Smart Investor 12/2016 – Editorial

Das hatten sich unsere Politiker und Pressevertreter ganz anders vorgestellt. Man war auf Clinton und ein Weiter-wie-bisher eingerichtet. Aber „The Donald“ bzw. die rund 51% der amerikanischen Wähler haben einen dicken Strich durch deren Rechnung gemacht.

Dass ich die Merkel-Regierung sehr kritisch sehe, ist offensichtlich. Dass aber unsere „Führungs-Elite“ im Austausch von politischen Gesten und Botschaften dermaßen versagt, das hätte selbst ich nicht für möglich gehalten. So vermied die Bundeskanzlerin bewusst einen entschiedenen Glückwunsch und ermahnte Trump gar zur Orientierung an demokratischen Werten! Ausgerechnet Merkel, die Deutschland fast schon im Alleingang regiert und sich bei den wirklich wichtigen Entscheidungen der letzten Jahren über Vereinbarungen und Gesetze hinweggesetzt hat. Das gleiche trostlose Bild gibt Frank-Walter Steinmeier ab, der sich auch noch als Kandidat für das Bundespräsidentenamt empfiehlt. Er bezeichnete Trump im Vorfeld als „Hassprediger“ und verweigerte schließlich die absolut übliche Gratulation.

Zuerst verscherzen es sich unsere Politiker auf Geheiß der Obama-Regierung mit den Russen. Jetzt vergraulen wir auch die Amerikaner unter Trump. Und zu allem Überfluss ist nun noch das Tischtuch mit den Türken zerschnitten. Deutschland strebt auf die totale Isolation zu – wie übrigens schon zweimal im letzten Jahrhundert! Das sollen die Interessensvertreter Deutschlands sein?

Unsere Medien zeigten sich nach Trumps Wahlsieg ebenso fassungslos und nachtretend. Nein, keine Spur von Selbstreflexion in Anbetracht deren Hetztiraden während der letzten Monate. DER SPIEGEL lässt in seiner Nachwahlausgabe gar einen Kometen in Form von Trumps Kopf auf die Erde zurasen und titelt dabei: „Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)“.

Spiegel Trump CoverDass mit Donald Trumps Präsidentschaft etwas zu Ende geht, das möchte ich noch nicht einmal abstreiten. Die Frage ist doch vielmehr: Was wird zu Ende gehen? Wie Sie unserem Titelbild entnehmen können, sehen wir in Trump eher die Chance, dass mit vielen Fehlentwicklungen der letzten Jahre endlich Schluss ist. Auch wenn man ihn als Person nicht unbedingt mögen muss – Trump hat das Zeug dazu, ein Loch in die Matrix aus politischer Korrektheit, Doppelmoral und Illusion zu reißen. Nehmen wir als Beispiel die Außenpolitik: Hillary Clinton hat bei genauer Betrachtung einen anzustrebenden militärischen Konflikt mit Russland in Syrien angedeutet! Trump dagegen telefonierte gleich nach seinem Wahlsieg in versöhnlicher Weise mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Chinas Generalsekretär Xi Jinping. Alleine an diesem Punkt erübrigt sich schon jede Diskussion darüber, ob Hillary Clinton der bessere Kandidat war. Unter ihr wäre die SPIEGEL-Headline womöglich ein Volltreffer im wahrsten Sinne des Wortes geworden. Mehr zu Trump im Interview mit William Engahl auf S. 18 und in unserem „Großen Bild“ ab S. 48.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht

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