Smart Investor 5/2017 – Editorial

Ralf Flierl, Chefredakteur

Als ich am Morgen des 7. April noch schlaftrunken die Radiomeldung vom US-Bombardement eines syrischen Flughafens erfuhr, dachte ich zuerst an ein Missverständnis – ich konnte es einfach nicht glauben. Hatte Donald Trump seinen Wählern nicht versprochen, dass sich Amerika unter seiner Präsidentschaft auf sich selbst konzentrieren und das US-Militär die Welt nicht weiter mit Truppen, Drohnen und Krieg überziehen würde? Trump hatte so einige unsinnige oder kontraproduktive Ideen. Manches davon war für mich zähneknirschend hinnehmbar – aber nicht das, was am 6. April in Syrien geschah!

Ob der amerikanische Präsident wissentlich oder „aus Versehen“ den 6. April für seine Attacke wählte, kann ich nicht sagen. Aber genau an diesem Tag vor 100 Jahren, am 6.4.1917, waren die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Der damalige Präsident Woodrow Wilson hatte – genau wie Trump – im Wahlkampf Ende 1916 seinem Volk hoch und heilig versprochen, dass sich Amerika aus dem bereits seit drei Jahren währenden Krieg in Europa heraushalten würde.

Dass der Schlag gegen Syrien keine einmalige Sache gewesen sein dürfte, zeigen die zunehmenden Drohgebärden gegen den Iran und die Versendung von Kriegsschiffen vor die Küste Nordkoreas. Unter Hillary Clinton wären all diese Entwicklungen sicher wie das Amen in der Kirche gewesen. Unter Trump, so meine Hoffnung, hätte die Welt ein bisschen friedlicher werden können. Nach den jüngsten Vorkommnissen schwindet meine Zuversicht zusehends. Zu all den in den letzten Monaten hier genannten Problemen für 2017 kommt also noch eine sich zuspitzende Geopolitik hinzu.

Eine Ent-täuschung war für uns auch die Entwicklung bei unserem langjährigen Musterdepotwert Aurelius. Der amerikanische Short-Seller Gotham City hatte mit seiner Studie einen Crash in der Aktie verursacht. Die nachfolgende Stellungnahme des Aurelius-Vorstandes konnte uns nicht befriedigen. Wir trennten uns daher vom letzten Drittel unserer Ursprungsposition – zwei Drittel hatten wir glücklicherweise wenige Wochen vorher schon zu Höchstkursen verkauft. Mehr zu diesem spannenden Fall lesen Sie in den Beiträgen auf S. 6, 8 und 56.

Unsere Motive für den Verkauf der Aurelius-Aktien waren weniger die Argumente von Gotham City, sondern dass sich die Führungsebene mehr oder weniger heimlich in großem Maße von Unternehmensanteilen trennte und im Gegenzug die Managementvergütungen stiegen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was man bei eigentümergeführten Firmen erwartet. Ab S. 6 finden Sie mehrere Beiträge zu solchen Familiengesellschaften mit einer Reihe von Beispielen aus dem In- und Ausland.

In unserer Titelgeschichte zu Contrarian Investing (S. 20) versuchen wir den Blick dafür zu schärfen, dass es in gewissen Situationen lohnenswert sein kann, sich entgegengesetzt dem allgemeinen Zeitgeist an der Börse zu positionieren – sozusagen zum schwarzen Schaf zu werden. Im „großen Bild“ ab S. 36 erläutern wir, warum sich eine solche konkrete Situation vielleicht schon 2017 ergeben könnte. Auf der Tagung „EURO Endspiel“ am 27. Mai in Hamburg werden sicherlich einige dieser Themen noch vertieft behandelt werden (s. auch Anzeige auf S. 9). Smart Investor-Abonnenten erhalten einen Preisnachlass.

Mit den besten Wünschen

Unterschrift

Ralf Flierl