Smart Investor 1/2017 – Anleihen

Smart Investor sprach mit Stephen Jones, CIO des Anleihespezialisten Kames Capital, über den Trump-Crash bei Bonds, die Zinswende in den USA und die politischen Risiken in Europa.

 Smart Investor: Mr. Jones, ihr Haus ist für die Expertise bei Rentenfonds bekannt. Mit Ihren Fonds versuchen Sie Anleihen zu finden, mit denen Sie unabhängig von den Marktschwankungen eine Überrendite, also sogenanntes Alpha, generieren können. Ich könnte mir derzeit leichtere Aufgaben vorstellen…
Jones: Das ist sicher richtig [lacht]. Unser Ansatz ist es, auf das globale Bond-Universum zu blicken und das komplette Spektrum von Treasuries oder europäischen Staatsanleihen über Corporate Bonds bis hin zu Mortgage-Backed Securities anzusehen. Durch ein relativ flexibles Fondsmandat können wir dabei z.B. in unserem Strategic Global Bond Fund jederzeit eine bestmögliche Kapitalallokation betreiben und eine Rendite erwirtschaften, die über dem globalen Barclays Fixed Income Index liegt.

Smart Investor: Die Wahl von Donald Trump hat auch in diesem globalen Index zuletzt Spuren hinterlassen. Die Rendite von Treasuries ist um ca. 0,5% angestiegen, ein gewaltiger Sprung nach oben. Haben wir damit das Renditetief an den Rentenmärkten gesehen?
Jones: Die Wahl Trumps war das alles dominierende Ereignis. Der Barclays-Index lag alleine im November bei einem Minus von rund 3%. Die Märkte haben nach der Wahl von Trump das komplette Gegenteil davon getan, was alle erwartet hatten. Riskante Assets konnten eine Rally hinlegen, während sichere Häfen wie Anleihen einen Einbruch erlitten haben. Wir haben aktuell den Fokus auf kurzen Laufzeiten und mögen Unternehmensanleihen und Kreditinstrumente lieber als Staatsanleihen. Die Volkswirtschaften sehen unserer Meinung nach relativ robust aus, mit Trump sehen wir eventuell sogar eine weitere Verbesserung der Ertragslage der Unternehmen. Die Fed wird daher vermutlich im Dezember einen weiteren Zinsschritt wagen, 2017 wird es dann eine weitere graduelle Anpassung geben. Aber das wird die Wirtschaft in diesem Umfeld nicht abwürgen. Kurz gesagt: Ja, ich könnte mir vorstellen, dass wir in den USA das Zinstief gesehen haben. Die Normalisierung wird aber sehr schonend für die Märkte vonstattengehen.

Smart Investor: Weniger robust könnte die Wirtschaft dagegen in Europa sein. Die Zinsen dürften dort auch mittelfristig nahe null bleiben. Aber wie groß kann der Spread zu den US-Zinsen noch werden?
Jones: Ich denke, wir müssen uns um den Spread keine Sorgen machen. Die Fed wird sehr behutsam vorgehen, es wird daher zu keinen Marktverwerfungen kommen. Sie wird mit ihrer Geldpolitik das Programm von Trump und dessen Leitmotiv „Make America great again“ unterstützen. Andererseits wird auch weiterhin viel ausländisches Kapital nach Amerika fließen, um dort vom leicht höheren Zinsniveau zu profitieren. Das klingt jetzt vielleicht alles zu optimistisch. Aber mein Kernszenario für 2017 ist folgendes: Wir werden gute Wachstumszahlen sehen, die Inflation wird niedrig bleiben und die Zentralbanken werden vorsichtig bleiben. Klar ist aber auch: Die Tail-Risks, also die Chancen auf ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, haben zugenommen. Dafür sorgt alleine schon die politische Unsicherheit in Europa…

