für viele Wähler sind weder Hillary Clinton noch Donald Trump Wunschkandidaten für die demnächst vakante Position des POTUS – President of the United States. Schon der Verlauf der Vorwahlen war durchaus pikant. Während das Establishment der Demokraten alles daran setzte, den Linksausleger Bernie Sanders zu verhindern, und dabei gewann, schafften es die Republikaner nicht, ihren Außenseiter Trump rechtzeitig abzufangen. Lieber ohne Trump verlieren, als mit ihm zu gewinnen, schien die Losung einiger Parteioberen gewesen zu sein.

Zur Wahl stehen damit nun die bestens vernetzte Kandidatin des Establishments, Hillary Clinton, und der zum Outlaw stilisierte Donald Trump. In normalen Zeiten würde diese Konstellation eindeutig für Clinton sprechen – aber erstens sind dies keine normalen Zeiten und zweitens befinden wir uns in Amerika. Und die Amerikaner haben durchaus einen Faible für Außenseiter und hemdsärmelige Typen. Das amerikanische Motto „You can fight City Hall – and win!“ ist nirgendwo so schön in Szene gesetzt wie in dem Hollywood-Klassiker „Mr. Smith geht nach Washington“. Trump mag einer der unbeliebtesten Kandidaten innerhalb seiner eigenen Partei sein, im Volk ist er es nicht. Clinton dagegen ist sowohl an der Parteibasis als auch in weiten Teilen des Volkes regelrecht verhasst. Beides hat Gründe.

Intransparenz hat einen Namen
Whitewater, Bengasi, Clinton-Foundation, etc. – Hillarys Werdegang ist gespickt mit Geschichten, die Zweifel an Ihrer Integrität aufkommen lassen. Politisch umgeworfen hat sie nichts davon. Selbst die E-Mail-Affäre – sie war als Außenministerin extrem sorglos im Umgang mit geheimen Informationen – überstand sie ohne größere Blessuren.

Normalsterblichen hätten wohl Amtsverlust und Anklage gedroht, aber an Clinton perlte noch jede Affäre ab. Wer sich ein Bild über das Finanzgebaren der Familie Clinton machen will, dem sei das Werk „Clinton Cash“ von Peter Schweizer empfohlen, das inzwischen auch in einer sehenswerten Verfilmung auf YouTube unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=7LYRUOd_QoM verfügbar ist.

Wie krank ist Hillary?

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DER SPIEGEL 25/2016: Heilige Mission oder heilige Einfalt?

Unabhängig davon verzeihen Wähler ihren Politikern durchaus eine gewisse Schlitzohrigkeit, wenn die Grenze zu purer Raffgier nicht allzu deutlich überschritten wird. Was sie aber auf keinen Fall tolerieren, ist Schwäche. Ins Weiße Haus wird man nicht aus Mitleid gewählt. Clintons Gegner haben daher in ihrem Gesundheitszustand, der fast noch geheimnisumwitterter als ihre Finanztransaktionen ist, ein reiches Betätigungsfeld gefunden. Weil Clinton es auch in dieser Sache an Offenheit missen lässt, schießen die Spekulationen ins Kraut.

Während der Mainstream dies heute als Verschwörungstheorien abtut, fand man es seinerzeit völlig in Ordnung, den republikanischen Kandidaten McCain aufgrund seines Alters zum öffentlichen „Gesundheitsstriptease“ zu zwingen. Im Unterschied zu Clinton lieferte McCain damals weit über 1.000 Seiten an Arztberichten. Vorläufiger Höhepunkt der aktuellen Gesundheitsdiskussion war Hillarys Zusammenbruch am Rande der 9/11-Gedenkveranstaltung. Wenn man diese Bilder sieht, fragt man sich schon, wie Clinton die Strapazen des Amtes aushalten will? Besonderes Augenmerk sollte man daher auf Clintons Running Mate Tim Kaine legen, der bereits von Präsident Obama als ein „wahrhaft Progressiver“ geadelt wurde und praktisch durch die Hintertür ins Oval Office gelangen könnte.

Relativ weißere Weste

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DER SPIEGEL 38/2016: Trump als Gefahr für die Welt. Propaganda statt Information.

Normalerweise wäre Clintons Werdegang als ehemalige First Lady und frühere Außenministerin ein klarer Bonus für die Kandidatur. Allerdings bringt sie neben der Erfahrung auch etliche Altlasten aus dieser Zeit mit. Da kann Newcomer Trump leicht die relativ weißere Weste präsentieren. Das hindert den deutschen Mainstream freilich nicht daran, vom @realDonaldTrump ein unglaubliches Zerrbild zu vermitteln, während die von Korruptionsvorwürfen geschüttelte Clinton zur Hoffnungsträgerin stilisiert wird (vgl. diverse Spiegel-Cover).

Objektivität dürfen Sie hier durch die Bank nicht erwarten. Auch der reale Obama blieb bekanntlich weit hinter dem Slogan „Yes We Can!“ zurück, den der Mainstream der Öffentlichkeit vermittelte. Aus Sicht der deutschen Leitmedien scheinen die Kandidaten der Republikaner generell Hinterwäldler, die der Demokraten dagegen aufgeschlossene Weltbürger zu sein. Falls es eine Kulturbarriere zwischen Europa und den USA gibt, dann zeigt sie sich an dieser Stelle besonders deutlich. Aber die Meinung der deutschen Medien ist lediglich ein Indikator für das Gewollte, in der Sache ist sie vollkommen irrelevant.

Phänomen Trump
Gefährlich für Trumps Kampagne könnten vor allem eventuelle Unregelmäßigkeiten in seinen Geschäften werden, die das transportierte Bild des erfolgreichen Machers beschädigen. Seine markigen Sprüche, die hierzulande für hyperventilierende Empörung sorgen, sind dagegen eher ein Pfund, mit dem er beim amerikanischen Wähler wuchern kann. Das meiste davon dürfte ohnehin Wahlkampfrhetorik sein, die bei einem Amtsantritt schnell vergessen ist. Ein Clown ist Trump jedenfalls nicht. Viel eher ist er ein Geschäftsmann, der mit sicherem Instinkt erfasst hat, wie er dem Wähler das Produkt Trump schmackhaft machen kann.

Der kalkulierte Tabubruch gegen die selbsternannte, politisch korrekte Sprachpolizei ist eine der Marktlücken, die Trump entdeckt hat und konsequent ausbeutet. Vollkommen falsch wird vermutlich auch Trumps Stand bei den Minderheiten eingeschätzt. Denn er hat erkannt, dass der Graben nicht etwa zwischen Weiß und Schwarz, sondern zwischen Legal und Illegal verläuft. Unter den legalen Einwanderern – die Illegalen haben ohnehin keine Stimme – dürfte er, sehr zum Ärger der Demokraten, durchaus punkten können.

(lesen Sie im Smart Investor 10/2016 ab S. 26 außerdem über die Positionen der Kandidaten, mögliche Überraschungen und krude Theorien)