Smart Investor: Passen die geplanten Infrastrukturmaßnahmen und die Fiskalpolitik von Trump tatsächlich zu einem Umfeld leicht steigender Zinsen? Wie groß dürfte dessen Einfluss auf die Geldpolitik und die Federal Reserve sein?
Jones: Die Zinskurve wird auf jeden Fall steiler werden, davon muss man ausgehen. Lediglich wenn die Fed ihre Meinung zum Zielwert bei den kurzfristigen Zinsen nach oben korrigiert, bekommen wir Probleme. Wir haben andererseits noch keine konkreten Tweets von Trump zu seinen Infrastruktur-Plänen gelesen; dies scheint nun ja der offizielle Kanal der Kommunikation zu sein. Auf der anderen Seite werden wir vermutlich eine Repatriierung von Auslandsvermögen der US-Unternehmen sehen, und dabei handelt es sich um Billionenbeträge. Die US-Wirtschaft dürfte also durchaus einen moderaten Zinsanstieg verkraften können. Aber warten wir die Tweets von Trump ab [lacht].

Smart Investor: In Europa haben wir gerade Renzis Niederlage beim italienischen Verfassungs-Referendum gesehen. 2017 stehen damit möglicherweise Wahlen in Italien, den Niederlanden und Frankreich an. Sie könnten allesamt von Euro-Kritikern gewonnen werden. Die von Ihnen beschriebenen Tail-Risks könnten damit schneller Realität werden, als Ihnen lieb ist…
Jones: 2017 wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein definierendes Jahr für Europa und den Euro werden. Wir haben das Establishment jetzt mehrmals verlieren sehen, sei es Clinton, Cameron oder Renzi. Draghi und die EZB schließen derzeit die Lücke, die das politische Vakuum lässt. Mit niedrigen Zinsen tut die EZB derzeit das, was sowohl Kerneuropa als auch der Peripherie am besten hilft. Warum sollte Draghi also aus einem Problem ein größeres Problem machen? Aus der Perspektive eines außerhalb Europas sitzenden Investors stellt sich dennoch die Frage, ob ein Investment in der Eurozone attraktiv ist. Denn durch die Wahlen 2017 oder Ereignisse, wie wir sie gerade in Italien sehen, gibt es jede Menge Unsicherheit über die Zukunft der Eurozone.

Smart Investor: Es könnte 2017 also an vielen Ecken für die Rentenmärkte entscheidende Weichenstellungen geben. Mit welcher ganz konkreten Allokation starten Sie daher in Ihren Fonds in das neue Jahr?
Jones: Wir werden vorsichtig bleiben, was die Laufzeiten betrifft. Vielleicht steigen die Renditen nochmals etwas an, aber nicht dramatisch. Im Kredit- und High-Yield-Bereich ist unglaublicher Value. Trump und die robuste US-Konjunktur werden dafür sorgen, dass der Kreditausfall-Zyklus etwas nach hinten verschoben wird. Die Ausfallraten werden also moderat bleiben. Daneben spielen wir diverse Arbitrage-Strategien und setzen auf Rohstoffproduzenten und rohstoffproduzierende Länder. Wer gewillt ist, ein bisschen Risiko einzugehen, kann daher auch im aktuellen Marktumfeld vernünftige Renditen erzielen.

Smart Investor: Mr. Jones, Danke für das Gespräch.

Interview: Christoph Karl

Anleihen Stephen JonesStephen Jones ist Chief Investment Officer (CIO) des Asset-Managers Kames und leitet die strategische Ausrichtung aller Fonds des Hauses. Die Fondsgesellschaft ist eine Tochter des niederländischen Versicherungsunternehmens Aegon. In Summe verwaltet das im britischen Edinburgh und in London beheimatete Unternehmen ca. 50 Mrd. GBP. Kames ist insbesondere für seine Anleihefonds bekannt, die sich durch ein relativ flexibles Mandat auszeichnen. Die verantwortlichen Fondsmanager können damit die volle Klaviatur des Anleihemarktes spielen.